Serie „Der Wert der Kultur“ - Teil II Theater:

Millionen Zuschüsse und doch nur Mindestlohn!

Gespielt und gelebt: Dramen im Theater. (Foto: Piero Chiussi, 2012)

Wer Theater mag, kann sich in Hamburg nicht beschweren. Über 60 Theater gibt es und es werden eher mehr. Aber geht es Ihnen auch gut?

Nehmen wir mal das Zahlenspiel vorweg: Das Schauspielhaus erhält jährlich rund 25 Mio. €, Das Thalia-Theater ca. 20 Mio. €, die Staatsoper 55,2 Mio. € und die Kulturfabrik Kampnagel ca. 5,7 Mio. €. Dazu kommen 7,9 Mio. € feste Zuschüsse zu den zahlreichen Privattheatern und nochmal Projektmittel von rd. 220.000,- €. Weitere Zuschüsse für Theatergruppen und –projekte in den Bezirken und Stadtteilen müsste man im Grunde auch noch erfassen, ist angesichts der bisherigen Zahlen aber hier mal vernachlässigt. Summiert man allein die genannten Zahlen, kommt Hamburgs Theater-Förderung auf jährlich etwa 114 Mio. €.

Klingt viel, ist viel. Aber ist es das auch wert?

Die jährlichen Steuereinnahmen des Bundeslandes Hamburg liegen derzeit bei rd. 12 Milliarden €. Demnach macht die Theaterförderung keinen Prozentpunkt aus. Genau genommen 0,95%!

Das allein ist keine Rechtfertigung, höre ich schon die Haushaltsexperten schreien. Aber beim Rückkauf einer Infrastruktur der Stromnetze in Höhe von 600 Mio. € (befürchtet wurde 1 Mrd.) oder angesichts einer – wenn auch „nur“ – anteiligen Belastung durch die HSH-Nordbank in Höhe von mehr als 18 Mrd. € (Die Welt vom 13. Jan. 2017) kann man auch getrost nach den wahren Werten der Theaterwelt suchen.

Um das Leben der Theater wird seit eh und je aus zweierlei Hinsicht ein „Kampf der Kulturen“ geführt. Zum einen führen die Intendanten mancher Theater gerne den inneren Streit öffentlich in den Feuilletons aus. Dazu später noch mehr. Es gibt aber auch den ewigen Streit mit den politischen Entscheidern, die regelmäßig am Geldhahn drehen. Selten auf, meistens zu. Und da sind die Theaterreihen wiederum geschlossen: Theaterwelt gegen Rotstift-Fraktion.

Auch hier werden gerne Zuschauerzahlen, Kosten, Zuschüsse ins Feld geführt, die aber den Wert der Kulturleistung nicht annähernd beschreiben. Gerne wird auch hier das Zahlenspiel aufgemacht, wieviel Zuschuss je Zuschauer gezahlt werde und damit im Übrigen auch ein wenig suggeriert, die Theatermachenden müssten letztlich dankbar sein, dass sie gegen Lohn arbeiten dürfen. Über eine kulturelle Infrastruktur samt notwendigen Kosten liest man dazu eher nicht. Also schauen wir mal genau auf die Zahlen.

Nach Recherche des „Hamburger Abendblattes“ sah dies für 2016 in etwa so aus:

„Jeder der 352.992 Besucher in der Staatsoper (Zuschuss: 52,55 Millionen) wurde zuletzt mit knapp 149 Euro subventioniert. Im Schauspielhaus (Zuschuss: 25,3 Millionen) lag der Wert bei 115 Euro, im Thalia (21,38 Millionen/278.493 Besucher) bei knapp 77 Euro und in der Kunsthalle (6,2 Millionen/332.000) bei 18,75 Euro.“ Aber man bedenke: je geringer der Ticketpreis, desto mehr Besucher, desto geringer der Pro-Kopf-Zuschuss. In Frankfurt wurde dies unter dem nun nach Berlin wechselnden Schauspiel-Intendanten Oliver Reese zumindest erkannt: umso mehr Kulturinteressierte Theatervorstellungen nutzen, je gefüllter auch die Ränge bei komplexeren Themen und Darbietungen. Hat man also erstmal Theater verstanden, bekommen viele wohl auch hier Lust auf mehr. Bildung im eigentlichen Sinne. (Dazu auch interessant der Artikel aus der „Welt“ mit dem Titel: „Viele Zuschauer zu wenig Zuschüsse“.)

Eintritte machen nur 20% des Etats aus

Aber auch so: der Eintritt macht oft gerade mal 20% des Gesamtetats aus. Daher ist die Diskussion über höhere Eintrittspreise zur Kostendeckung irreführend. Denn über Eintritte ist sie nicht erreichbar.

Und man muss sich vor Augen halten, über was man redet, wenn man über Theater redet. Vom Begrifflichen beschreibt Theater ja erst einmal das Schauspiel an sich. Dazu zählt aber neben dem Sprechtheater eben auch das Musiktheater mit Oper, Operette oder heute eben Musical. Und das Tanztheater mit z.B. Ballett. Wo alles zusammen betrieben wird, ist es dann ein Mehrspartentheater. Allen gemein sind die „Bretter“, die vermeintlich die Welt bedeuten und latent schwingt das Live-Erlebnis mit. Also das unmittelbare, direkt Stattfindende.

So unterschiedlich die Theaterformen, so unterschiedlich sind die Zahlenspiele. Denn auch die Anforderungen und so auch Kostenstrukturen sind nur sehr bedingt vergleichbar. So haben die Landes- oder Stadttheater in ihrer langen Tradition recht klare organisatorische und Kosten-Strukturen. Der organisatorische Bereich um Intendendanz und Direktor hat den tariflich gebundenen Personalbereich zu verwalten, meist schon mit zwei Jahren Vorlauf eine Spielzeit inhaltlich, personell und finanziell vorausplanen. Dann gibt es einen aufwendigen aber notwendigen Bereich an Technikern. Bühnenbildner, Gewandschneiderei, Regie und Regieassistenten, Maskenbildnerei, Komparsen, Licht- und Tontechnik und so weiter und so fort. Pressearbeit, Werbung, Abendkasse, Garderobe – als das schafft viel Arbeit, aber auch Arbeitsplätze.

„Harte Arbeit, die gut bezahlt werden sollte“

Aber wie sehen die eigentlich aus? Das Institut für Soziologie an der Universität Münster hat sich dies vor einiger Zeit genauer angeschaut und musste feststellen, dass zwei Drittel aller Schauspieler auf ein Jahresgehalt von unter 30.000,- € kommen. Brutto wohlgemerkt. Der Unterschied vom Brutto- zum Nettogehalt liegt durchschnittlich bei 40%.  Will heißen: 18.000 € im Jahr oder 1.500,- € im Monat ist das durchschnittliche Schauspielergehalt netto bei 240-300 Arbeitsstunden im Monat.

Reich werden auch sie nicht durchs Schauspiel: Susanne Bard u. Jörg Schüttauf in „Abraham“, Harburger Theater (Foto: Bo Lahola)

 

Und es kommt noch schlimmer: das schauspielende Personal hat zu über 70% befristete Arbeitsverträge. Entweder auf die Spielzeit oder auf einzelne Produktionen befristet. Das wiederum führt häufig dazu, dass zum Ende der Verträge meist nicht mal die gesetzliche Mindestdauer einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung erreicht wurde, um beispielsweise Arbeitslosengeld I zu erhalten.

Dafür erwartet sie ein fordernder Job, der nicht nach Stechuhr läuft und zuweilen nicht mal den Anforderungen des Mindestlohnstandards entspricht. (Vgl. Hamburger Abendblatt, 03. Dez.2016) Und ob man es glaubt oder nicht: wie in vielen künstlerischen Genres stellen auch hier Studien immer wieder fest: die meisten Schauspielenden sind arm aber glücklich.

Und das wiederum macht es selbst der Gewerkschaft schwer. Die Gewerkschaft ver.di kritisiert die Arbeitsbedingungen in der Theater- und Opernlandschaft, die sich bei den freien Theatern meist noch katastrophaler darstellt. Faire Bedingungen fehlten überall. Sie stellt aber auch fest: am meisten fehle ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass Kunst und Kultur nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt werden könne, sondern harte Arbeit ist, die gut bezahlt werden sollte. Hier ist aus Sicht der Gewerkschaft neben politischer Arbeit auch Bewusstseinsarbeit bei den Betroffenen selbst notwendig. Denn bedauerlicherweise stehen Leiden- und Leidens-Schaft der Betroffenen nah beieinander: Zigtausende Hospitanten stehen Jahr für Jahr bereit, um in Dramaturgie, Kostüm oder in der Technik hart zu arbeiten, ohne dafür angemessen entlohnt zu werden. (die Zeit)

Man mag also über die Art eines jeden Theaters nach eigenem Geschmack befinden, ob es Volks-, Tanz-, Unterhaltungs- oder politisches Theater ist. Die Bedingungen aber sind immer gleich katastrophal und das wahre Drama.

Motor für Ästhetik, Ethik und Moral

Und wie steht es um die gesellschaftliche Relevanz? Denn Theater steht eben auch für die anfangs erwähnten internen Streitereien. Und das gerne und mit aller Leidenschaft. Es wird gestritten über Werte, Moral, Politik, Geld und Anstand. Das mag sie manchmal selbst in die Ecke treiben, so dass die weniger intellektuell Herangehenden das Theater als das wahre Drama betrachten und dem ganzen einen (Rot-)Strich drunter setzen wollen. Aber es ist nun mal eine der Eigenarten zumindest der Sprechtheater eben Argumente verbal und theatralisch auszutragen. Und das wiederum befähigt sie dazu, zu einem erheblichen Teil zum offenen Diskurs einer Gesellschaft beizutragen – auch wenn ein Großteil eben dieser Gesellschaft dem Schauspiel nicht beigewohnt haben mag. Theater konnte und kann immer noch Themen – so grenzwertig sie auch seien – eben spielerisch thematisieren, verbildlichen, in ihrer Einordnung helfen. Die darstellende Kunst ist ein wesentlicher Motor für das zeitgemäße Verständnis von Ästhetik, Ethik und Moral. Das ist eine der kreativen und künstlerischen Leistungen, die Theater vermag.

Denn das Schauspiel schafft es, uns der realen Welt zu entrücken. Uns in Dramen und Komödien zu entreißen. Realität anders darzustellen und so das Kriterium „anders“ auch zu vermitteln. Theater bricht Tabus, spielt mit Vorurteilen und Themen, ohne dass man es als aufdringlich empfinden muss. „Es ist ja nur ´gespielt`“.

Und doch: es sind eben häufig diese Theatermachenden, die uns Diskurse überhaupt erst ermöglichen und über die Feuilletons der Zeitungen in die Welt tragen. Sei es Amelie Deuflhard vom Kampnagel-Theater, die schon 2014 das Thema Flüchtlinge stark in den Fokus rückte und den sogenannten „Lampedusa-Flüchtlingen“ in Hamburg Obdach auf Kampnagel anbot. Dafür fing sie sich eine Strafanzeige der AfD-Partei ein. (Vgl. die Zeit v. 05. Mai 2015) Aber auch Schauspielhaus-Intendantin Karin Baier schloss sich der Initiative an und so schufen sie eine Öffentlichkeit und einen politischen Diskurs, der 2015 insofern nicht folgenlos war, als Argumente der Menschlichkeit bereits entwickelt und transportiert waren.

Oder erinnern wir 2008 an das Stück „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ unter dem damaligen Schauspielhaus-Intendant Friedrich Schirmer und inszeniert von Regisseur Volker Lösch. Das Thema von Armut und Reichtum endete dort in der Verlesung der reichsten Hamburger Persönlichkeiten samt Angabe ihres Wohnsitzes durch einen Chor realer Arbeitsloser. Reichtum wurde so quasi aus dem Anonymen ins Persönliche transformiert und so anfassbar, nah, erlebbar. Zu real, fanden manche. Und so erwirkten einige der verlesenen Reichen rechtlich eine einstweilige Verfügung und Unterlassung. Die damalige Senatorin von Welck versuchte noch Minuten vor der Aufführung Einfluss auf den Intendanten auszuüben. Der ebenso verlesene Immobilienunternehmer Vogel stellte stellvertretend die eigentliche Frage: „Was hat so was im Theater zu suchen?“ Wo denn sonst?!? (Hamburger Abendblatt vom 27. Okt. 2008).

Denn genau hier zeigt sich der Wert des Theaters und seiner Themen auch für die Gesellschaft. Kunst und Kultur konfrontiert uns eben, lässt zweifeln, schafft eine Auseinandersetzung, die anderswo kaum denkbar wäre. Oder würden Sie das Thema etwa im Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung erwarten?

(14. Jan. 2017, hl)

 

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