Kunstprojekt „Walhalla II“ stellt mehr als nur Epochen in Frage

Relikte einer vergangenen Zukunft

Expedition in der Zukunft. (Foto: Philipp Meuser / Jonas Fischer; DokumentationszentrumZukunft)

„Walhalla II ist ein Denkmal, das es  gegeben haben wird“, titulierte eine Meldung, die stutzig machen muss. Ein Projekt in Hamburg, das wir uns genauer angesehen haben.

„Walhalla II ist ein Denkmal, das es gegeben haben wird. Jetzt werden die Relikte dieser Zukunft ausgegraben.“ So umschreibt ein aktuelles Kunstprojekt seinen Anspruch und macht neugierig.

WALHALLA II sei das ´Preenactment eines Denkmals`. Ein Ort, der durch die Tendenzen der Gegenwart denkbar geworden ist – die spekulative Archäologie und Aufarbeitung einer möglichen Epoche. „Der Versuch, die Zukunft Europas und vor allem Deutschlands langsam und behutsam zu ruinieren.“

Zwischen September und Oktober 2018 werden im öffentlichen Stadtraum von Hamburg und Berlin nun archäologische Ausgrabungen durchgeführt, um Dokumente, Reste, Ruinenteile und Beweismittel einer Zukunft ausfindig zu machen. Vom Denkmal WALHALLA II.

Dahinter steckt das „Dokumentationszentrum Zukunft“. Ein Name, der nicht minder die Zeitschiene hinterfragt und ad absurdum führt.

Zwei Wochen läuft dieses Projekt und es soll „Artefakte einer spekulativen Zukunft werden im Rahmen zweier Sonderausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich“ machen. Dabei sieht sich das Dokumentationszentrum als „institutionalisierte Kassandra, jene von Apollon verfluchte Weissagerin, der niemand Glauben schenken wollte, weil es bequemer ist, sich in einer diffusen Angst vor der Zukunft einzurichten, als sich mit der Warnung vor dem auseinanderzusetzen, was bereits beginnt am politischen Horizont der Gegenwart sichtbar zu werden.“

Wir fragten Bastian Sistig von der Projektleitung, wie man denn auf so eine Idee überhaupt komme. Sistig: „Die Sonderaus­stellungen versprechen Aufarbeitung des Kommenden, Einfühlung in das Mögliche, und kritische Reflexion auf eine Epoche, die auf viele noch warten, einige herbei sehnen und andere zerstören werden. Wie verantwortlich ist Ästhetik und wie machtvoll das Dokument, die Zeugen und die Phantasie? Bei Walhalla II geht es um die Frage, ob eine spekulative Archäologie in der Lage ist in ein störendes Verhältnis zur Wirklichkeit zu treten. Das Dokumentationszentrum reagiert damit auf eine politische Praxis, die ständig neue, auf Fiktionen beruhende Echokammern generiert.“

Und so erkläre sich „Spekulative Archäologie“ als eine „prognostische Wissenschaft und künstlerische Strategie, der Zukunft als rätselhaften Befund zu begegnen – Statt Angst vor der Zukunft, wird kritische Distanz geübt.“

Eine mögliche Epoche im Vorhinein aufzuarbeiten sei dabei ein schmerzhafter Prozess, als ständigen Zweifel und sensibles Spekulieren. Dabei gehen die Macher*innen vom „Dokumentationszentrum Zukunft“ von Vergangenheit als einem „veralteten Konzept“ aus, „dass für das Dokumentationszentrum Zukunft nicht weiter von Interesse ist.“

Archäologie also als zukunftsorientierte Forschung?!? Ja, sagt Sistig, denn „die Archäologie gerät als Wissenschaft im 21. Jahrhundert an Ihre selbst aufgelegten Grenzen. Sie generiert kulturelle Identität und Ausschluss auf Basis einer Vergangenheit, auf die sich einige wenige geeignet haben. Spekulative Archäologie generiert produktiven Zweifel auf Grundlage einer Zukunft, die für alle gleichermaßen wahrscheinlich ist.“ 

Und es scheint eine dauerhafte Angelegenheit, denn „unsere Suche nach Walhalla2 läuft ja nun schon eine ganze Weile“, verrät uns Bastian Sistig. „Drei Grabungen haben bereits stattgefunden, nun folgt in Hamburg vom 13. bis zum 17. die nächste Grabung am Domplatz. Danach präsentieren wir erste Funde im Dokumentationszentrum Zukunft (Standort Hamburg) in Niendorf. Danach geht es zur Grabung am Molkenmarkt in Berlin. Auch in unserem Berliner Standtort werden im Anschluss unsere Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Die Besucher*Innen sollen in die Lage versetzen werden, sich selbst in einem anderen Verhältnis zur Zukunft zu verorten.“

Und dabei werden so ziemlich alle akademischen Register gezogen: ob Architektur, Archäologie, Philosophie, Kulturwissenschaften, theoretische Physik, Bildende- und Darstellende Kunst, Interface- und Ausstellungsdesign, Sozialwissenschaften, Betriebswirtschaftslehre, Journalismus und Photographie – all diese Disziplinen sind im Dokumentationszentrum vertreten und machen es daher auch auf völlig verschiedenen Betrachtungsebenen spannend.

Termine:

  • Non-Stop-Grabung Hamburg (Domplatz): bis 16. Sept. 2018 – Ausstellung WALHALLA II – Hamburg
  • Dokumentationszentrum Zukunft, Sootbörn 22, 22453 Hamburg: 09. bis 30.09. 2018
  • Non-Stop-Haupt-Grabung Berlin (Am Molkenmarkt): bis 7. Oktober 2018
  • Hauptausstellung WALHALLA II – Berlin
  • Dokumentationszentrum Zukunft, Alte Münze Berlin, Am Molkenmarkt 2, 10179 Berlin: 11. Okt. bis 21.Okt. 2018

Konzeption, Archäologie, Planung, Architektur und Kuration: Peter Behrbohm, Josephine Hans, Anselm Schenkluhn, Bastian Sistig, Kolja Vennewald Text und Dokument: Holger Fröhlich, Julia Lauter, Philipp Röding Bildrecherche, Dokumentation, Archiv und Expedition: Jonas Fischer, Philipp Meuser Tonfragmente: burgund t brandt Artefakte: Lena Marie Emrich, Samantha Bohatsch, Karoline Schneider, Øystein Aasan, Marie Köhler, Zuza Golinska, Gregor Rozanski Grabungteam: Daniel Degeest, Alyssa Marie Warncke, Josema Enriquez, Sarah Besch, Andrea Krohn, David Gómez, Klara Oehler u.a. Vermittlung: Janine Meißner Produktionsleitung: Friederike Schneider Beratung: Maria Kusche Technische Leitung: Florian Fink Technische Mitarbeit: Walter Habrich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Melanie Marten

Eine Produktion von PARA Inc und dem Dokumentationszentrum Zukunft.

Das Projekt wird gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, aus Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters, der Hamburgischen Kulturstiftung und der Kulturbehörde Hamburg. In Kooperation mit dem Künstlerhaus Sootbörn Hamburg, der Alten Münze Berlin und dem 2OG – contemporary opportunities. Mit freundlicher Unterstützung des Archäologischen Museums Hamburg, des Landesdenkmalamtes Berlin und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin. Ein Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018.

 

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