Rainer Jogschies Harburg-Buch besticht durch zeitlose Aktualität

Zur DNA eines Bezirks

Die gruseligsten Baustellen schafft sich auch heute noch Harburg selbst. (Foto: R.B. Jogschies)

Wer die DNA von Harburg zu ergründen sucht, sollte ein Buch gelesen haben, dass nicht neu aber umso aktueller ist. Ideal für Neubürger und Freunde der Realsatire in Harburg. Rainer Jogschies` „21 Hamburg 90“.

 Manche Bücher bekommen eine ganz eigene Aktualität, wenn sie schon etwas älter sind. Ganz wie ein gut abgehängter Schinken. „21 Hamburg 90“, benannt nach der alten Postleitzahl Harburgs, vom Journalisten Rainer Jogschies ist so eines.

Das Buch baut auf früheren Reportagen, die im 2000 eingestellten „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“, der „taz“, der „Szene Hamburg“ oder im „vorwärts“ erschienen und über seinerzeit tagesaktuelle Geschehnisse und Hintergründe im Bezirk Harburg berichteten. Jogschies schrieb die Reportagen aus den 80er und 90er Jahren quasi neu und veröffentlichte sie 2013, als die Internationale Bauausstellung (IBA) und Internationale Gartenschau (IGS) manche Orte des damaligen Geschehens aufs Neue behelligen sollten. Bis 2008 gehörte Wilhelmsburg zum Bezirk Harburg.

In 22 Reportagen / Kapiteln und auf gut 200 Seiten geht es im Grunde um „Geschichten von unten“. Und zwar Harburger Geschichten. Da ist die der Band „Clowns und Helden“ aus Harburg um Carsten Pape, die 1987 mit dem Hit „Ich liebe Dich“ bundesweit bekannt wurden. Oder die des „Eierwerfers“, der Anfang der 80er gegen die verfassungsfeindliche NPD demonstrierte und so selbst zum Verfassungsfeind mutierte. Die von Kriegsdienstverweigerer Andreas Kobs, der sich Mitte der 80er in der Johanniskirche in der Bremer Straße ans Kreuz fesselte oder die von Moorburgern und Altenwerderer, die sich gegen Plattmachung ihrer Dörfer wehrten (und immer noch wehren).

Vor allem ist es aber eine große Geschichte über Harburgs eigentümliche DNA. Eine Story, die den Blues Harburgs in Reportagen singt. Diese stete Arroganz, Ignoranz und Dilletanz von provinzieller Politik und Verwaltung, die Harburg über Jahrzehnte zu einem skurrilen Irgendwas im Süden der Elbmetropole machte. „Was in Harburg die Bomben der Briten und Amerikaner stehen gelassen hatten, fiel 27 Jahre nach der Befreiung einer sozialdemokratischen ´Stadtsanierung` zum Opfer.“

Es erinnert an die Stadtautobahn, die heute noch eindrucksvoll den Reeseberg von Harburg abschneidet, den Abriss von über 3000 Wohnungen im Zentrum, um das heutige Seeveviertel entstehen und verfallen zu lassen, das Durchpflügen ganz Harburgs mit dem Harburger Ring samt Atombunker im S-Bahnhof und bis hoch nach Heimfeld.

Es belegt, wie uneinsichtig und arrogant Bezirksamtsleitungen und Politik über Harburgs Menschen hinweg agierten und jene Baustellen ins Leben riefen, die noch heute wie Wundmale das alltägliche Geschehen in Harburg bestimmen. Und so bildet es im Grunde ein Schwarzbuch der Harburger Provinzpolitik wie auch der befeuerten Resignation, die jedem Außenstehenden an Harburg recht schnell auffällig wird.

Man könnte etliche Geschichten hinzufügen, die davor die gleiche Klaviatur spielten und es fortsetzen über die Gegenwart bis in die Zukunft. Und wer weiß, vielleicht wird Jogschies es tun.

Für Nicht-Harburger wird es sich vermutlich ein wenig wie Verschwörungstheorie lesen. Für Alteingesessene und Neubürger dieses südlichen Bezirks aber müsste es Pflichtlektüre sein, um auch die letzte Illusion zu verlieren, dass es in der weltoffenen Metropole mit rechten Dingen zuging oder zugeht. Mit einer guten Portion schwarzen Humors eine – trotz schwerer Kost – leicht und süffisant zu lesende Lektüre trotz oder gerade wegen ihrer Schilderung vorheriger Jahre.

Das Buch:

Rainer B. Jogschies: 21 Hamburg 90, Reportagen“, Nachttischbuch-Verlag, 2013, Taschenbuch: 220 Seiten, ISBN-13: 978-3-937550-22-0, Preis: 19,80€ (erhältlich im Buchhandel oder auch hier per Klick)

Weiterführend auch: netsamurai.de  und  nachttischbuch.de/hamburg

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