Harburgs Kulturleute gründen Genossenschaft zur Raumsicherung

Willkommen, Genosse 3falt!

Lebt nun als Genossenschaft weiter: die 3falt von Harburgs Kunst, Kultur und Kreativität
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Das Projekt „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“  hat viele Kulturaffine begeistert. Auch ohne die wieder leerstehende Kirche wurde nun ein wirtschaftliches Standbein geschaffen, das der Raumnot für Kultur Abhilfe schaffen soll. Alle können mitmachen!

 Marita Schillerwein, Hein Diekmann und Carsten Lünzmann – das sind die Namen der drei Initiator*innen, die Harburgs Kulturlandschaft vielleicht neu aufstellen. Ihr Kind heißt Genossenschaft „3falt e.G.“. So schlicht der Titel, so spektakulär für Harburg.

Letzte Woche gab es Wochen des Studiums des Genossenschaftsrechts und an Diskussionen nun die Gründungsversammlung. Zu der trafen sich knapp 20 Personen und nun wird die Mitgliedschaft im Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e.V. beantragt und „nebenher“ am eigentlichen Ursprung und geistigen Kind – der leerstehenden Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße 44 – an einer Interessensbekundung gearbeitet. Das initiative Trio: Marita Schillerwein, langjährige Programmmacherin z.B. der Kulturwerkstatt, Hein Diekmann, in der Nähe der Kirche als Hausverwalter tätig und mit Herz für Kultur und Gebäude, sowie Carsten Lünzman, Architekt in Harburg, selbst als Musiker aktiv  und unter anderem für das vielfach gelobte Dach der Harburger Freilichtbühne verantwortlich.

Die „3falt“ lebt also weiter.  Und zwar mit oder ohne Kirchengebäude. Denn auch wenn die Genossenschaft sich an der Umnutzungsidee der Kirche „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ orientiert, ist sie generell auf Raumnutzungen für Kultur in Harburg ausgelegt.

Die Dreifaltigkeitskirche hatte allerdings viele Kulturschaffende und –interessierte im Süden der Stadt und darüber hinaus besonders in den Ideen-Bann gezogen. Für ein halbes Jahr wurde sie ab Mitte 2018 bis Ende Februar 2019 kulturell bespielt. Es fanden Kino, Theater, Tanz, Treffen und klassische wie alle anderen Konzerte statt, die erste nonkommerzielle Kunstleihe Hamburgs wurde geboren und mehrere tausend Menschen waren erstaunt und fasziniert von der Bauweise, der Geschichte und den Möglichkeiten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes im Herzen Harburgs (´Tiefgang` berichtete reichlich)

Dann lief das Projekt aus, die Kirchengemeinde entschied sich, doch lieber zu einer Ausschreibung zum kompletten Verkauf des Ensembles und dafür sollte sie schlichtweg ungenutzt leer stehen.

Harburgs Politik  schien überfordert und die Verwaltung ebenso. Alles zu spontan. Alles zu  wenig koordiniert. Als wenn Projekte wie das Gängeviertel oder die Viktoriakaserne nördlich der Elbe anders gelaufen wären.

Nun also der nächste Schritt in koordinierter Version. Wir haben mal nachgefragt.

Wie kam die Idee auf und von wem?

Carsten Lünzmann: Die Idee kam von mehr oder weniger von mir auf, auch nach diversen Gesprächen mit Hein. Hintergrund ist die einfache Überlegung, von vielen Genossen, auch mit kleinen Beträgen Kapital zu bilden, anstatt einen Investor zu finden, der in der Regel grundsätzlich andere Interessen verfolgt, als wir.

Ist die Genossenschaft an das Kirchengebäude gebunden?

Die Genossenschaft wurde gegründet mit dem Ziel, das Projekt Dreifalt weiterzuführen und am Interessenbekundungsverfahren als Firma teilzunehmen. Langfristig sollen aber durchaus weitere Projekte umgesetzt werden, insbesondere natürlich auch dann, wenn wir von der Kirche nicht als Pächter oder Erwerber in die engere Wahl gezogen werden. Dann wird eben ein anderes Gebäude gesucht.

Wieviele Genossen erwartet Ihr?

50, 100, 1000, keine Ahnung, ob Harburg(er) das Potential erkennt/ erkennen. Wir gehen jetzt nach der Gründung in die Akquise, treten ohne Schwellenängste an private wie juristische Personen, also Firmen, Vereine, Institutionen, Kirche, Bestandsgenossenschaften und so weiter, heran, um die Möglichkeit der Teilnahme zu bewerben.

Wieviel Kapital soll zusammen kommen und für genau was?

Es soll natürlich möglichst viel Kapital zusammengetragen werden, um entsprechendes Eigenkapital zu bilden. Der Rest soll dann mittels Finanzierungen, Förderungen usw. beigeschafft werden. Ziel ist die Förderung der Kultur in Harburg im weitesten Sinne, durch Anmietung, Pacht oder Erwerb von Räumlichkeiten, für Ateliers, Initiativen, Übungsräume.

In der Satzung liest es sich wie kulturelle Hilfe zur Selbsthilfe? Ist das so zu verstehen und gibt es sonst keinen Dialog zwischen Verwaltung, Politik und Kultur?

So ist es. Argumentiert die Politik mit der Direktive „aus dem Quark kommen“ zu sollen (der Satz fiel zum Ende der kulturellen Zwischennutzung seitens eines Harburger Kulturpolitikers und zum Erstaunen der Kulturaktivisten, woraufhin lange Zeit symbolisch ein geöffneter und verschimmelnder Quarktopf den Kirchenraum symbolisch schmückte; Anm. d.Red.), so kann man das gut oder weniger gut heißen, diesen bequemen Standpunkt des Beobachters einzunehmen. Aber, soll man in Harburg weiter auf Unterstützung warten oder versuchen, das Zepter selber in die Hand zu nehmen?

Die Raumnot für Kulturnutzungen ist seit Jahren Thema in Harburg. Ist das ein Versuch der Lösung dieses Problems?

Ja

Wer kann mitmachen und wie?

Jeder kann und sollte mitmachen, um an der Entwicklung Harburgs zum Kulturstadtteil seinen Beitrag zu leisten. Das geht nicht allein durch Postings via www.facebook.com/3falt, sondern viel besser im aktiven, analogen Diskurs unter Gleichgesinnten. Wünschenswert wäre es auch, wenn durchaus spürbare Animositäten innerhalb der Kulturszene Harburgs für die gute Sache überwunden werden.

Die Likörfabrik Hilke steht mal wieder zur Diskussion bzw. ein Antrag auf Abriss ist gestellt? Wie seht Ihr den Umgang Harburgs mit seinen Baudenkmälern?

Das sehen wir kritisch, da Baudenkmäler selbstverständlich Stadtbild prägend sind. Wenn jedoch ausschließlich Renditebestrebungen entscheidend sind, ohne Gespür für Atmosphäre, lokale Gestaltungskriterien und das charmante Potenzial von Altbausubstanz, dann entstehen diese Quartiere, die fast überall inzwischen identische Gesichter haben, eben langweilig.

Gibt es weitere Gebäude oder Räume, die schon in Sicht sind?

Ja, leerstehende, kleine, denkmalgeschützte Gebäude und Bunker, die regelrecht nach einer Nachnutzung schreien.

Interessenten können sich zur Genossenschaft per Mail dreifalt@luenzmann.de oder bald auf www.dreifalt.info melden. Das sogenannte „Eintrittsgeld“ in die  Genossenschaft wird einmalig auf 50,- € beziffert. Ein Genossenschaftsanteil kostet 50,- € und es können für jeden Genossen maximal 100 Anteile erworben werden. Einzelne Personen oder auch ganze Institutionen sind als Genossen möglich. Das Stimmrecht wie auch Vermögensverwaltung oder Ausschüttungen regelt die Satzung.

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