Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Wahrsagerei

Foto: StefanVögeli / Pixabay

Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Ich denke viel, wenn der Tag lang ist, und manchmal sogar nachts. 

Und nun: die Wettervorhersage.
Ich glaube ja, es gibt sie gar nicht, DIE Wettervorhersage. Es gibt sie in allerlei Variationen und darum nur im Plural. Im Hamburg Journal kündigen sie beispielsweise oft anderes Wetter an als in der Tagesschau eine Viertelstunde später. Also entweder sprechen die sich im Sender nicht ab oder das Wetter ändert sich einfach zu schnell, siehe WetterApp. Die hat nämlich offenbar auch ziemliche Anpassungsschwierigkeiten. Da hieß es zum Beispiel einmal für den nächsten Tag 14 Stunden Sonne. Ich dachte: Wow, cremte mich zu gegebener Zeit von Kopf bis Fuß mit Strahlenschutz ein, zog Sandalen und kurze Hose an und wartete darauf, dass der graue Morgen heller und blauer würde. Aber die Wolkendecke blieb geschlossen und behielt das schöne Wetter erst einmal für sich. Ich erkundigte mich bei der App wegen der Verspätung. Die hatte die Verheißung überarbeitet, die Sonnenstunden auf 4 gekürzt und auf nachmittags verschoben. Für Morgen wurden zum Trost 12 Stunden in Aussicht gestellt. Wurde dann allerdings auch nichts draus.
Wenn das vorausgesagte Wetter von der App immer wieder verändert wird, erinnert mich das an die Prognosen zum Wirtschaftswachstum. Da wird auf Nachkommastellen geschätzt und später in schöner Regelmäßigkeit mehrmals nach oben bzw. unten n. Also, raten kann ich auch.
Ich weiß gar nicht, warum ich mir das Wetter prophezeien lassen möchte, noch dazu, obwohl ich weiß, wie unzuverlässig die Auskünfte sind. Ich kann mich doch auch gleich tagesaktuell überraschen lassen. Am besten habe ich immer alles dabei, wenn ich das Haus verlasse: Sonnenhut, Regenjacke und Schneeschuhe.
Um den jüngsten Wetter-Ereignissen gerecht zu werden, möchte ich erwähnen, dass diese Wahrsagerei schon ein paar Wochen alt ist. Sie hatte keinerlei Bezug zur Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz und es liegt mir absolut fern, mich darüber lustig zu machen. Vielmehr denke ich als Fortsetzung über Betroffenheit nach.
Das Lachen in tragischen Momenten verbietet sich von selbst. Oder bleibt jenen vorbehalten, die unmittelbar betroffen sind. Heiterkeit Außenstehender ist fehl am Platze und erweckt schnell den Anschein von Zynismus. Siehe A. L.
Die Glaubwürdigkeit von emotionaler Anteilnahme steht und fällt mit der sichtbaren Entfernung zum Geschehen. Stehe ich vor den Trümmern meiner Existenz bzw. mir nahestehender Menschen oder sitze ich betroffen auf dem Sofa und verfolge mit Tele-Empathie die Nachrichten? Was ist echt, was sensationsgierige Gafferei? Und was ist vielleicht Wahlkampf statt Mitgefühl? Laschet´s Lachen war unglücklich, ein Fauxpas. Aber ich bitte um mildernde Umstände: Er konnte doch nicht ahnen, dass er ins Fernsehen kommt, obwohl er noch gar nicht vor die Kamera getreten war. Mir ist das ehrlich gesagt ganz egal, was es da hinten zu lachen gab.
Nicht egal ist mir dagegen, dass er das eigentliche Thema lieber vertagen will, weil er es für den falschen Zeitpunkt hält. Armer Armin, DAS ist wirklich schlechtes Timing! Wenn heute nicht der Tag ist, um sich wegen des Wetters und die Folgen des Klimawandels Gedanken zu machen bzw. politische Weichen zu stellen, dann denke ich über unseren blauen Planeten: Das Wasser hat´s gegeben, das Wasser hat´s genommen.

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