Kunst ist wildes Denken

"Resonanz" - Ulrike Hinrichs

Neue Impulse durch wildes Denken. So setzt die Kunsttherapeutin Hinrichs bewusst Kunst ein, um neue Assoziationen kraftvoll zu Leben zu erwecken.

Ein Gastbeitrag von Ulrike Hinrichs

Kunst ist eine Form des Denkens. „Wir wissen viel weniger über uns selbst, als wir zu wissen glauben“, konstatiert der Professor für Psychologie und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann (S. 71), der zwei Grundformen des Denkens unterscheidet, das schnelle assoziative Denken und das langsame rationale Denken. Die Ethnologin Dr. Kessler nennt es synonym das nach innen gerichteten „wilde Denken“, welches eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervorbringe, und das rationale, nach außen gerichtete Denken.

Während das planmäßige und lineare Denken über Faktenchecks, Analysieren und Zerlegen von Bestandteilen in ihre Einzelteile langsame Schlüsse zieht, agiert das wilde Denken für den aktiven Geist blitzschnell und oft unbewusst in endlosen vernetzten Assoziationsketten. „Wie Kräuselwellen auf der Oberfläche eines Teiches breitet sich die Aktivierung durch einen kleinen Teil des riesigen Netzwerks assoziativer Vorstellungen aus“, schreibt Kahnemann (S. 72). Mit künstlerischen Prozessen aktivieren wir das schnelle intuitive Denken. Die Kunst ist wie eine Sprache (siehe auch „Mit der Kunst die Intuition einfangen“). Sie baut die Brücke in die unbekannte Welt des wilden Denkens. Assoziationen zu den Kunstwerken wecken Resonanzen und übersetzen die traumähnliche Bildsprache in rational nachvollziehbare Worte. „Eine Vorstellung, die aktiviert wurde, ruft nicht einfach nur eine andere Vorstellung wach. Sie aktiviert viele Vorstellungen, die ihrerseits weitere Vorstellungen evozieren“, so Kahnemann (S. 71). Neben den persönlich gefärbten Assoziationen gibt es auch mythisch kollektive Deutungen.

Die kulturelle sowie kollektive Bedeutung eines Bildes kann die persönliche Deutung unterstützen. Dabei geht es nicht um feststehende Zuschreibungen, sondern um Resonanzen. Die Urbilder, wie wir sie von C.G. Jung in seinen Archetypen finden, deuten auf diese universelle Ebene von Symbolen.

Wir nehmen das Beispiel der Katze im Header-Bild. Jeder hat seine individuellen Assoziationen zu diesem Tier, ohne lange danach suchen zu müssen. Assoziationen kommen ganz automatisch. Ich denke bei der Katze sofort an Morle, die mir meinen Umzug von Berlin zurück in die Heimat Harburg erleichtert hat, der nun schon einige Jahre zurückliegt. Plötzlich stand die Nachbarskatze vor meiner Terrassentür. Sie lag mit mir auf dem Sofa und tröstete mich, nachdem mein Vater völlig unerwartet und plötzlich verstorben war. Wann immer sie zu mir wollte, klopfte sie von draußen mit ihrer Pfote an die Fensterscheibe. Sie haben Ihre eigenen Katzenassoziationen. Die Katze ist ebenso ein starkes kollektives Symbol. Sie steht für Eigenwilligkeit, Selbstbestimmtheit sowie Freiheit und auch für Gefühl und Intuition. Jan Becker, einer der großen Magier unserer Zeit, nutzt die Katze für eine anschauliche Metapher wenn er konstatiert (S. 23): „die Intuition ist wie eine Katze, sie komme nicht auf Befehl. Sondern nur dann wenn sie sich sicher fühlt“.

Der Begriff, das Wort Katze, ist nur ein Motor für Assoziationsketten, die sich unwillkürlich in uns ausbreiten. Beim bildhaften Ausdruck kommen weitere Ebenen dazu, mit denen wir in Resonanz gehen. Das ist das spannende an der Kunst als Sprache, denn das wilde Denken braucht Bilder und Metaphern. Diese findet es im Kunstwerk. Die in der Collage abgebildete Katze, die von einer afghanischen Frau aus meiner Flüchtlingsgruppe stammt, hat ihren speziellen und einmaligen Ausdruck, der mehr als nur das Wort „Katze“ weitere assoziative Themen in uns anspielt. Wir können beim Betrachten eines Bildes mit unserer subjektiv gefärbten Brille im Inneren des Künstlers stöbern. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass jede Assoziation zunächst einmal etwas über den Betrachter selbst aussagt. Bestenfalls ergibt die Assoziation dann auch für den Erschaffer des Werkes einen Sinn. Besonders gut funktioniert diese Übersetzung der Kunst als Sprache des wilden Denkens in Gruppen.

Ich leite mehrere kunsttherapeutisch orientierte Gruppen, u.a. in der Frauenbratungsstelle Biff Harburg. Die Frauen kommen mit schwierigen Lebensthemen in die Gruppe. Durch freies Assoziieren zu den Bildwerken in der Gruppe bekommen die Frauen neue Impulse. Diese Art der Herangehensweise spricht mehr die fühlende Seite in uns an. Es gilt zu beobachten, welche Impulse und Assoziationen das erschaffene Werk bei der Gruppe hervorruft. Die Künstlerin wird ihrerseits ermutigt, sich die Assoziationen zu eigenen zu machen, zu denen sie eine Verbindung spürt. Die Assoziationen der Anderen sind immer subjektive Färbungen, keine Wahrheiten. Erstaunlich oft haben diese Assoziationen eine erhellende Bedeutung für die Klienten mit ihren Anliegen. Durch Einschwingen, Resonanz, können wir über das Kunstwerk in Verbindung treten. Die Kunst übersetzt Resonanzen in die materielle Welt, indem sie etwas im Außen manifestiert. Die intuitive Seite in uns denkt in bildhaft metaphorischen Assoziationsnetzen, die rationale Seite folgt einem kausal linearen Programm. Wir müssen diese unterschiedlichen Ansätze zusammenbringen.

Das wilde Denken braucht immer wieder auch eine „Übersetzung“, eine Reflexion. Assoziationen und innere Bilder sind eher wie Träume, die man erstmal verstehen muss. Die Kunst ist es, die völlig unterschiedlich agierenden Denkansätze in uns zu vereinen. Welche Assoziation hat mit mir zu tun, welche hat in ihrer kollektiven Bedeutung für mich eine Wichtigkeit und welche Rückmeldung aus einer Gruppe berührt mich, so dass ich zu der Erkenntnis gelange, all das betrifft tatsächlich auch mein Thema, mein Anliegen. Das sind Fragen, die die analytische Seite in uns zur Überprüfung stellen kann und soll. Wie das alles funktioniert, ist für mich immer wieder ein Wunder. Das wilde Denken erweitert Perspektiven und bringt sehr oft Überraschendes. „Kunst liefert einen Zugang. Sie lässt eintauchen in Urschichten, in die Leere, lässt erstmal alles verlieren, alle Konzepte, alle Bilder, alles. Sie geht in den Raum, in dem es möglich ist, sich mit allem, was war, was ist und was sein wird, mit allem, was sich im Bereich des Möglichen befindet, mit allen Samen und ihrem Potential in Verbindung zu setzen. Kunst ist die innewohnende Möglichkeit, Leben kreativ zu gestalten. Sie ist der schöpferische Akt des Gebärens“, beschreibt es Cambra Skadé (S. 9).

Termine

  • In der Kunstleihe Harburg starten wir in Kürze regelmäßig monatlich einen Kurs „Kunst und Hochsensibilität“.
  • Ab Februar 2020 gibt es mit mir als Kursleiterin im Kulturhaus Süderelbe einen Kurs „Kunst als Sprache der Intuition“ geben.
  • Gern können wir über das Thema auch im Rahmen des Harburger Kunstsalon am 9. Feb. 2020, 14.00 bis 16.00 Uhr in der Kunstleihe Harburg (ab Januar 2020 in der Meyerstraße 26 / Ecke Bansenstraße) sprechen. Ich freue mich über meine Einladung als Künstlerin, die Moderation führt Petra Hagedorn.

Literatur

  • Becker, Jan (2006). Das Geheimnis der Intuition. Man spürt, was man nicht wissen kann. Piper.
  • Hinrichs, Ulrike (2019). Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Veränderungsprozessen. Schweiz: Basel, Zürich, Roßdorf: Synergia.
  • Kahnemann, Daniel (2011). „Schnelles denken, langsames Denken“, Penguin Verlag
  • Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Suhrkamp Verlag.
  • Skadé, Cambra (2011). Schamanische Kunst. Heilkunst. Connetion, Schamanismus & Kunst, Schamanismus Nr. 5, 2011, S. 8 ff.

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