Das Wilhelmsburger Projekt „Minitopia“ geht große Ideen in kleinen Schritten an:

„Wir müssen unsere Ängste ablegen!“

Kaum zu glauben, aber wir haben alles im Überfluss! (Foto: Minitopia)

Das Konto ist leer und der Kopf voller Sorgen. Was soll da das Gerede von Bio und besserer Welt? Das Team von ´Minitopia` sagt: kein Stress – wir haben alles im Überfluss! Das wollten wir genau wissen …

Minitopia – Spielplatz urbaner Selbstversorgung“ – so beschreibt sich ein Projekt in Wilhelmsburg, das gerade eine Crowdfunding-Kampagne über 12.000 Euro beendete. Ihr Ziel ist es eine neue Art Selbstversorgung auszutesten. Und wofür dann das Geld? Es müssen Toiletten und eine Spülküche eingebaut, Zäune gezogen, Bäume beschnitten und einige Leitungen verlegt werden. Sie machen fast alles selbst, aber für einiges müssen eben doch Profis ran. Und die kosten eben Geld. Mit den 12.000 € aus dem Crowdfunding hoffen sie, all das nun umzusetzen. Wir haben Stefanie Engelbrecht aus dem Team von ´Minitopia` ein paar Fragen gestellt, was genau es damit.

Tiefgang (TG): „Minitopia“ – was genau verbirgt sich nun hinter diesem Namen?

Stefanie Engelbrecht: Minitopia meint große Utopie in Klein. Utopie ist ja ein Wunschtraum, also etwas eigentlich Unerreichbares, aber wir wollen diese große Vision einer gerechten, freien, gesunden Welt in einer Miniversion – eben auf Minitopia – ausprobieren. Als eine Art Blaupause. Und vielleicht ist das Ganze ja gar nicht so utopisch.

TG: Euer Verein nennt sich Alternation e.V.. Was steckt hinter diesem Namen für eine Idee?

Engelbrecht: Ursprung von Alternation ist unsere Internetplattform www.alternation.info, auf der wir weltweit Community-Projekte portraitieren, die alternative Konzepte in Themenbereichen wie Bildung, Ernährung, Wohnen, Wirtschaften etc. ausprobieren. 2013 haben wir für unser Festival „Parallel Crossings“ zum Thema „Städte der Zukunft“ unseren Verein Alternation e.V. gegründet. Seitdem versuchen wir mit verschiedenen Formaten – Screenings, Showcases, Workshops etc. – Leute zu inspirieren und zu motivieren, ebenfalls aktiv zu werden. Mit Minitopia bauen wir nun an einer Alternation-Plattform im „realen“ Leben.

Foto: Minitopia

TG: Wann ist wem die Idee entstanden, wie lange ist es her und kann man es als eine Art „Lebensprojekt“ verstehen oder doch „nur“ auf Zeit?

Engelbrecht: Die Idee zu Minitopia ist Ende 2016 entstanden bei einem Spaziergang im Hinterland von Wilhelmsburg. Wir haben ein verwildertes Grundstück mit verlassenen Gebäuden entdeckt und hatten sofort die Vision, was an so einem Ort entstehen könnte. Das Grundstück ist es dann nicht geworden wegen Hochwassergefahr, Gebäudesubstanz etc. Aber die Idee zu Minitopia war geboren, wir haben das Konzept entwickelt, ein passendes Grundstück gesucht, Anträge geschrieben, Spenden gesammelt etc. und Mitte März losgelegt. Für uns persönlich ist Minitopia ein Lebensprojekt. Mit unserem Verein haben wir jetzt erstmal die Trägerschaft übernommen; langfristiges Ziel ist es aber, das Projekt als Community-Projekt mit einer selbstverwalteten Struktur dauerhaft zu betreiben. Das ist ein offener Prozess und wir sind sehr gespannt, wie sich alles entwickelt.

Die Vorher-Nachher-Show von Minitopia …
und fertig ist die Laube! (Fotos: Minitopia)

TG: Ein Leben ohne Supermarkt und Geld – klingt sympathisch. Aber geht das überhaupt?

Engelbrecht: Das ist utopisch. Aber wir sind ja Minitopia, also – ausprobieren!

 TG: Gibt es denn eine persönliche Erfahrung mit dem „Supermarkt“?

Engelbrecht: Wir wollen nicht den Supermärkten ihre Existenzberechtigung absprechen, das wäre ja verrückt. Und wir wollen auch gar nicht politisch werden, soweit das überhaupt möglich ist. Aber wenn ich weiß, wie ich im Hinterhof, auf dem Dach, auf dem Balkon oder auch nur auf der Fensterbank selbst Lebensmittel anbauen kann, schwindet vielleicht die Angst, verhungern zu müssen, wenn das Konto leer ist. Die Natur gibt alles im Überfluss, wir haben nur verlernt, uns diesen Überfluss nutzbar zu machen. Laut einer Studie der HCU könnte sich Hamburg mit seinen Bauern und Ackerflächen theoretisch komplett aus dem Umland ernähren. Das ist doch erstrebenswert. Und da sind auch die Supermärkte aufgefordert.

TG: Was ist Eure persönliche Erfahrung mit dem „Geld“?

Engelbrecht: Geld ist ein Tauschmittel, im Grunde nicht mehr und nicht weniger. Aus verschiedenen Gründen ist Geld für viele Menschen allerdings zum Selbstzweck geworden. Und für viele Menschen ist das Geldthema sehr problembehaftet. Ein sehr schwieriges Thema also. Aber Geld ist nicht das Problem. Natürlich wird viel manipuliert, aber unser Mangel- und Konkurrenzdenken, unsere Existenzängste haben einen großen Einfluss darauf, ob alles frei fließen kann. Wir möchten ausprobieren, ob wir wirklich so abhängig sind vom Geld, wie wir vielleicht denken.

TG: Ihr habt über ein crowdfunding 12.000,- € zusammen bekommen. Ganz ohne Geld geht es also doch nicht?!

Engelbrecht: Ganz ohne Geld geht gar nichts. Unser Vermieter möchte Geld, die Versicherungen möchten Geld, die Stromkonzerne und Wasserwerke möchten Geld, Telefon- und Internetanbieter möchten Geld etc. Wir leben ja nicht in einer Höhle, wir sind natürlich mit unserer Infrastruktur voll in dieses System eingebunden. Tatsächlich aber funktioniert das Leben auf Minitopia inhaltlich ziemlich gut ohne Geld. Wir teilen Material, Werkzeug, Tatkraft, Wissen und hoffentlich bald auch Essbares miteinander, ohne Geld einsetzen zu müssen. Es ist ja alles im Überfluss vorhanden, aber die monatlichen Kosten müssen natürlich gedeckt werden.

 TG: Was wäre aus Eurer Sicht nötig, um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten?

Engelbrecht: Wir müssen unsere Ängste ablegen. Aufhören, Schuldige zu suchen, sondern selbst Verantwortung übernehmen – für uns selbst, für unser Handeln, aber auch für die Gemeinschaft. Mal wieder runterkommen vom „höher, schneller, weiter“ und uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauche ich wirklich? Was macht mich wirklich glücklich? Unser Mitgefühl aktivieren, auch für den blöden Nachbarn oder den korrupten Politiker. Vielleicht steht die Selbstliebe an erster Stelle, die Heilung unserer eigenen, inneren Konflikte. Dann könnte die Welt schon ganz anders aussehen.

 TG: Wenn ich Mitglied werde – was erwartet mich?

Engelbrecht: Viel unbezahlte Arbeit (lacht), viel Tatendrang, viele Gleichgesinnte und ganz viel Liebe für unseren Planeten.

Katrin Schäfer und Stefanie Engelbrecht (v.l.) – ein fantasierendes Team.

TG: Vielen Dank für die Impulse und das Gespräch und viel, viel Erfolg!

(18. Jun. 2017, Das Interview für `Tiefgang`führte Heiko Langanke)

Link zum Projekt Minitopa: minitopia.hamburg

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