Jüdische Gemeinde und Denkmalverein fordert zeitnahe Instandsetzung

Tempel mit Ablaufdatum?

Von einem Tempel kaum noch ein Hauch. (Foto: Demkmalverein Hamburg)

Es war ein würdiger Tempel des jüdischen Glaubens. Und heute gleicht es einer Ruine. Dringend Zeit zu handeln, findet nicht nur die Liberale Jüdische Gemeinde.

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg (LJGH) ist in größter Sorge um die Zukunft des Tempels in der Poolstraße und ruft dazu auf, die denkmalgeschützten Überreste zu restaurieren und als öffentlichen Begegnungs- und Erinnerungsort zugänglich zu machen.

Mitten im Zentrum Hamburgs, in der Poolstraße, befinden sich die Überreste des allerersten

Tempels des liberalen Judentums, dessen Anfänge hier liegen, und dem sich heute weltweit ca. 2 Millionen Jüdinnen und Juden zugehörig fühlen.

„Mit dem Tempel in der Poolstraße beherbergt Hamburg ein jüdisches Erbe von Weltrang. Wir können und dürfen nicht zulassen, dass es verschwindet“, sagt Galina Jarkova vom Vorstand der LJGH. „Es ist bedauerlich, dass jahrelang nicht genug getan wurde, um diesen wertvollen Ort zu schützen. Jetzt müssen wir befürchten, dass das, was davon übrig ist, durch Bauarbeiten gefährdet oder als Ornament in einem Haus verbaut wird, zu dem die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat.“ 

Eine Lithographie um 1844 zeigt den Neuen Tempel Poolstraße bei seiner Eröffnung (Bild: LJGH)

Von dem 1844 erbauten, einst dreischiffigen, neogotischen Bau sind heute nur noch das Eingangsportal und die Apsis als Kriegsruinen erhalten, die seit 2003 unter Denkmalschutz stehen. Die Ruine dieses architektonisch außergewöhnlichen Synagogenbaus ist von der Foundation for Jewish Heritage (www.foundationforjewishheritage.com), London, in die „Top 19 Watchlist“ der am stärksten bedrohten jüdischen Relikte in Europa aufgenommen worden (die Liste umfasst insgesamt 3.318 Objekte). Der Zustand der Gebäudesubstanz ist äußerst kritisch. Wie nun bekannt wurde, ist auf dem Grundstück in der Poolstraße eine Neubebauung geplant.

„Es darf nicht sein, dass ein weiterer Ort des jüdischen Erbes verschwindet. Im Gegenteil: Hamburg braucht so dringend mehr sichtbare Orte jüdischer Geschichte und jüdischen Lebens. Wir möchten, dass in der Poolstraße ein öffentlicher Begegnungs- und Erinnerungsort entsteht, der für alle Menschen offen und erfahrbar ist. Dafür müssen die Überreste des Tempels gesichert, restauriert und zugänglich gemacht werden. Wir hoffen sehr, dass die Stadt dieses Anliegen unterstützt“, so Galina Jarkova.

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg gehört zu den international verbreiteten Nachfolgegemeinden des in Hamburg gegründeten ‚Neuen Israelitischen Tempelvereins von 1817‘, dessen 200jähriges Gründungsjubiläum 2017 in der Poolstraße mit Gästen aus aller Welt gefeiert wurde. An den Baukosten des Ursprungstempels beteiligten sich namhafte Bürger Hamburgs, u.a. Salomon Heine, Felix Mendelsohn komponierte die Musik für die Einweihung und Heinrich Heine beschrieb ihn in seinem ‚Wintermärchen“.

Und auch der Hamburger Denkmalverein hat eine klare Auffassung zum Tempel: „Der fortgeschrittene Verfall des denkmalgeschützten, ehemaligen Tempels im Hinterhof der Poolstraße 11-14 ist angesichts seiner großen religions- und stadtgeschichtlichen Bedeutung ein Skandal“, heißt es nun in einer Pressemitteilung . „Es müssen hier umgehend Sicherungs-, Instandsetzungs- und Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt werden – entweder durch den Eigentümer oder im Wege einer Ersatzvornahme durch die Freie und Hansestadt Hamburg. Gerade in Anbetracht der begrüßenswerten Absichtserklärung des Hamburger Senats, die im Nationalsozialismus zerstörte Synagoge am Bornplatz wiederaufzubauen, ist es umso wichtiger, die wenigen erhaltenen Relikte jüdischen Tempelbaus zu bewahren. Zudem sollte eine denkmalverträgliche und der Geschichte des Ortes angemessene Nutzung gefunden werden. Eine unmaßstäbliche und die Tempelruine zur Kulisse degradierende Überbauung ist indiskutabel.“

Der ehemalige Tempel in der Poolstraße wurde von 1842 bis 1844 nach Plänen des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern erbaut. Er steht seit 2003 unter Denkmalschutz, weil er die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hamburg dokumentiert und wegen seiner architekturhistorischen und künstlerischen Bedeutung für die Hamburger Baugeschichte der Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Hinblick auf das weitgehend verlorene Werk des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern.

Die Situation des gesamten Hinterhofkomplexes ist schon seit Langem desolat und seiner hohen geschichtlichen Bedeutung unwürdig. Seit vielen Jahren ist das Dach des hinteren Apsis-Gebäudes undicht und die Feuchtigkeit dringt ungehindert hinein. Inzwischen ist das Gebäude daher schon stark verfallen. Die Geschäftsführerin des Denkmalvereins, Kristina Sassenscheidt: „Es ist nicht nachvollziehbar, wieso die Eigentümer*innen nicht schon lange Sicherungsmaßnahmen vorgenommen haben oder dazu von der Stadt Hamburg verpflichtet wurden. Die Kulturbehörde hat gerade bekanntgegeben, dass am 22. November 2019 eine sogenannte Sicherungsverfügung an die Eigentümer*innen versendet wurde.“

Weiterführend: www.davidstern.de und www.denkmalverein.de

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