Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Mitgefühl

Grafik: Angela Yuriko Smith / Pixabay

Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin. Im Halbschlaf hatte ich noch einen Gedanken, nach dem Aufstehen war er weg.

War es etwas mit Verstand? Langsam dämmerte mir, worum es ging: Mitgefühl.

Immer wieder prallen Welten aufeinander. Ob in den sozialen Medien, beim Grenzschutz oder den Verkehrsmitteln. Immer sind die einen gegen die anderen. Was als Angriff auf den eigenen Seelenfrieden daherkommt, wird abgewehrt. Manchmal mit harten Bandagen nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, oder mit Ignoranz.

Zuviel Elend mit ansehen zu müssen, ist ja auch nicht zum Aushalten! Da schotten wir uns lieber ab, innerlich wie äußerlich, damit uns nicht zu nahe geht, was sich hier und dort abspielt. Vor allem die Masse wird zum Problem, denn sie hat kein Gesicht. Mit Mehrheiten fühlen wir uns i. d. R. wohler, wenn wir selber dazugehören.

Wir werden überschwemmt von Informationen und ertrinken in der Flut schlimmer Nachrichten, eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht enden wollender Krisen und Katastrophen.

Damit sich unser Mitleid nicht erschöpft, hält es sich in Grenzen und beschränkt sich manchmal auf ein einzelnes Bild. Wenn an einem Tag gleich zweimal ein Bettler seine Hand aufhält, kann uns das schon zuviel werden. Wir sind genervt, schauen stoisch daran vorbei, eilen weiter. Uns schießt der Gedanke durch den Kopf, dass wir nicht jedem Notleidenden etwas geben können; Vielleicht auch, dass wir die Bettelei ja quasi unterstützen würden und dann womöglich noch mehr arme Schlucker auf die Idee kommen könnten, sich durchzuschnorren… dabei hat das in Deutschland doch wohl niemand nötig, oder?

Vor allem wollen wir nicht „aggressiv“ angebettelt, sprich: persönlich angesprochen werden, denn das ist die Achillesferse. Das Gewissen. Wenn es sich meldet, fühlt man sich schlecht. Und das ärgert uns natürlich.

Neulich zog eine Frau in der S-Bahn von Waggon zu Waggon und bat um Geld für Essen. Ich gebe zu, auch genervt zu sein von allem, was mir in vollen Zügen zu Ohren kommt. Viele Gedudel und Geschäpper aus x Kopfhörern oder Telefonate, die mir nichts sagen, weil ich sie nicht oder zwangsläufig nur zur Hälfte verstehe. Und dann kommen auch noch Leute, die ihr Elend mitteilen und mich und alle anderen auf die Probe stellen, indem sie die Frage aufwerfen: Gebe ich etwas oder schaue ich weg?

Jetzt erinnere ich mich wieder, worum es bei meinem Gedanken während des Augenaufmachens ging. Ich könnte einer bettelnden Person in der Bahn etwas mehr anbieten, 5 oder 10 Euro beispielsweise, um ihr eine Auszeit zu ermöglichen. Ich könnte sie auch bitten, sich zu mir zu setzen, oder falls nichts mehr frei ist, ihr meinen Sitzplatz anbieten. Ich könnte das Schweigen brechen und mich mit ihr unterhalten. Könnte ihr sagen, wie schwierig es ist, immer wieder mit der eigenen, temporären Herzlosigkeit konfrontiert zu werden – oder das Gefühl bedrückend zu finden, sich von der Last des schlechten Gewissens freikaufen zu wollen – oder auch die Entscheidung zu treffen, wem man etwas gibt oder nicht und wieso.

All das könnte ich aussprechen und damit auch den Umstehenden zu Gehör bringen. Mein Gegenüber würde sich vermutlich gesehen und auch beachtet fühlen.

Ich denke übrigens nicht zum ersten Mal über dieses Dilemma nach und habe mir schon vor einer Weile überlegt, immer etwas Kleingeld bei mir zu tragen, das ich hergeben kann, ohne lange nachzudenken und einfach, weil ich mir das leisten kann. Natürlich kann und will ich nicht allen helfen, aber wenn ich Mensch bleiben will, darf ich nicht aus Prinzip wegschauen und mein Herz versteinern lassen.

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