Neues Buch von Harburger Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs:

Mit der Kunst die Intuition einfangen

Grafik: Ulrike Hinrichs

Warum erschafft der Mensch überhaupt Kunst? Was ist unter Kunst zu verstehen? Kann man Kunst definieren?

Darüber wurde seit der Aufklärung schon viel diskutiert. Auch der Begriff der Ästhetik zur Qualifizierung von Kunstwerken geht auf die Zeit der Aufklärung zurück. Die Kunst ist zwar mit Worten kaum zu greifen, wird aber im gesellschaftlichen Kontext doch immer wieder der Bewertung unterworfen. Das lernen Kinder schon in der Schule, indem sie für die bildende Kunst Schulnoten erhalten. Was aber wäre, wenn wir unseren Blick erweitern, wenn der künstlerische Ausdruck eine dem Mensch ureigene Form der Sprache ist, eine Sprache der mehr fühlenden intuitiven Seite im Menschen, wie Hinrichs es in ihrem neuen Buch beschreibt.

„Kunst als Sprache der Intuition“, unter dem gleichnamigen Titel veröffentlicht Ulrike Hinrichs, u.a. Kunsttherapeutin und bekannt für zahlreiche künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte in Harburg, jetzt ihr neues Fachbuch. Es richtet sich an Kunsttherapeuten und Fachleute, die mit kunstanalogen Prozessen arbeiten. Es eignet sich aber auch für Menschen, die an dem Thema interessiert sind.

In einem ausführlichen Theorieteil erläutert Hinrichs anhand einer umfangreichen Wissenschaftsrecherche die holografische Weltsicht, die sich hinter der Idee verbirgt. Im Praxisteil werden Impulse gegeben und Beispielsfälle erläutert.

Im Klappentext heißt es: „Die Welt als Maschine ist Geschichte, das Narrativ unserer Zeit beschreibt die Welt als lebenden holografischen Organismus. Das klingt erstmal interessant, aber auch klärungsbedürftig.“

Was ist damit gemeint?

„Dahinter steckt eine ganzheitliche Weltsicht. Jedes System, auch der Mensch, ist danach ein Holon. Das bedeutet, der Mensch ist Teil des gesamten Universums und repräsentiert gleichzeitig das Ganze. Auch die Psyche ist Bestandteil eines holografischen Bewusstseinsfeldes. Wissen und Erfahrungen sind in universellen Feldern gespeichert, mit denen der Mensch mittels seiner Intuition in Resonanz steht. Das habe übrigens nicht ich erfunden, sondern zu dieser Annahme gibt es mittlerweile viele wissenschaftliche Theorien, auf die ich mich in meinem Buch beziehe“, erklärt Hinrichs.

Der Mediziner und Gründer des Forum Synergie in Hannover, Dr. Hans Hein, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat, beschreibt es plakativ: „Das Wissen ist nicht im Gehirn, sondern das Hirn im Wissen.“ Das erfordert ein radikales Umdenken. Hinrichs ergänzt, dass der künstlerische Ausdruck, jenseits von Kunstmarkt und gesellschaftlich bewerteter Kunst, eine Art „Sehhilfe“ sei, mit der man Themen visuell nach außen bringt. Die Kunst könne den sprachlosen Raum sichtbar machen, Unaussprechliches artikulieren und Widersprüchliches mühelos vereinigen. Sie könne Neues gebären und Unbekanntes manifestieren. In der Kunst werde die diffuse Intuition im Werk sichtbar gemacht.

„Die tief sitzende leistungsorientierte Bewertung vom künstlerischen Schaffen muss man sich unter dieser Perspektive abtrainieren“, konstatiert Hinrichs. Denn es geht bei ihrem Verständnis vom künstlerischen Schaffen mehr um den schöpferischen Ausdruck und weniger um den ästhetischen Eindruck, den das Werk auf andere macht. „Wir wollen mit der Kunst die Intuition einfangen“, meint Hinrichs, wobei auch die Definition der Intuition schwierig sei, gibt sie zu. Die einen nennen es etwa Bauchgefühl, ein plötzliches inneres Wissen oder sie „fühlen“ oder „ahnen“ etwas, „sehen“ innere Bilder.

„Wir blicken zurück auf ein materialistisch-mechanistisch geprägtes Zeitalter, in dem es so etwas wie Intuition gar nicht geben konnte. Die Wissenschaft hat alles Lebendige wie eine funktionierende Maschine zu erklären versucht. Die Rationalität, repräsentiert durch den Verstand, stand im Vordergrund“, sagt Hinrichs. „Die Intuition, die lange als irrationales Bauchgefühl abgetan wurde, erlebt nun aber einen Aufschwung.“. Für die Intuition gibt es verschiedene Definitionsversuche. Schon C.G Jung hat versucht, die Intuition zu beschreiben. Sie sei als Ahnung nicht ein Produkt eines willkürlichen Aktes, sondern ein unwillkürliches Geschehen, das von inneren und äußeren Umständen abhänge. Intuition sei eher wie eine Sinneswahrnehmung, meint Jung. Die Ethnologin Dr. Kessler unterscheidet in diesem Sinne das rationale, nach außen gerichtete Denken und das nach innen gerichtete „wilde Denken“, das eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervorbringe. Seine Struktur übertrage den universellen Prozess auf den Alltag.

„Ein Motor der Intuition sind künstlerische Prozesse, die als eine Form der universellen präkognitiven Sprache zu verstehen sind“, sagt Hinrichs. Hein ergänzt: „viele neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wie sehr viel schneller unsere automatische Soforterfassung unserer Welt ist. Denken und Rationalität sind eher Bummelbahnen, die auf den Schienen schon angebahnter Intuitionen fahren Die Automatik der körperintelligenten Intuition ist gigantisch. Bewusstheit darüber zu erlangen ist erweiterte Intuition und deren Umsetzung in Ausdruck und Gestaltung, ist Kunst.“

In ihrer unterstützenden Arbeit mit Menschen nutzt Hinrichs den künstlerischen Ausdruck als eine integrative und allverständliche Sprache der Intuition. Für dieses Jahr hat sie aktuell einige künstlerische Projekte in Harburg initiiert. Das Projekt Frauenbilder, für Frauen in schwierigen Lebenssituationen, findet bis zum Jahresende im Habibi Atelier statt (Termine und Infos: loesungskunst.frauenbilder).

Mit dem aktuellen Kunstprojekt zum sozialen Brennpunktthema „Wohnen“, bei dem man gern noch mitmachen kann, knüpft sie unter dem Titel „Wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße“ an die Idee des Projektes „Gemalte Freiheit“ an.

Denn auch für gesellschaftspolitische Diskussionen lassen sich, so die Autorin, mit der Kunst neue Sichtweisen aufzeigen und Perspektiven entwickeln. Das menschliche Miteinander ändert sich durch künstlerisch-dialogische Prozesse. Der gesellschaftliche Beziehungsraum wird durch eine künstlerisch vermittelte Kontaktebene achtsamer und respektvoller. Unsere individuelle Perspektive auf das Soziale, auf kritische Themen, erweitert sich durch die Brille der Kunst.

Infos zur Autorin www.lösungskunst.com

Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanlogen

Transformationsprozessen Von: Hinrichs, Ulrike

Synergia Verlag, 2019

ISBN: 9783906873824

Buch bestellen: synergia-auslieferung.de

 

 

Literatur:

  • Kessler, Christina (2019). Think wild!. TattvaViveka, Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur. Ausgabe 79, 2019, S. 8 ff.
  • Franz, Marie-Luise von; Henderson, Joseph L.; Jacobi, Jolande; Jaffé, Aniela (2012, S. 61).
  • C.G. Jung. Der Mensch und seine Symbole

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare