Serie „Gedenken in Harburg“: Berthold Bormann, Reeseberg 90 (Wilstorf)

Seinen Widerstand brach nur er selbst

Grafik: S. Schnell

10 Jahre Schutz- und Untersuchungshaft, Verhöre und Repressalien. Irgendwann reichte wohl die Kraft nicht mehr.

Berthold Bormann wurde am 25. Nov. 1904 in Straßfurt geboren und trat 1931 der KPD bei, 1932 wurde er Hauptkassierer der Partei in Harburg. Er war wegen Landfriedensbruchs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt vorbestraft. Seit 1932 wohnte er am Reeseberg 90.

Die Adresse davor lautete Friedrich-List-Straße 18. Laut Adressbuch von 1942 lebte er später noch in der Bonusstraße 24a. Vermutlich war seine Wohnung am Reeseberg ausgebombt. Verheiratet war er mit Anna Reuter, geb. am 02. Jun. 1905 in Harburg.

Hintergrund:
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, bereitete sich alsbald die KPD auf die Illegalität vor. Aus den Wohnzellen wurden Dreier- und Fünfergruppen gebildet. Am 27. Februar brannte in Berlin der Reichstag. Als Brandstifter wurde Marinus van der Lubbe festgenommen. Ob er Hintermänner hatte, wird wohl nie mehr festgestellt werden können. Die Reichsregierung belastete die Kommunisten mit dem Brandanschlag. Am 28. Februar wurden mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum „Schutz von Volk und Staat“ die meisten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Massenverhaftungen gegen Kommu­nisten und auch Sozialdemokraten setzten ein. Selbst Abgeordnete blieben ungeachtet ihrer Immunität nicht verschont. Die sozialdemokratische und kommunistische Presse wurde verboten, die KPD faktisch zerschlagen, jedoch anders als die SPD nie offiziell verboten.

Kontakte im ganzen Süderelbe-Raum

Berthold Bormann beteiligte sich von Anfang an am kommunistischen Widerstand. Zum KPD-Unterbezirk Harburg-Wilhelmsburg gehörten damals auch Teile Nordniedersachsens von Buxtehude über Lüneburg und Uelzen bis Bleckede und Neuhaus. Bormann knüpfte Kontakte zur illegalen Organisation in Winsen, Lüneburg und dem rechtselbischen Neuhaus, brachte Zeitungen (die in Harburg hergestellte „Norddeutsche Zeitung“) und Schriften dorthin und nahm Geld für die Partei und die „Rote Hilfe“ in Empfang.

Auch per Post wurden Materialien über Deckadressen an bei der Polizei unbekannte Kommunisten verschickt, die diese dann weiterzugeben hatten. Für schriftliche Mitteilungen entwickelte Bormann einen eigenen Code, den er seinen Kontaktleuten in Winsen und Lüneburg erläuterte.

Gefängnis an der Buxtehuder Straße

Am 24. Juli 1933 wurde er festgenommen, vom 1. August bis 19. September befand er sich in „Schutzhaft“ im Gefängnis an der Buxtehuder Straße. Am 18. Oktober kam er nach einer erneuten Verhaftung ins gleiche Gefängnis, am 22. Januar 1934 ins Gerichtsgefängnis Lüneburg. Im so genannten Lüneburger Hochverratsprozess beim Kammergericht Berlin wurde er am 24. Januar 1934 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Am 24. Februar 1936 wurde er aus dem Emslandlager Börgermoor mit 28,80 RM „Arbeitslohn“ entlassen. Börgermoor war damals offiziell kein KZ mehr, sondern als Strafgefangenenlager der Justizverwaltung unterstellt. An der Behandlung der Gefangenen hatte sich aber dadurch nichts geändert.

Widerstand bei der Phoenix

Trotz seiner Erlebnisse in der Haft und im Lager beteiligte sich Berthold Bormann erneut am Widerstand. Während des Kriegs gehörte er zur Organisation um Bästlein, Jacob und Abshagen (siehe unter Karl Kock).

Sie hatte Zellen in mehreren Hamburger Betrieben gebildet, auch auf den Werften. Bormann war der Verbindungsmann der Leitung der Widerstandsgruppe (über Oskar Reincke) zu den Harburger Betriebszellen. Anfang Mai 1942 nahm er Kontakt zu Karl Kock mit dem Ziel auf, auf der Phoenix, wo dieser arbeitete, eine Zelle der Widerstandsgruppe aufzubauen. Er half zusammen mit der Leitung der Widerstandsgruppe mit, den mit dem Fallschirm über Ostpreußen abgesprungenen und von der Gestapo gesuchten Wilhelm Fellendorf zu verstecken und außer Landes zu bringen (siehe unter Herbert Bittcher).

In der Verhaftungswelle ab 15. Oktober 1942 wurden Fellendorf und viele Mitstreiter der Bästlein-Organisation aufgespürt und festgenommen, darunter auch Berthold Bormann. Karl Kock konnte sich der Verhaftung zunächst entziehen und tauchte bei verschiedenen Freun­den und Verwandten unter.

Berthold Bormann war in „Schutzhaft“ im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel vom 21. Oktober 1942 bis zum 14. März 1943. Er wurde von der Gestapo auf freien Fuß gesetzt mit der Auflage, Karl Kock ausfindig zu machen. Er ging wohl zum Schein darauf ein, besuchte Karl Kocks Ehefrau Elfriede in Wilstorf (Am Mühlenfeld 107) und zeigte ihr seine von der Folter zerquetschten Finger. Er verriet aber nichts, vermutlich kannte nicht einmal Elfriede Kock das Versteck ihres Mannes. Am 25. März 1943 kam er in Untersuchungshaft am Holstenglacis, wurde aber schon einen Tag später wieder entlassen, weil man ihm nichts nachweisen konnte und seine Mitstreiter den unmittelbaren Kontakt Bormanns zur Leitung der Widerstandsorganisation nicht preisgegeben hatten. Am 22. November 1943 erhielt er erneut eine Vorladung zur Gestapo. Am Tag darauf erhängte er sich in seiner Wohnung.

© Hans-Joachim Meyer

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

stolpersteine-hamburg.de

Quellen: Hochmuth/Meyer, Streiflichter; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Stumme Zeugen; Geschichtswerkstatt Lüneburg (Hrsg.): Heimat, S. 194ff.; StaH, 242-1-II, Gefängnisverwaltung II, Abl. 1998/1; StaH, 331-1-II, Polizeibehörde II; StaH, 332-8 Meldewesen, A46; StaH, 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; StaH,, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; Mitteilung Männergefängnis Hamburg-Harburg vom 21.4.1949; Prozessakten Berthold Bormann und Karl Kock, Privatbesitz; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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