Das kulturelle Fundstück der diesjährigen HeideKultour:

Zu Tisch bei Irmgard Gottschlich

Der Tisch selbst als Kunstinstallation - hier bei der HeideKultour 2017. (Foto: Harald Finke)

Sonja Alphonso stellte kürzlich auf ´Tiefgang` Ideen und Köpfe der ´HeideKultour` vor und stieß dort auf ein besonderes künstlerisches Fundstück: den Tisch. Und Irmgard Gottschlich.

Irmgard Gottschlich begegnete ich das erste Mal im Heimfelder Kulturverein „alles wird schön“ anlässlich einer Finissage von ihrem Mann Harald Finke. Ich unterhielt mich angeregt mit beiden und besuchte das Künstlerehepaar auch einmal in ihrem Haus in Rehlingen.

Über sie erfuhr ich von der HeideKultour, ein temporäres Kunstevent in 3 Landkreisen und nahm daraufhin Kontakt zum Vorstandsmitglied von Heidekultour e.V. Florence Romberg auf, um auf diese Veranstaltungsreihe aufmerksam zu machen.

Irmgard Gottschlich hat sich in mehrfacher Hinsicht für die HeideKultour engagiert. Sie unterstützte beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit mit Pressemitteilungen und zum anderen initiierte sie „Kunst in Kulturstätten“ im Rahmen der HeideKultour.

 Der Tisch als Kulturgegenstand

Mit ihrer eigenen Installation „ErdbeerHochzeit“ hatte sie im Großen Saal der Villa Breiding ein besonderes Tischtuch aufgelegt und Gedecke aus Materialien zusammengestellt, die den Besuchern über die Schärfung des Bewusstseins für unsere Ernährung auch geistige Nahrung boten. Das Menü bestand aus gehaltvollen Mehrdeutigkeiten, die zum Nachdenken anregten.

Welches Verhältnis der Mensch zur Natur hat bzw. dieses verliert, ist das Grundthema der Künstlerin. Sie nähert sich einer Vereinigung von sinnlicher Wahrnehmung und geistiger Erkenntnis durch den Einsatz mythischer Bilderzählungen, zu denen der Betrachter einen assoziativen Zugang finden kann.

Die Installation sollte zudem an die Tradition der Besprechungen des Soltauer Unternehmens Röders erinnern und jenen Tisch ins Zentrum stellen, an dem der Rat der Familie Röders sich austauschte. Die „Erdbeerhochzeit“ bot nun Anlass zu ganz anderen Tischgesprächen. Über die Symbolik der Zeichnungen und Gegenstände, die Irmgard Gottschlich als Sinnbilder einsetzte, wurde der Tisch und seine vielfältige Nutzung als Kulturgegenstand aller Zeiten und Gesellschaftsstrukturen betont.

Weitere Werke gab es natürlich bei ihr zuhause zu sehen. Und im Austausch mit dieser klugen Frau vergeht die Zeit wie im Fluge.

 

Irmgard Gottschlich (Foto: H. Finke)

Tiefgang (TG): Irmgard, du hast künstlerische Themen, die sich viel mit den kulturellen Aspekten des Matriarchats beschäftigen und in starkem Kontrast zu den herrschenden patriarchalischen Strukturen stehen. Woher rührt dieses starke Interesse?

Irmgard Gottschlich: Mein Leben ist eigentlich ganz normal verlaufen – Kindheit, Ehe, Kinder. Irgendwann habe ich gemerkt, dass unsere normalen gesellschaftlichen Bedingungen und Regeln nicht mit mir übereinstimmen. Ich entdeckte Literatur über wissenschaftliche Frauenforschung und lernte die matriarchalen Kulturen kennen. Diese Gesellschaften lebten im Einklang mit der Natur hierarchielos mit allem, was ist und geschieht. Nichts war voneinander getrennt. Ich verstand mein Unbehagen und vor allen richtete ich es nicht mehr gegen mich selbst.

TG: Ich könnte mir vorstellen, dass du mit deinen radikalen – im Sinne von ursprünglich – Gedanken auch auf Widerstand oder Unverständnis stößt in einer Gesellschaft, die noch überwiegend von Männern dominiert wird. Wie gehst du mit Kritik um?

Irmgard Gottschlich: Ich verstehe Kritik nicht als Angriff, sondern als Chance, einerseits meine eigenen Überlegungen zu überprüfen, andererseits in diesem Fall als Unverständnis dessen, um was es geht. Unsere ganzen Probleme haben ihre Wurzeln im Patriarchat, das heisst in ausschließlich politischer und ökologischer Sicht auf unsere Wertesysteme. Es fehlt der Aspekt der Spiritualität.

TG: Würdest du dich als Frauenrechtlerin bezeichnen oder geht es dir vielmehr um ein tieferes Selbstverständnis?

Irmgard Gottschlich: Der Begriff Frauenrechtlerin gefällt mir nicht. Eher bin ich den verschiedensten Definitionen des Feminismus nah, am ehesten dem spirituellen Feminismus, der die alten mutterrechtlichen Kulturen nicht einfach weglässt aus unserer Geschichtsschreibung.

TG: Welche Emotionen kommen in deinen Werken zum Ausdruck? Verarbeitest du Trauer, Wut und Hoffnung in Bezug auf den IST-Zustand oder haben deine Bilder visionären Charakter?

Die ´Erdbeer-Hochzeit` in blau (Foto: H. Finke)

Irmgard Gottschlich: Der emotionale Antrieb meiner Arbeit ist Freude über das Erkannte und visionär Antrieb und berechtigte Hoffnung auf die Möglichkeit vieles umzusetzen, was gut ist für uns Menschen.

TG: Was würdest du als deine größte Stärke ansehen? Und gibt es auch etwas, womit du haderst und mit dir ins Gericht gehst?

Irmgard Gottschlich: Mittlerweile ist es mir möglich, wirkliche Probleme von den alltäglichen überflüssigen Scheinproblemen zu trennen.

Es fällt mit nicht immer leicht, Konflikte auszuhalten, ihnen nicht aus dem Wege zu gehen, ein Verhalten patriarchaischer Konditionierung besonders als weiblicher Mensch.

TG: Welcher Künstler hat dich in deinem Leben nachhaltig beeindruckt?

Irmgard Gottschlich: Joseph Beuys, der interdisziplinär arbeitete. Judy Chicago, die matriarchale Systeme und Arbeitsweisen einbezog.

TG: Liebe Irmgard, vielen Dank für dieses Interview.

Zur Website von Irmgard Gottschlich:irmgardgottschlich.de

(29. Mai 2017, das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

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