Was denken Sie über eine Maus?

Künstlergruppe für Flüchtlinge www.krafttier.reisen

Kunst, jenseits von gesellschaftlichen Bewertungskriterien, ist eine Form des intuitiven, „wilden“ Denkens. Über den künstlerischen Ausdruck können wir neue Lösungen und innovative Ideen entwickeln.

von Ulrike Hinrichs

„Wir wissen viel weniger über uns selbst, als wir zu wissen glauben“, konstatiert der Professor für Psychologie und Nobelpreisträger für Wirtschaft Daniel Kahnemann, der zwei Grundformen des Denkens unterscheidet. Er nennt es das schnelle assoziative Denken und das langsame rationale Denken (S. 71). Die Ethnologin Dr. Kessler beschreibt es synonym als das nach innen gerichteten „wilde Denken“ und das nach außen gerichtete rationale Denken.

Während das planmäßige und lineare Denken über Faktenchecks, Analysieren und Zerlegen von Bestandteilen in ihre Einzelteile langsame Schlüsse zieht, agiert das wilde Denken für den aktiven Geist blitzschnell und oft unbewusst in endlosen vernetzten Assoziationsketten. „Wie Kräuselwellen auf der Oberfläche eines Teiches breitet sich die Aktivierung durch einen kleinen Teil des riesigen Netzwerks assoziativer Vorstellungen aus“, schreibt Kahnemann (S. 71). Unser Unbewusstes kann mühelos unendliche Assoziationen hervorrufen. Auf diese Weise verbinden sich über das Kunstwerk den Schöpfer und Betrachtenden. Das Werk beginnt zu sprechen.

Um es etwas griffiger zu machen. Was denken Sie, wenn Sie die Maus im Header betrachten, die von einem Mädchen aus meiner Flüchtlingsgruppe stammt? Das Bild wurde für unser Krafttierkartenset gestaltet www.krafttier.reisen

Mit dem rationalen Denken ordnen wir die Maus beispielsweise einer Tiergattung zu: speziell ein Nagetier aus der Überfamilie der Mäuseartigen, meistens aus der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae), speziell die Hausmaus aus der Gattung der Mäuse“ (wikipedia)

Die Assoziationsketten, die sich beim schnellen Denken bilden, sind bei jedem Menschen individuell.

Ich denke bei der Maus zum Beispiel an meine Kindheit bei Oma. Dort habe ich erstmals eine niedliche Spitzmaus im Garten gesehen, die meine Oma gar nicht so süß fand. Dann fallen mir gleich noch die Maulwürfe ein, die ich auch besonders zauberhaft fand, die aber von meinem Opa mittels Maulwurffallen getötet wurden. Für mich war das ein unverständlicher und barbarischer Akt. Und schon kommt mir Purzel in den Sinn, der Hund meiner Großeltern, den ich sehr gliebt habe, der aber auch gern Mäuse und Maulwürfe tötete.

Welche Assoziatinsketten kommen Ihnen in den Sinn? Diese Ketten können endlos weitergehen. Die können jedenfalls mühelos erkennen, dass die zwei Formen des Ausdrucks unterscheidliche Ergebnisse hervorrufen. Und beide Formen des Denkens sind nötig. Der künstlerische Ausdruck hilft uns, um ins wilde Denken zu wechseln.

Die herkömmlichen gesellschaftlichen Bewertungskriterien von Kunst sind für diese Art des Denkens unbedeutend. Bewertung trennt uns von der Kunst als universelle Sprachform. Kunst manifestiert intuitive Botschaften, wenn sie einen authentischen, freien Ausdruck findet. Das Werk ist eine Art Bote, der Inneres im Außen manifestiert. Assoziationen zu den Kunstwerken wecken Resonanzen und übersetzen die traumähnliche Bildsprache in rational nachvollziehbare Worte. „Eine Vorstellung, die aktiviert wurde, ruft nicht einfach nur eine andere Vorstellung wach. Sie aktiviert viele Vorstellungen, die ihrerseits weitere Vorstellungen evozieren“, so Kahnemann (S. 73). Neben den persönlich gefärbten Assoziationen gibt es auch mythisch kollektive Deutungen. Die kulturelle sowie kollektive Bedeutung eines Bildes kann die persönliche Deutung unterstützen. Dabei geht es nicht um feststehende Zuschreibungen, sondern um Resonanzen. Die Urbilder, wie wir sie von C.G. Jung in seinen Archetypen finden, deuten auf diese universelle Ebene von Symbolen.

Ein Begriff führt zu Assoziationsketten, die sich unwillkürlich in uns ausbreiten. Beim bildhaften Ausdruck kommen weitere Ebenen dazu, mit denen wir in Resonanz gehen. Das ist das beeindruckende Prinzip der Kunst als Sprache, denn das wilde Denken braucht Bilder und Metaphern (siehe dazu mein Buch „Kunst als Sprache der Intuition“). Diese findet es im Kunstwerk.

Die intuitive Seite in uns denkt in bildhaft metaphorischen Assoziationsnetzen, die rationale Seite folgt einem kausal linearen Programm. Wir müssen diese unterschiedlichen Ansätze zusammenbringen. Das wilde Denken braucht immer wieder auch eine „Übersetzung“, eine Reflexion.  Assoziationen und innere Bilder sind eher wie Träume, die man erstmal verstehen muss. Die Herausforderung besteht darin, die völlig unterschiedlich agierenden Denkansätze in uns zu vereinen. Welche Assoziation hat mit mir zu tun, welche hat in ihrer kollektiven Bedeutung für mich eine Wichtigkeit und welche Rückmeldung berührt mich, so dass ich zu der Erkenntnis gelange, all das betrifft tatsächlich auch mein Thema, mein Anliegen. Das sind Fragen, die die analytische und reflektierende Seite in uns zur Überprüfung stellen kann. Wie das alles funktioniert, ist für mich immer wieder ein Wunder. Das wilde Denken erweitert Perspektiven. Der künstlerische Ausdruck dient der Intuition dabei als eine Sehhilfe. Die Kunst bringt Inneres nach außen und manifestiert es in einem Werk.

Ulrike Hinrichs

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