Einige Worte zur Decke, damit sie nicht auf den Kopf fällt …

Mal was anderes

Foto: jarmoluk / Pixabay

John Pütz sitzt wie wir alle zuhause und macht sich so seine Gedanken …

Gestern war ich offline. Kein Internet, auch kein Lesen von Online-Zeitungen, kein Fernsehen und keine Videoschalte oder Telefonate zu irgendeinem Mitmenschen, der mir erzählt, es ginge ihm gut  und dann doch nur in epischer Breite von seinen Verlustängsten an Menschlichkeit, an Aktienkursen und Shoppinggenüssen erzählt.

Nein, gestern wollte ich mal auf andere Gedanken kommen und da mir dieses Jahr – wie eigentlich jedes Jahr – der Müßiggang durch die Flure der Leipziger Buchmesse verschlossen blieb, wählte ich vor einigen Tagen in den Beststeller-Listen der Amazonen herum und holte mir – diskret übergeben durch das Vordietür-Stellens einer schlichten Papiertüte den Roman „Die Pest“ von Albert Camus.

Und es war als hätte die Menschheit doch längst alles hätte wissen können. Die Pest, die in einem nordafrikanischen Kaff wütet, trifft Reichen und Arme gleichermaßen, rafft Tausende dahin und bringt die Menschen näher zusammen. Die Szene, wo alle auf Balkonen stehen und dem vermutlich auch damals schon unterbezahlten Pflegepersonal huldigen fehlt. Aber vermutlich nur, weil seinerzeit der Balkonbau noch nicht so weit entwickelt war. Und in einer staubigen Gasse singt es sich bekanntlich schlechter.

Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren – es grassierte die Bänkerpest, alle Boni wurden dahingerafft und Schwarzgeldkonten in der Schweiz schienen dem Hungertod ausgeliefert – wurde auch ein alter Schinken plötzlich in die Beststellerlisten gehieft: „das Kapital“ von Karl Marx. Auch da war mir nach innerer Abwechslung und ich wollte mir den Lesetipp der Süddeutschen Zeitung zu eigen machen. Da ich aber nicht wusste, in welchem Kapitel  mir sich nun der Mehrwert erschießen sollte, bestellte ich mal auf Vorrat die Gesamtausgabe und ich weiß noch, wie der Postbote bei der Zustellung fluchte. Bis heute habe ich nicht mit dem Zollstock nachgemessen, ob die Breite des Werkes eigentlich größer ist als der Brockhaus. Aber der Mehrwert erschloss sich mir schon, weil ich mich dann seinerzeit und endgültig von meinen alten schwedischen Billy-Regalen der Studienzeit verabschiedete. Sie schienen mir zu wacklig für Zeiten der Revolution und ich bestückte meine Lesestube mit 4 Meter langen stabilen Metallregalen aus alten Bundeswehrbeständen. Nicht hübsch, aber ein stabiles Fundament für eine ausbaufähige Bildung.

Ja, so liegt nun das Wissen der Menschheit samt Camus´ Pest vor mir und führt mir regelrecht vor Augen: niemand soll sagen, wir hätten es nicht wissen können!

Wie auch immer. Ablenkung war es irgendwie nicht.

Euer John Pütz

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