Hamburger LMR-Aktionstag „Wir verschaffen uns Gehör“

Von wegen Amateure!

Imposant in Bild und Ton: das Streichquartett des Landesjugendorchesters Hamburg auf dem Platz der Republik in Altona. (Foto: LMR-HH)

Hunderte Amateur*innen musizierten letzte Woche zusammen aber auf Abstand und verteilt in der ganzen Stadt. Denn sie wollten sich mal wieder Gehör verschaffen …

Am Freitag, 14. Aug. – also genau 5 Monate nach dem offiziellen Lockdown – gingen unter dem Motto „Wir verschaffen uns Gehör!“ an elf verschiedenen Orten der Stadt gut 20 Ensembles für diese Aktion auf die Straße. Ihr Ziel: auf Abstand, aber zusammen musizieren. Mitbekommen konnte man es nur, wenn man zufällig in der Nähe war, denn ein organisiertes Konzert war, konnte und sollte es nicht sein.

Unter Federführung des Hamburger Landesmusikrates wiesen die im Verband organisierten Amateurmusiker*innen auf ihre spezielle Situation in Zeiten der Pandemie hin. Und die Idee sorgte allerorten für spontane Aufmerksamkeit und abwechslungsreiche Unterhaltung. Während etwa nahe der Hamburger Einkaufsmeile Mönckebergstraße an der St. Jacobi-Kirche erst das klassische Orchester‘91 spielte, dann von dem Seniorenchor Älter und Besser und dem Nachwuchs-Männerchor The Baritones mit völlig unterschiedlichen Repertoires abgelöst wurde, jazzte es im Schroedinger‘s nahe dem Fernsehturm mit den Alabama Hot Six und der Traditional Old Merry Tale Jazzband. siehe TV-Bericht auf „Hamburg1“

In Barmbek gaben an der Zinnschmelze stimmgewaltig der MusicAlive und der Belle Alliance Chor ihr Können zum Besten, ein paar Straßen weiter fragte sich auch der Hauschor der autofreien Wohnsiedlung Saarlandstraße: „Wo sollen wir singen?“. Zeitgleich überraschten im Bergedorfer Schlosspark das Ensemble Variante und der Chor Schall & Rauch. In Altona traten ein Jodelchor, ein Teil des Landesjugendorchesters und der Vokalkreis Reinbek auf, während sich in St. Georg das Mandolinenorchester SOL und die Oriental Band im Hartwig Hesse Quartier zusammenfanden. Weiteren Jazz konnte man in Sasel von der Southland New Orleans Jazzband und von den BilleBläsern auf der Kulturachse Billstedt hören. Auch in Langenhorn wurde musiziert, dort erfreute das Norddeutsche Zupforchester die Passanten im Einkaufszentrum.

„Wir haben die Auftritte nicht ankündigen wollen“, so Landesmusikrat-Geschäftsführer Thomas Prisching, „denn es hätte vermutlich jede Menge Publikum angezogen und dafür können wir keine Sicherheit garantieren.“ Also hatte man sich für Spontankonzerte entschieden, die nur vorbeieilende Passanten bemerken konnten.

Und noch etwas Besonderes hatten die musikalischen Darbietungen inne: überall waren Markierungen zwischen den weit auseinander stehenden Musizierenden zu sehen. Denn und gerade bei Chören und Blasmusikensembles ist ein Abstand von 2 Metern zwischen den Personen einzuhalten, was ein „Miteinander“ eines Ensembles sowohl vor ein Platzproblem als auch ein akustisches stellt, da einzelne Stimmen dann auch weit auseinanderliegen und die Abstimmung untereinander schwieriger wird.

Auf verteilten Handzetteln war zu lesen, dass viele der über ganz Hamburg verteilten Ensembles nicht über ausreichend große Räume zum Proben verfügen und auf bürgerliche Mithilfe hoffen. Gefragt sind daher alle Bürger*innen der Stadt, denen leere Gebäude, Hallen und große Räume bekannt sind, diese an den Landesmusikrat unter rudat@lmr-hh.de zu melden, um den betroffenen Chören, Orchestern und Ensembles zu helfen. „Kommerzielle Mieten sind für die Betroffenen nicht leistbar“, so Matthias Rieger, Vizepräsident des Landesmusikrates. „Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran, andere kreative Lösungen zu finden, wie z. B. die Übernahme von Patenschaften für Hamburger Ensembles durch Hamburger Unternehmen.“

Und ohne gemeinschaftliches Proben droht manches Ensembles auseinanderzufallen. Rosemarie Pritzkat, unter anderem Leiterin vom Hamburger Knabenchor „The Baritones“, die vor dem Kirchenportal der St. Jacobi-Kirche nahe der Mönckebergstraße imposant ihre Stimmkunst verdutzten Passanten darboten, weiß, wie schnell Amateure in probefreier Zeit sich ganz anderen Hobbies widmen können: „Gerade bei den Jugendlichen kann da schnell ein ganz anderes Interesse gefunden werden und manches Talent geht verloren!“ Das wiederum macht auch den Ensembleleitungen zu schaffen. Sie bekommen für ihre teils hochqualifizierte Arbeit bei den Proben meist ein geringes Entgelt, das nun aber auch oft in Frage steht. Und so zieht die Krise immer weitere Kreise. Gunnar Thielemann von der Oldtime-Jazzcombo „Alabama Hot Six“, die im „Schroedinger‘s“ auftraten, war daher froh, dass er mit seinen Kollegen überhaupt mal wieder auftreten konnte. „Es ist weit weg von Konzerten mit 200 Besuchern oder mehr. Aber wir sind ja schon glücklich, wenn wir überhaupt wieder zusammenspielen!“

Weiterführend: Landesmusikrat Hamburg e.V.

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