Erfahrungen und Erkenntnisse eines Corona-Erkrankten

„Wir passten nicht ins Raster“

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Wie ist es für Menschen, die positiv auf das Virus getestet wurden? ´Tiefgang`-Schreiberin Sonja Alphonso ging dem auf die Spur…

Man erfährt so gut wie nichts über unmittelbar Betroffene der Pandemie, außer der Anzahl der Infizierten, Toten und Genesenen. Wie ist es für Menschen, die positiv auf das Virus getestet wurden? Wie erleben sie die Zeit der Quarantäne? Und wie geht es den Angehörigen damit?

Ich kenne nur eine Person, die ich fragen kann: Wilfried Abels.

Tiefgang (TG): Wie kam heraus, dass deine Familie sich mit Covid-19 angesteckt hat?

Wilfried Abels: Nun, das war erstmal gar nicht so klar. Das wurde von uns als üblicher kleiner grippaler Infekt wahrgenommen. Unser Jüngster war halt etwas „angegrippt“. Er war schlapp, hatte erhöhte Temperatur. Das war es auch schon. Wir haben drei Kinder. Da ist sowas fast schon an der Tagesordnung. Irgendwo holt sich halt immer mal wer was. Zeitgleich traten bei meiner Frau, mir und auch unserer mittleren Tochter ähnliche Symptome auf. Jeweils ein bisschen unterschiedlich gelagert, aber alles nichts Ungewöhnliches. Wir haben da erstmal nur geseufzt und mit den Schultern gezuckt. Das ist in so einer fünfköpfigen Familie halt üblich. Einer schleppt was an. Alle haben das Vergnügen.

Wir haben dann zum ersten Mal aufgehorcht, als plötzlich, von einem Tag auf den anderen, bei meiner Frau und mir, der Geruchs- und Geschmackssinn vollständig weg war. Und das obwohl wir nicht erkältet waren und unsere Nasen frei waren. Das hatten wir so noch nie erlebt. Das war der Moment, wo wir zum ersten Mal überlegten, ob das, was wir gerade haben, vielleicht doch kein einfacher grippaler Infekt ist. Dann haben wir uns an unseren Hausarzt gewendet, der dann das Gesundheitsamt informierte.

TG: Konnte nachverfolgt werden, wer von euch sich bei welcher Gelegenheit angesteckt hatte und das Virus mit nach Hause brachte?

Wilfried Abels: Nein, das ist bis heute nicht geklärt. Das war in der Hochphase der Neuinfektionen. Wir hatten ausführlich mit dem Gesundheitsamt telefoniert, aber eine belastbare Theorie konnten wir nicht entwickeln. Wir waren da alle schon länger im Homeoffice und hatten nur absolut minimale Außenkontakte. Insofern ist das bis heute nicht geklärt.

Das war auch das Problem, um überhaupt getestet zu werden. Unser Hausarzt hat uns da glücklicherweise gleich ernst genommen, als ich ihn angemailt und unsere Bedenken geschildert hatte. Aber von dem Zeitpunkt, bis das Gesundheitsamt zum Testen vorbei kam, verging noch eine gute halbe Woche. Wir passten halt nicht ins normale Raster. Wir waren in keinem Risikogebiet gewesen und wir hatten, zumindest wissentlich, keinen Kontakt zu einem Corona-Erkrankten.

Fairerweise muss man aber sagen, dass in dieser Zeit das Gesundheitsamt auch schon mit den offensichtlicheren Fällen mehr als ausgelastet war. Und die Testkapazitäten waren auch sehr knapp. Deshalb wurden von uns fünf auch nur zwei Personen getestet, wovon dann ein Test eindeutig positiv war und einer uneindeutig. Hierzu meinte unser Hausarzt, dass die Tests eigentlich eh schon zu spät gemacht worden seien, da der Virus hauptsächlich nur in der Anfangsphase nachweisbar sei. Um wirklich sicher zu sein, ob wir alle Covid-19 hatten, müssen wir aber auf zuverlässige Antikörpertests warten.

TG: Wie habt ihr den Ausbruch der Krankheit erlebt?

Wilfried Abels: Am schwierigsten war es, sich am Anfang erstmal klar zu werden, wie man mit der Situation umgeht. Die Frage war: „Kann das wirklich Covid-19 sein? Oder bilde ich mir das nur ein und es ist ein ganz normaler Infekt?“ Man will ja sich und das Gesundheitssystem auch nicht umsonst verrückt machen. Zu der Zeit gab es ja auch haufenweise Fehlalarme, weil Leute bei jedem Husten gleich die Sorge hatten, dass sie erkrankt sein könnten. Man will in dem Fall nicht unbegründet Freunde und Nachbarn einspannen, um für einen einkaufen zu gehen.

Andererseits wollten wir, falls wir tatsächlich Covid-19 haben sollten, auch keine anderen Menschen in Gefahr bringen. Aber nur auf eine Vermutung hin, sich selbst komplett zu isolieren, ist halt auch schwierig. Diesen Zwiespalt zu handhaben, solange noch nicht getestet wurde, das war noch mit das Schwierigste.

TG: Meines Wissens musste niemand von euch im Krankenhaus medizinisch versorgt werden, also war der Verlauf vergleichsweise harmlos. Was war das Schlimmste an der Krankheit?

Wilfried Abels: Ja, der Verlauf war relativ harmlos. Wir hatten Glück. Wir alle hatten nach den Kategorien des RKI nur einen milden Verlauf. Die eigentlichen Krankheitssymptome waren auch gar nicht so schlimm. Da hatte ich schon grippale Infekte, die deutlich unangenehmer waren. Während der Erkrankung selber hatte ich keine echten Probleme. Ich hatte nie an Kurzatmigkeit oder sowas gelitten. Allerdings habe ich mich da auch nicht weiter als zwischen Couch und Bett bewegt.

Was aber bei dieser Erkrankung am übelsten war, war wie hartnäckig sie war, und wie schlapp sie uns alle gemacht hat. Als ich wieder anfing, mich normaler zu bewegen, da merkte ich erst, wie kurzarmig ich wirklich war. Selbst nach mehreren Wochen, als wir schon lange wieder aus der Quarantäne entlassen waren, waren wir noch weit davon entfernt, voll einsatzfähig zu sein. Selbst kleine Spaziergänge durch den Stadtteil waren noch ziemlich anstrengend. Da wurde mir erst im Nachgang klar, wie stark meine Lunge wirklich angegriffen wurde. Und unseren Geschmacks- und Geruchssinn haben meine Frau und ich noch immer erst in Ansätzen wieder.

TG: Wie habt ihr euch zuhause informiert, welchen Quellen vertraut?

Wilfried Abels: Grundsätzlich über die üblichen Medien (Fernsehen, Radio, Internet). Wenn wir aber was genauer recherchieren wollten, waren die Webseiten vom Robert-Koch-Institut und der John-Hopkins-Universität unsere erste Anlaufstelle. Für Informationen zu den Maßnahmen, haben wir die Seiten Hamburger Behörden zu Rate gezogen.

TG: Gab es Diskussionen innerhalb der Familie, ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind oder nicht? Bzw. wie habt ihr die öffentlichen Debatten erlebt?

Wilfried Abels: Wir haben schon viel diskutiert. Allerdings weniger, ob das sinnvoll ist oder nicht. Da war schon ziemlicher Konsens, dass das im Groben alles so richtig ist. Aber wie geht man damit um? Was macht das mit einem? Das waren schon so Fragen, die uns einzeln und als Familie stark umgetrieben hat. Lagerkoller ist bei so einer Familie auch immer ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man solange zusammen hockt.

TG: Seid ihr jetzt eigentlich immun oder bleibt ein Restrisiko, dass ihr euch nochmals infizieren könnt?

Wilfried Abels: Nun, wie soll ich das beantworten, wenn die Virologen weltweit darauf noch keine abschließende Antwort haben? Das ist ehrlich gesagt so eine Frage, wo ich selber als Wissenschaftler immer etwas, … hm, wie formuliere ich das …, ungeduldig werde.

Ich verstehe sehr, sehr gut, dass Menschen gerne klare Antworten haben wollen. Und ich verstehe auch, dass sie sich diese Antworten gerade in solchen Krisenzeiten von Wissenschaftlern und von Politikern wünschen. Doch diese klaren Antworten gibt es nicht. Weder Politiker noch Wissenschaftler sind Hellseher und haben keine Glaskugel, um in die Zukunft zu sehen.

Exakte Wissenschaft bedeutet nicht, dass man exaktes Wissen hat. Das wird leider häufig verwechselt. Exakte Wissenschaft bedeutet nur, dass man einen exakten Weg der Erkenntnisgewinnung hat. Aber im Gegensatz zu theologischen Systemen, gehen Wissenschaftler nicht von universellen Wahrheiten aus, sondern nur von immer wieder neu zu überdenkenden Zusammenhängen, die auf einem beobachteten Verhalten der Welt beruhen. Wenn neue Beobachtungen gemacht werden, dann müssen die bisher vermuteten Zusammenhänge neu überdacht und gegebenenfalls auch verworfen werden. Das ist dann kein „Beweis“ dafür, dass „die da alle das ja auch gar nicht wissen“ und jede beliebige Verschwörungstheorie von gleicher Wertigkeit sei, sondern es ist ein ganz zentraler und natürlicher Teil des wissenschaftlichen Prozesses. So funktioniert seit der Epoche der Aufklärung die Wissenschaft. Das ist langsam und anstrengend, und auch immer wieder frustrierend. Aber genau dies hat uns alle erst so weit gebracht, wie wir heute sind.

Insofern, um nach diesem kleinen Exkurs in Richtung Erkenntnistheorie auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen, natürlich gibt es ein Restrisiko, wie immer und überall im Leben. Man weiß auch bisher einfach zu wenig. Es gibt ja auch noch keine Langzeitstudien, da die längste Zeit, dass jemand die Krankheit überwunden hat, nur einige Monate beträgt. Allerdings ist es nach dem bisherigen Stand der Dinge wohl unwahrscheinlich, dass wir uns in näherer Zukunft erneut infizieren können.

TG: Allgemein ist die Pandemie noch längst nicht ausgestanden. Wir alle werden – auf sehr unterschiedliche Art – zu Zeitzeugen einer historischen Ära. Was denkst du, wird sich durch die Erfahrung mit Covid-19 grundlegend verändern?

Wilfried Abels:  Tja, gute Frage. Ich bin sicher, dass die Pandemie einen großen Einfluss haben wird. Aber in welche Richtung? Ich weiß es nicht. Jedes einschneidende Ereignis führt zu Veränderungen, die Chancen und Risiken bedeuten. Das ist aber nur eine Plattitüde, die nichts aussagt.

Während meiner Quarantäne bin ich seit langem mal wieder dazu gekommen zu lesen und habe mir in Ruhe den neuen Roman von Jan Christoph Nerger „S7 – Irrfahrt übers Zeitgleis“ durchgelesen. Da spielte in einer Szene die spanische Grippe eine Rolle und es wurde gut gezeigt, wie diese ein Baustein war, der die kommende Katastrophe begünstigte. Das war schon ein seltsames Gefühl, wenn man gerade selber an so einer Pandemie erkrankt ist.

Ich denke wir müssen alle aufpassen, dass die wirtschaftlichen Verwerfungen, die jetzt auf uns zurollen, nicht von den Populisten jeglicher Gattungsart ausgenutzt werden. Auch wenn ich mich selber eher in der links-grün-versifften Ecke verorten würde, meine ich damit nicht nur die Rechts-Populisten. Im Moment sieht man leider aus allen Ecken Populisten herauskriechen. Momentan ist es erschreckend, wie da jeder versucht, seine ganz eigenen Privatinteressen als staatstragend zu verkaufen.

Aber ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch und denke, dass wir alle miteinander die Kraft haben, diese Krise zu überstehen und vielleicht sogar anschließend die Welt ein bisschen besser machen können. Im Gegensatz zu früheren Generationen haben wir Möglichkeiten, auf die Pandemie zu reagieren, wie es noch nie in der Menschheitsgeschichte möglich gewesen ist. Die Welt hat rund um den gesamten Globus in einem Tempo reagiert, wie es noch niemals vorher geschehen ist. Die Entschlüsselung des Virus passierte in einem Tempo, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Die Entwicklung eines Impfstoffes hat bis vor kurzem noch Jahre gedauert. Jetzt laufen nach diesen wenigen Monaten schon die ersten klinischen Studien mit Menschen an. Der Spanischen Grippe war die Menschheit ziemlich hilflos ausgeliefert. Die Menschen damals mussten das einfach erleiden. Wir haben heute Möglichkeiten, aktiv gegen die Pandemie vorzugehen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir sowohl im eigenen Land alle Menschen mitnehmen, aber auch nicht vergessen, dass es weltweit viele Menschen gibt, die in Ländern mit viel schlechter funktionierenden Gesundheits- und Staatssystemen leben. Z.B. muss verhindert werden, dass ein Impfstoff, wenn er denn da ist, nur für die reiche zahlungskräftige Bevölkerung in den Industriegesellschaften produziert wird.

Doch im besten Fall schaffen wir es durch diese Krise vielleicht ja auch wieder als Gesellschaft ein bisschen mehr Mut zurückzugewinnen. Vielleicht lernen wir wieder, an unsere Fähigkeit zu glauben, die Zukunft aktiv und positiv gestalten zu können. Aufgaben gibt es ja wahrhaftig genug.

TG: Du arbeitest an der TUHH. Glaubst du, dass Wissenschaft, Forschung und Technik an Bedeutung gewonnen haben?

Wilfried Abels: Hmm, warten wir es mal ab. Im Moment überschlagen sich ja alle mit Bekenntnissen zu Wissenschaft und Technik. Ich reibe mir momentan z.B. ziemlich die Augen, wie auf einmal jeder die Digitalisierung vorantreiben will.

Doch seit gut 30 Jahren, seitdem ich noch ein junger, etwas verschrobener Computer-Nerd der ersten Generation war, hängt Deutschland bei dem Thema locker zehn bis fünfzehn Jahre hinter dem Ausland her. Ende der 1980er Jahre hatte ich schon in den Niederlanden mal ein nettes Gespräch mit einem Elektronik-Verkäufer geführt, der sich sehr über die damalige Deutsche Bundespost amüsierte, als es um das Thema Datenkommunikation ging, weil diese alles, was auch nur entfernt nach Innovation roch, als geradezu blasphemisch von sich wies. Und seit damals hat sich an der Mentalität in Deutschland, wenn es um technische Innovation geht, nicht grundsätzlich was geändert.

Wenn es jetzt überall heißt: „Ja, Deutschland braucht einen Innovationsschub!“, dann antworte ich mal mit einem Zitat von Goethe aus Faust: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“

TG: Du bist nebenher auch Fantasy- und Science Fiction-Autor und auch Mitglied einer Second Life-Community namens „Brennende Buchstaben“. Dort finden Online-Lesungen im virtuellen Raum statt. Ein Format, das mehr Zukunft hat, weil Avatare sich nicht anstecken können?

Wilfried Abels: Ich denke schon, dass das Thema Online-Veranstaltungen in Zukunft einen größeren Raum einnehmen wird als bisher. Die Brennenden Buchstaben sind schon seit über zehn Jahren dabei, virtuelle Formate zu entwickeln. Es geht dabei ja auch nicht nur um Avatare, die computerspielartig durch die Gegend laufen, sondern grundsätzlich um Fragen wie:

Wie können sich Kulturschaffende präsentieren? Wie kann man ortsunabhängige Veranstaltungen organisieren? Wie beeinflusst Technologie Kultur? Wie kann man neue visuelle Kunstformen schaffen. Wo liegen Grenzen? Was gibt es für Möglichkeiten?

Da wurde in den letzten Jahren von vielen Mitstreitern und vor allem dem Organisator Thorsten Küper eine hervorragende Arbeit geleistet. Bald zweihundert Autoren ist so Raum für Veranstaltungen geschaffen worden, wo Ländergrenzen übergreifend Lesungen organisiert wurden, und wo ein sehr reger Austausch und eine internationale Vernetzung zwischen Kulturschaffenden erreicht wurde. Diese Formate wurden bisher gerne ein bisschen als Spielerei belächelt. Doch ich denke, so ganz langsam fängt ein Umdenken statt. Außerdem, ist Spielen und Spielerei nicht der eigentliche Motor jeder Entwicklung?

TG: Die Pandemie wird vermutlich viel Stoff liefern, um Geschichten zu erzählen, die den nüchternen Zahlen Leben einhauchen. Wird der von dir gegründete und ehrenamtlich betreute awsLiteratur Verlag das Thema in einer Anthologie aufgreifen?

Wilfried Abels: Oh, sehr gerne! Das wäre auf jeden Fall ein spannendes Projekt. Allerdings möchte ich an dieser Stelle kurz das Konzept unseres Verlagsprojektes bei Alles wird schön e.V. erläutern. Unser Verlag ist kein klassischer Verlag mit einem speziellen Verlagsprogram, das von einem Leitungskomitee von oben bestimmt wird und dann umsetzt. Wir sind ein Do-It-Yourself Verlag. Bei uns steht der Community Gedanke im Vordergrund, wo wir eine Art Plattform zur Verfügung stellen wollen, auf der sich Autor*innen gegenseitig unterstützen. Unsere Aufgabe sehen wir primär darin, diesen Prozess des gegenseitigen Unterstützens zu koordinieren und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Wir versuchen, helfend und steuernd Projekte zu begleiten und vor allem technische Unterstützung bei Themen wie Layout, Cover, ISBNummern und Druckvorbereitung zu liefern. Das eigentliche Buchprojekt muss aber von der/dem Autor*in selber geleistet werden. Da wir alle nur ehrenamtlich tätig sind, sind unsere Ressourcen leider sehr begrenzt. Doch wenn sich eine kleine Projekt-Gruppe „Covid-19-Anthologie“ zusammenfinden würde, die gerne so eine Anthologie erstellen möchte und die sich um die Zusammenstellung der Geschichten, das Lektorat und das Korrektorat kümmern würde, dann wäre es uns bei awsLiteratur eine Freude, so ein Projekt heraus zu geben.

TG: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview – und bleibt gesund!

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