Serie der Heimfelder Schreibwerkstatt:

Re: Zweite Aufgabe: Corona, ein brandheißes Thema

Kreativ in der Krise:: Ute Holst (Fotokunst Susanna Schreiner)

Erinnern Sie sich an die Diashow letzter Woche der Schreibwerkstatt? Darin waren kleine, aber feine Texte zu lesen, die im Rahmen des coronabedingten Fernunterrichts entstanden sind. Einige waren so spannend, dass sie geradezu nach einer Fortsetzung schrien.

 Das dachte sich auch die Autorin Ute Holst. Frei nach dem Motto „Wir machen weiter!“ hat sie ihren Anfang zu einer tollen Kurzgeschichte ausgebaut. Was man in Krisenzeiten so alles im Supermarkt erleben kann und wie sich die Werte im Leben verändern, können Sie hier lesen.

Corona, ein brandheißes Thema

von Ute Holst

„Was ist das denn jetzt? Plötzlich steht ja meine Welt auf dem Kopf.“ Verzweifelt schaut Regina in den Spiegel: „Wer hat das veranlasst, was mache ich denn jetzt bloß?“ Fragend schaut sie sich im Zimmer um, aber sie ist allein. „Wo sind die anderen, die Familie, die Freunde“, mit zitternder Stimme ruft sie laut aus: „Hallo, wo seid ihr denn alle?“ Aber es bleibt still, niemand antwortet ihr.

Ihr suchender Blick fällt auf das Radio und sie schaltet es ein. Der Nachrichtensprecher räuspert sich bevor er mit getragener Stimme von der bedrohlichen Pandemie mit dem Namen Corona berichtet, die nun auch Deutschland erreicht hat. Von bevorstehenden Ausgangsbeschränkungen ist die Rede und von „Hamsterkäufen“ in den Geschäften. Besonders begehrt soll Toilettenpapier sein. Sie zieht die Stirn kraus: „Wozu braucht man denn Massen von Klopapier wenn man eine Lungenerkrankung hat?“ Hastig begibt sie sich in die Küche um ihren Vorrat an Nudeln. Wasser und Haferflocken zu überprüfen. „So ein Ärger, gestern haben wir die letzten Spaghetti gegessen und der Reis ist auch fast alle. Dann muss ich ja wohl doch noch schnell in den Supermarkt gehen.“ 

Sie sieht aus dem Fenster und betrachtet nachdenklich die lange Menschenschlange, die sich langsam in Richtung Einkaufszentrum schiebt. „Das kann ja heiter werden“, murmelt sie gedankenverloren vor sich hin.

Regina kann sich nicht entschließen ihre schützenden vier Wände zu verlassen. Seit einigen Monaten wohnt sie zusammen mit einer anderen jungen Frau in einer Wohngemeinschaft für Berufstätige. Ihre Mitbewohnerin ist am Vortag spontan zu ihren Eltern gefahren, sie kann von dort aus Homeoffice machen. „Birte hat es gut“, überlegt Regina laut, „ihre Eltern versorgen sie sicher mit allem was sie braucht, die muss sich um nichts kümmern.“ Missmutig öffnet sie den Kühlschrank und entdeckt eine angenommene Packung H-Milch und einen Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum schon seit einigen Tagen überschritten ist. Wegen ihrer plötzlichen Abreise hat Birte diese Produkte wohl übersehen. Als Regina die Milchtüte öffnet, um den Inhalt in die Toilettenschüssel zu gießen, überkommt sie starker Brechreiz. Sie mag keine Milch und der Geruch der sauer gewordenen Flüssigkeit ekelt sie. Den Joghurt wirft sie in den Mülleimer. „Was brauche ich denn für die nächsten Tage?“, überlegt Regina laut. Auch sie soll in den kommenden Wochen von zuhause aus arbeiten und muss sich entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten selbst versorgen. Die Kantine und sämtliche Restaurants haben geschlossen. „Ich hätte auf meine Mutter hören und kochen lernen sollen“, stöhnt sie vor sich hin, „ich weiß ja nicht einmal wie man ein Spiegelei brät.“ Regina rauft sich die Haare: „Mein Gott, ist das schrecklich. Damit konnte doch wirklich niemand rechnen!“

Genervt zieht sie Schuhe und Jacke an, schaut in ihre Geldbörse, nimmt ihre Tasche und macht sich auf den Weg zum Discounter. Vor dem Laden warten nur noch wenige Kunden darauf, einen der begehrten Einkaufswagen zu ergattern. Vor der Tür weist ein Schild darauf hin, dass ab der kommenden Woche jeder Kunde verpflichtet ist einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. „Auch das noch, es wird ja immer schlimmer“, murmelt Regina verärgert vor sich hin. Endlich bekommt auch sie einen Einkaufswagen und betritt den Laden. Aus dem Lautsprecher ertönt eine energische männliche Stimme und ermahnt die Menschen: „Liebe Kunden, zu unser aller Sicherheit ist es dringend erforderlich, dass sie den Abstand von 1,5 Metern einhalten.“ Nach einer kurzen Pause meldet sich der Mann erneut: „Unsere Kassiererinnen sind aus Gründen der Hygiene angewiesen möglichst kein Bargeld anzunehmen. Bitte zahlen sie mit ihrer Kreditkarte.“ Kopfschüttelnd über diese ungewohnten Maßnahmen und bemüht den geforderten Mindestabstand zu den anderen Kunden einzuhalten, schiebt Regina sich mit ihrem Wagen durch die engen Gänge. Am Nudelregal entdeckt sie den Hinweis, dass nur eine Abgabe von drei Paketen pro Einkauf erlaubt ist. Darüber beschwert sich die Frau vor ihr, weil sie angeblich fünf Kinder zu versorgen hat. Regina zuckt nur gleichgültig mit den Schultern und geht weiter, sie hat mit ihren eigenen Problemen genug zu tun. Außerdem ist es schwierig den anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen, das erfordert ihre volle Konzentration. Dann entdeckt sie, dass das Fach, wo sonst der Reis steht vollkommen leer ist: „Das kann doch gar nicht sein, in welchem Land leben wir denn?“, denkt Regina gereizt. Schließlich legt sie einige Dosen mit Eintopf und eine Tiefkühlpizza in ihren Einkaufswagen und stellt sich in der Schlange an der Kasse an. Lautes Gelächter reißt sie aus ihren Gedanken. Eine alte Frau steht, auf ihre Gehhilfe gestützt und verstaut langsam ihre Einkäufe in ihrem am Rollator befestigten Korb. Mit blitzenden Augen und lauter Stimme ruft sie der Kassiererin hinter der schützenden Plexiglaswand zu: „Ich fasse es nicht, diese „Hamsterkäufe“ an Klopapier.“ Immer noch lachend fährt sie fort: „Einer hustet und alle anderen machen sich in die Hose!“ Vergnügt sieht sie sich im Laden um, wünscht allen Anwesenden noch einen schönen Tag und verlässt langsam das Geschäft. Nachdem Regina ihre Einkäufe bezahlt hat, kehrt sie zurück in ihre Wohnung. Ihr Smartphone zeigt den Eingang einer Nachricht an. Erfreut öffnet sie den Posteingang, ihre Mitbewohnerin schickt ihr einen Gruß mit aufmunternden Worten. Dankbar erwidert Regina den Gruß und schreibt, wie sehr sie ihre Freunde und ihre Familie vermisst. Danach kehren ihre Gedanken zurück zu der Zeit, als es mit den E-Mails begann. Damals war sie überzeugt davon, so etwas nicht zu benötigen. „Ich brauche sowas nicht!“, hatte sie jedem gesagt, der sie darauf angesprochen hatte. „Ich habe ein Telefon, einen Briefkasten und eine Klingel an der Tür. Wer etwas von mir will, der kann mich auch erreichen.“ Sie schämt sich für ihre arroganten Worte damals, aber wer hätte geglaubt, dass es in Deutschland jemals ein Kontaktverbot geben könnte? Zwar sind persönliche Begegnungen durch nichts zu ersetzen, aber lieber Grüße über die sozialen Netzwerke, als gar keine.

„Wie lange Corona uns wohl noch in Schach halten wird“, überlegt Regina während sie die Pizza in den Backofen schiebt und anschließend ihren häuslichen Arbeitsplatz einrichtet.

(Teil 1.: Getrennt und doch gemeinsam)

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