Am 4. November findet zum 14. Mal der Harburger Kulturtag statt

„Wir wollen Menschen ansprechen, die sonst nicht ins Museum gehen“

Beate Trede und Thorsten Römer in ihrer aktuellen Ausstellung ‚Duckomenta‘ im Helms-Museum (Foto: Alexander Holst)

Am 4. November 2017 findet der ‚14. ‚Harburger Kulturtag‘ statt. Für nur drei Euro Eintritt können einen Samstag lang 25 Museen und Kultureinrichtungen besucht werden – vom Archäologischen Museum Hamburg (Helms-Museum) bis zur Sammlung Falckenberg. Wir haben nachgefragt.

Kunst und Kultur haben in Hamburgs Süden einen hohen Stellenwert – und das ist am jährlichen Kulturtag direkt erlebbar. Einfach einen „Kulturtags-Pin“ für 3,- € kaufen, anstecken und die Türen der Kulturtagsorte stehen offen. Aber wie kam es zu dieser genialen Idee, die über die Jahre zur festen Institution wurde? Wir haben uns mit dem Geschäftsführer des Archäologischen Museums, Thorsten Römer, und der Pressereferentin Beate Trede über die Hintergründe unterhalten.

 

Tiefgang (TG): Wie kam es zu der Idee?

Thorsten Römer: Der Kulturtag ist mal unter dem Aspekt entstanden, die Kultur Harburgs an einem Tag auch mal für diejenigen zu öffnen und zu präsentieren, die vielleicht nicht zu den gängigen Museums-besuchern gehören, sondern mit Kunst und Kultur eigentlich nicht so viel am Hut haben. Im ersten Jahr waren nur drei große Player dabei: Die Sammlung Falckenberg, der Kunstverein Harburger Bahnhof und wir als Museum; also die drei größten Institutionen hier vor Ort. Die haben sich zusammengeschlossen, um sich einen Tag lang allen zu öffnen. Also quasi ein Tag der offenen Tür mit einer niedrigen Eintrittsschwelle, zu dem sich jeder eingeladen fühlen kann. Das hat sich über die Jahre so weit entwickelt, dass sich in diesem Jahr 25 Institutionen beteiligen. Es ist mittlerweile so groß geworden, dass Sie gar nicht mehr alles schaffen, ähnlich wie bei der langen Nacht der Museen. Dadurch ist das für den Süden eine richtige Institution geworden.

„Der Kulturtag ist für den Süden eine Institution geworden“

Ein wesentlicher Aspekt war auch immer, dass die teilnehmenden Institutionen fußläufig erreichbar sein sollen. Deswegen sind auch der Kiekeberg oder die Ballinstadt nicht beteiligt, obwohl sie nicht weit entfernt liegen. Aber die Idee war, uns auf die Kultur zu fokussieren, die hier im Harburger Zentrum zu Fuß zu erreichen ist. Aber natürlich spielt inzwischen auch der Harburger Binnenhafen eine Rolle, weil sich da in den letzten Jahren viel Kultur entwickelt hat.

ANna Tautfest – `Tuch`, im Kunstverein Harburger Bahnhof

Mit dem Kulturtag wollen wir die Barrieren abbauen, ins Museum zu gehen. Für Leute, die sonst einfach gar keine Verbindung zu Museen haben. Diese Menschen haben manchmal mentale Barrieren; zum Beispiel die Befürchtung, dass sie dort nicht hinpassen und vielleicht komisch angeguckt werden.

Wir wollen sagen: ‚Das Haus ist offen und jeder kann kommen. Für nur drei Euro kannst du 25 Einrichtungen besuchen.‘ Das hat natürlich auch einen finanziellen Anreiz, aber es geht weniger um die Frage, ob man sich Kunst und Kultur leisten kann. Die ist in der Regel in der Stadt immer noch so günstig, dass das theoretisch jeder können sollte.

TG: Bei der Vorrecherche für dieses Interview ist mir aufgefallen, dass man im Internet fast keine aktuellen Informationen zum Kulturtag findet. Es gibt nur eine weitestgehend leere Facebook-Seite und auf hamburg.de eine Ankündigung für den Kulturtag 2013. Warum?

Römer: Der Kulturtag ist grundsätzlich eine sich selbst organisierende Veranstaltung. Jeder, der teilnimmt, muss für sich selbst dafür sorgen, dass er ein vernünftiges Programm hat und sich ggf. Catering oder Bewachung organisieren. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Insofern gibt es immer Partner, die speziell für diesen Tag was Besonderes machen, sei es im Programm oder in der Betreuung der Gäste. Manche bieten z.B. Kaffee und Kuchen an. Aber das ist letztlich jedem selbst überlassen. Es gibt kein professionelles Kulturtags-Management; kein Organisationsbüro, wo alles zusammenläuft. Eine Ausnahme ist, dass Frau Trede für das Helms-Museum die Klammer bildet und bei der Flyer-Produktion den Hut aufhat. Da fällt auch viel Arbeit an. Wenn aber andere Anfragen kommen, à la ‚Man müsste doch mal…‘, dann sagen wir: ‚Mach es!‘

Eine sich selbst organisierende Veranstaltung

Wir schauen im Vorwege, wer dabei sein soll. Denn wir haben mittlerweile so viele Partner, dass wir auch überlegen müssen, ob es im Rahmen von Kunst und Kultur richtig ist, diesen und jenen mit aufzunehmen. Oder passt es nicht, weil es zum Beispiel eher Hobbymalerei ist. Aber grundsätzlich ist dieser Tag selbstorganisierend. Eine Homepage oder ähnliches würde viel Geld kosten; dieses Geld hat der Kulturtag nicht. Die Hamburger Sparkasse ist von Anfang an, also seit 13 Jahren, als Sponsor dabei, aber wir müssen mit dem Budget natürlich trotzdem sehr sorgsam umgehen.

TG: Wie bewerben Sie den Kulturtag bei solch einem kleinen Budget?

Römer: Wir haben von vornherein gesagt, dass wir keine Eintrittskarten auf Papier haben möchten, sondern etwas Besonderes; daher haben wir diese Pins eingeführt, die die Leute als Erkennungszeichen für den Kulturtag an ihrem Revers tragen können. Diese werden für 3€ verkauft. Jedes Jahr gibt es eine neue Farbe, was irgendwann schwieriger wird, weil wir dann alle Standardfarben schon mal hatten. Außerdem produzieren wir Plakate und Flyer, die bei den Partnern aufgehängt und verteilt werden. Darauf beschränken sich unsere Werbeaktivitäten.

Beate Trede: Wir sorgen schon dafür, dass diese Plakate und Flyer weit verbreitet werden. Alle Teilnehmer werden von uns damit versorgt, damit sie für die Veranstaltung werben können. Aber eben nur so, wie wir das mit eigenen Mitteln arrangieren können, ohne teure Werbung zu schalten.

TG: Sie haben eben erwähnt, dass Sie von der Stadt und vom Bezirksamt für den Kulturtag keine finanzielle oder organisatorische Unterstützung bekommen. Würden Sie sich das wünschen? Oder ist es okay, so wie es ist?

Römer: Nein, das ist so ok, wie es ist. Der Bezirk unterstützt ja auch grundsätzlich die Kultur hier im Bezirk. Das muss man hier vielleicht auch mal klar sagen. Gerade im Bezirk Harburg werden viele Projekte unterstützt. Das Bezirksamt hat zum Beispiel die Ansiedlung von Kultur im Binnenhafen unterstützt. Und sie unterstützen auch uns als Museum bei unserer neuen Museumsfiliale im Harburger Schloss, die wir hoffentlich bis Ende nächsten Jahres umgesetzt haben werden. Also aus unserer Sicht gibt es da keinen Grund zu klagen.

Michael Zabels ´Brigg vor Blankenese` u.a.m. in der Galerie Lehmann.

Dass sich einzelne Einrichtungen und jeder grundsätzlich mehr wünschen würde, gerade für kleinere Objekte oder Projekte, die sich entwickeln, kann ich nachvollziehen. Aber unser Kontakt zum Bezirksamt ist ganz hervorragend, wir fühlen uns da sehr gut aufgehoben. Und der Kulturtag ist tatsächlich auch ohne das Zutun des Bezirksamts entstanden, und wir haben im Moment auch gar keine Notwendigkeit, jetzt dort um Geld zu bitten. Und deswegen ist die Organisation aber eben auch so aufgebaut wie sie ist, ohne eine eigene Homepage, eine permanente Social Media Kampagne oder große Werbung. Wenn wir das vorhätten bräuchten wir pro Jahr locker 80-100.000 Euro. Dann ist der Kulturtag entweder tot oder einer macht die Schatulle auf. Da ich an das letztere nicht wirklich glaube, machen wir es lieber so und es funktioniert und alle sind glücklich. Aber das bezieht sich nur auf den Kulturtag. Damit will ich nicht sagen, dass sich SuedKultur oder andere nicht durchaus Unterstützung von anderen wünschen würden, was durchaus legitim ist. Aber das Bezirksamt ist im Bereich Kunst und Kultur tatsächlich sehr stark engagiert.

TG: Harburg ist ja sehr multikulturell geprägt, es treffen also viele verschiedene Kulturen unmittelbar aufeinander. Aber wie kulturinteressiert sind die Harburger?

Römer: Wir können das zwar nicht empirisch belegen, aber wir gehen davon aus, dass ein Großteil der Besucher aus der Region Harburg und Süderelbe kommt, schätzungsweise 95%. Mittlerweile besuchen uns aber auch Menschen, die nördlich der Elbe wohnen, weil sich der Kulturtag mittlerweile rumgesprochen hat und insbesondere in der Kulturszene auch einen guten Ruf genießt.

TG: Viele Hamburger aus den Stadtteilen nördlich der Elbe haben ja traditionell Vorbehalte gegenüber den südlichen Stadtteilen und nehmen auch kulturelle Angebote hier kaum wahr. Ist das immer noch so?

Römer: Die Frage werden Sie in 50 Jahren immer noch stellen können und sie wird immer noch mit ´ja` beantwortet werden. Das kann man glaube ich nach wie vor so sagen, dass es für den Poppenbüttler einfacher ist in die Hamburger Innenstadt zu fahren als in den Süden und hier Kultur wahrzunehmen. Das wird durchbrochen durch einzelne Angebote wie z.B. die Sammlung Falckenberg, die ja wirklich einen Weltruf hat. Auch wir ziehen mit unserer aktuellen Weltausstellung ‚Duckomenta‘ viele Hamburger nördlich der Elbe an. Aber bezogen auf den Kulturtag ist es natürlich schwieriger, jemanden aus Altona, Poppenbüttel oder Norderstedt von einem Besuch zu überzeugen als den Harburger. Und jemand, der in Buchholz oder Maschen wohnt, hat weniger Berührungsängste mit dem Hamburger Süden als das vielleicht nördlich der Elbe noch der Fall ist.

„Der Hamburger Süden ist für viele immer noch fremdes Terrain“

TG: Aber dann sagen Sie, dass das gar nicht so sehr daran liegt, dass die Leute die Süderelbe-Region nicht mögen…

Römer: …die kennen es nicht. Die kennen es einfach nicht. Das ist glaube ich der Hauptpunkt. Denn wenn Sie keinen Bezug dazu haben, dann sind Sie da auch nicht. Und trotzdem ist es natürlich immer noch so, dass der Süden für den Hamburger immer noch so ein fremdes Terrain darstellt und die Schwellenangst immer noch ein bisschen größer ist. Aber ich glaube, wer mal hier war, weiß gerade die Süderelbe-Region sehr zu schätzen. Letztlich ist der Bezirk ja mit der S-Bahn sehr gut ange-bunden. Vom Hauptbahnhof dauert das 13 bis 15 Minuten. Das ist so dicht, das schlägt jeden Innenstadtverkehr. Wer von Poppenbüttel in die Innenstadt fährt braucht viel länger als ein Hamburger, der in der Innenstadt wohnt und mal nach Harburg kommt.

Das Harburger Theater gibt Einblicke

Aber der Süden hat eben eine besondere Rolle, die auch historisch begründet ist. Harburg war ja bis 1937 selbstständige Stadt und wurde dann durch das Groß-Hamburg-Gesetz der Nationalsozialisten an Hamburg übertragen. Und bis vor ca. 35 Jahren gab es ja auch die S-Bahn noch nicht. Da musste man immer mit der Regionalbahn anreisen.

„Die Kernzielgruppe sind die Harburger – alteingesessene und neue“

Römer: Natürlich freuen wir uns über jeden zugereisten Besucher. Der Kulturtag ist aber haupt-sächlich darauf ausgerichtet, den Menschen von hier die Kultur vor ihrer Haustür näherzubringen: Ein Tag für alle Harburgerinnen und Harburger; alle, die sich dazugehörig fühlen. Also auch Menschen aus dem Landkreis oder der Harburger, der jetzt in Poppenbüttel wohnt. Dieses Jahr ist auch die Initiative ‚Wir sind Harburg‘ dabei. Im letzten Jahr war eine andere Initiative beteiligt, die auch Flüchtlinge eingebunden hat. Dort wurden Kunstwerke von Geflüchteten gezeigt, bis hin zu einem Kunstprofessor aus Syrien, der selbst vor Ort war. Insofern reicht die Besuchergruppe von den Alteingesessenen, den Neuangekommenen und allen, die Lust und Interesse an Kunst und Kultur haben.

TG: In manchen anderen europäischen Städten gewähren alle öffentlichen Museen an ausgewählten Tagen freien Eintritt: In Rom z.B. immer am ersten Sonntag im Monat, in Barcelona an jedem Sonntag ab 15 Uhr. Damit sollen vor allem die Einheimischen motiviert werden, die Museen ihrer Heimatstadt zu besuchen. Wäre das nicht auch ein interessantes Model für Hamburg?

Römer: Ja, also es gibt ja ganz viele unterschiedliche Ansätze, die die Städte wählen. Das, was Sie gerade beschrieben haben, ist eine Variante. Es gibt z.B. auch Häuser, die ein Modell fahren, das nennt sich ‚Pay what you want‘. Dass also jeder das zahlt, was ihm die Ausstellung wert ist. Man glaubt vielleicht, dass die Leute das brutal ausnutzen und alle gar nichts zahlen. Aber im Schnitt passt das meistens. Also es gibt unterschiedliche Ansätze, wie Sie Publikum ins Museum ziehen können. Die Preispolitik ist sicherlich auch ein Aspekt, aber nicht der alleinige Treiber. Die Logik, dass mehr Besucher kommen, wenn es nichts kostet, ist sicherlich korrekt. Ob das der richtige Weg ist, muss man an anderer Stelle auch noch mal diskutieren. Aber grundsätzlich gibt es immer Überlegungen, wie man auch mal Leute überzeugen kann, ins Museum zu gehen, die sonst vielleicht nicht kommen. Und der Kulturtag ist auch ein Angebot dieser Art. Denn 25 Angebote für drei Euro ist ja fast geschenkt. Und die Idee dahinter ist natürlich, dass man Menschen doch für Kunst und Kultur interessiert, die später noch mal wiederkommen oder sich andere Museen anschauen.

TG: Wie viele Besucher haben Sie denn beim Kulturtag pro Jahr?

Römer: Das variiert natürlich. Je nachdem, wie das Angebot ist. Wir hatten Jahre, da waren mehrere tausend Besucher hier. In anderen Jahren fehlten richtige Highlights, da waren es dann auch mal weniger. Aber wir können es auch nur so ein bisschen am Pinverkauf messen. Ich glaube die Messlatte liegt so zwischen 1.000 und 3.000 Besuchern.

„Lieblingsstücke“ wie das Rote Telefon im ´electrum`

 

Trede: Aber die Pinverkäufe sind ja auch kein verlässliches Messinstrument. Denn die Besucher gehen mit einem Pin vielleicht in fünf verschiedene Häuser. Diese Zahl wird der wahren Wirkung also nicht gerecht. Aber eine Abfrage bei den Häusern, wie viele Gäste dort waren, funktioniert leider nicht. Die meisten sind überfordert, neben all den anderen Aufgaben auch noch die Besucher zu zählen.

Ein bunter Blumenstrauß an Kunst und Kultur

TG: Haben Sie noch einen persönlichen, subjektiven Tipp, welche Einrichtung man beim Kulturtag unbedingt besuchen sollte? Gibt es eine Attraktion, die Sie besonders herausstellen wollen – abgesehen vom Helms-Museum?

Römer: Ich glaube, das kann man tatsächlich nicht machen. Denn wenn Sie sich das Programm anschauen, werden Sie feststellen, dass es eine riesige Bandbreite an Angeboten gibt. Sie reicht von Ausstellungen über musikalische Darbietungen bis zu integrativen Initiativen wie „Wir sind Harburg“, wo man mit Flüchtlingen gearbeitet hat. Es ist einfach ein bunter Blumenstrauß an Kunst und Kultur, der hier geboten wird. Manchmal gibt es auch versteckte Perlen, die man normalerweise nicht so wahrnimmt, zum Beispiel den Alten Friedhof. Aber ich glaube jedes Angebot für sich ist sehenswert. Und da man eh nicht alles schafft, muss man eine Auswahl treffen und kann dabei wirklich aus einer riesen Palette wählen. Da jemanden rauszustellen wäre ungerecht. Außer natürlich zu sagen, zu uns ins Helms-Museum muss man auf jeden Fall kommen. (lacht)

Trede: Und dann gibt es natürlich auch noch Einrichtungen, die nicht immer geöffnet sind, etwa ‚Künstler zu Gast in Harburg’. Dafür öffnet der Künstler, der gerade im Mayr‘schen Haus residiert, sein Atelier. Da kommt man sonst gar nicht rein. Auch die Falckenberg-Sammlung ist nicht immer zugänglich. Das ist dann eine tolle Gelegenheit, da mal reinzugehen.

TG: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview für TIEFGANG führte Alexander Holst.

Das komplette Programm können Sie hier herunterladen: Harburger Kulturtag Flyer.pdf

Einige Künstler*innen und Ausstellungsorte stellen wir im Vorfeld des Kulturtages hier im `Tiefgang` vor.

Bisher:

Peter Saul – Die Ästhetiken des Virtuellen

Ute Lübbe – Bestechende Kunst der Insekten 

Alexandra Seils – Die Erkenntnis der Freiheit
Ulrike Hinrichs & „Wir sind Harburg“ – Das Recht auf Kunst und Perspektiven

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