„Venus AD“-Autorin Borgmann im Interview

Kunst, Liebe und Demut

Spricht über Kunst, wandelnde Zeiten und ewige Eiitelkeiten: Gabriele Borgmann (Foto: PR)

Dass Urheberrecht eine recht emotionale Sache ist, wird bei der fiktiven Geschichte von „Venus AD“ von Gabriele Borgmann klar. Nun liest sie daraus bei der 5. SuedLese. Grund genug, mal nachzuhaken …

In der Novelle „Venus AD“ von Gabriele Borgmann (siehe auch „Als Cranach bei Dürer klaute“) dreht sich alles um das wohl erste Plagiat in der Geschichte der Malerei. Lucas Cranach hat die Venus-Skizze aus der Dürer´schen Werkstatt gestohlen und beeindruckt mit der lasziven Schönen die Kenner der Kunst. Doch bemerkt der wahre Urheber, Albrecht Dürer, diesen Diebstahl und setzt alles daran, die atemberaubende Schöpfung wieder sein Eigen nennen zu können. Entschlossen springt er durch die Zeit, will sich zurückholen, was ihm gehört, und sein Monogramm auf die Venus ritzen. So landet er im Jahr 2019 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, vor den Füßen der Doktorandin Nele Rosenbach. Was folgt, ist eine besondere und zeitlose Nacht voller Emotionen und neuer Erkenntnisse.

Tiefgang (TG): Bei der Wahl deines Motives spielt dein Hintergrund vermutlich eine große Rolle: Du hast Kunstgeschichte studiert. Kam dir die Grundidee schon während deines Studiums oder hat dich die Muse erst später geküsst?

Gabriele Borgmann: Meine erste Hausarbeit als Studentin der Kunstgeschichte drehte sich um Albrecht Dürer. Seine Neugierde auf das Leben, sein scheinbar unstillbarer Hunger nach Wissen faszinierten mich. Und ich war beeindruckt von seiner Fähigkeit, mit Farbe und Formen Geschichten zu erzählen. Wenn wir bedenken, dass um 1500 jenseits der Schlösser, Klöster und Humanisten-Häuser kaum jemand in der Lage war, uneingeschränkt zu lesen und zu schreiben, kaum jemand den literarischen Sinn von Worten erfassen konnte, dann hat Dürer mit seinen Bildern sowohl Kunst als auch Aufklärung geschaffen. Er war Maler und Autor seiner Werke. Er erzeugte Spannung und ein Gänsehautgefühl, er zauberte ein Schmunzeln und gleichsam eine Verneigung vor dem, was höher war als die Vorstellungskraft. So, dachte ich, sollte mein Protagonist sein, warum also nicht gleich den Künstler höchstpersönlich wählen?

TG: Die Geschichte selbst ist so geschrieben, dass sie sich auch ohne deine fachspezifischen Kenntnisse erschließt, oder?

Gabriele Borgmann: Da zitiere ich gerne die BILD-Zeitung. Sie schrieb: „Ein (Berliner) Kunstroman, der sich stellenweise spannend liest wie ein Krimi, aber auch nonchalant daherkommt – wie ein lauer Sommerwind. Das Ganze garniert mit einer Prise Erotik. Eine Lektüre, die unterhält und amüsiert!“ Und doch ging es mir auch darum, die Substanz einer Kunst zu spiegeln. Es bleibt in Erinnerung, wie Dürer mit feiner Feder die Natur abbildete, wie überhaupt die großen Maler die kostbarsten Farben mischten. Die Künstler des Mittelalters waren auch Alchemisten! Wer sich die Ingredienzen nicht leisten konnte, der nagte am Hungertuch. Denn die Farben, die Adel und Klerus liebten, die kosteten mehr als Gold. In aufwändiger Art wurde der Natur entlockt, was Bildern Leuchtkraft gab. Heute noch kostet ein Gramm Purpur rund 2.000 Euro. Wenn man mich also nach der Absicht hinter der Erzählung fragt, hat die Antwort mehrere Facetten: Liebesgeschichte, Kunstraub und Verneigung vor der Malerei.

TG: Es hört sich abenteuerlich an, kunsthistorische Figuren in einen Zeitreise-Kontext zu stellen und einen bedeutenden Künstler in der Moderne ankommen zu lassen. Geht das schon in Richtung Fantasy?

Gabriele Borgmann: Ein Zeitsprung ist ein Fantasy-Element, ja. Aber es geschieht in „Venus AD“ unspektakulär, wird alleine durch die Emotion getrieben. Für mich war die Vorstellung verführerisch, Dürer durch das moderne Berlin spazieren zu lassen, ihn mit den Eitelkeiten zu konfrontieren, die doch so alt sind wie die Zeit, aus der er kommt.

TG: Wähltest du Dürer bzw. die Venus, um eine Liebesgeschichte zu schreiben? Oder hast du eine skurrile Liebesgeschichte ersonnen, um Themen wie Kunst, Urheberrechte u.ä. zu behandeln?

Gabriele Borgmann:  Ich habe die Liebesgeschichte ersonnen, um dem vermutlich ältesten Plagiat der Kunstgeschichte eine Prosa zu geben.

TG: Was denkst du persönlich darüber, wie wichtig die Signatur eines Künstlers für sein Werk ist? Bei der Betrachtung und Bewertung scheint der Bekanntheitsgrad eine immense Bedeutung zu haben, auch für den Künstler/ die Künstlerin selbst.

Gabriele Borgmann: Albrecht Dürer durfte als erster deutscher Maler offiziell seinen Bildern ein Monogramm zufügen. Das hatte der Nürnberger Rat entschieden, um seine Werke vor Fälschern und Kopisten zu schützen. Schon damals erkannte man den Wert seiner Ideen, Skizzen, Werke.

TG: Was hältst du vom Konzept von Artotheken, d.h. wie vielversprechend findest du den Ansatz, auf diese Weise einen freieren Zugang zu Kunst und dem zugrunde liegenden kreativen Geist zu ermöglichen?

Gabriele Borgmann:  Das hat zwei Seiten, die harmonieren. Auf der einen Seite steht die Kunstförderung, die steigende Bekanntheit des Künstlers. Auf der anderen Seite beschäftigt sich derjenige, der ein Werk ausleiht, mit Intention und Motiv, vielleicht auch der Technik zum Bild. Kunst sollte nicht abhängig vom Geld sein, sondern Kreativität und Liebe zu den Werken sollten im Vordergrund stehen. Ja, bitte mehr davon!

TG: Wenn du vor der Rückreise nach Berlin noch Zeit findest, schau´ doch mal bei der Kunstleihe Harburg rein, der ersten Artothek in Hamburg. Schließlich gehört zu deinem Themenspektrum u. a. Kommunikation, Kunst und Kultur, Zeitgeist und Chancen im Leben.

Gabriele Borgmann: Ich freue mich auf Hamburg, auf die Lesung und nun auch auf die erste Artothek in der Stadt.

TG: Wir wünschen den Zuhörern spannende Unterhaltung! Vielen Dank für das Interview.

(das Interview für ´Tiefgang führte Sonja Alphonso)

Weitere Infos zur Autorin: www.gabrieleborgmann.com15

Termin: Am Do., 05. Mrz, Gabriele Borgmann – Venus AD, um 19 Uhr im „Komm du“, Buxtehuder Str. 13, 21073 Hamburg

 

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare