Kunst ist nicht, Kunst wird

Wie schmeckt die Zeit? - Collage Ulrike Hinrichs

„Was ist Kunst“, das mag man ebenso divers beantworten können wie die Frage „wie schmeckt die Zeit“. Bei mir schmeckt die Zeit nach Einhorn und Kunst ist eine Sprache. Letzteres möchte ich näher begründen.

Über die Definition des Kunstbegriffes und die Sinnhaftigkeit künstlerischen Schaffens haben sich schon viele kluge Köpfe Gedanken gemacht. Dieter Meier, Underground-Künstler und Gründer der Gruppe Yello bezweifelte in einem Interview mit dem Sender ARTE[1], dass man eine Unterscheidung unterschiedlicher „Aggregatzustände“ von „Künstler“ und „Nicht-Künstler“ machen könne. Nach seinem Verständnis von Kunst müsse man nur der werden, der man ohnehin schon ist. Eine Grenze zu ziehen zwischen Kunst und Nicht-Kunst, sei dumm, so Meier.[2] Weiler, Neurobiologe an der Universität Oldenburg beschreibt diesen Gedanken aufgreifend so: „Es gibt keine klaren Kriterien für die Abgrenzung zwischen Künstlern und Nichtkünstlern. Wann ist jemand ein Künstler, wann ist eine Person einfach nur kreativ?“ Diese Entscheidung entspringe einem gesellschaftlich, bewertendem Prozess.[3]

Kürzlich las ich zu dem Thema einen Artikel in der Zeitschrift Gehirn&Geist unter der Überschrift „Der andere Blick“ von Claus Christian Carbon, der mit einem erhellenden Schluss endete: „Folglich bleibt auch die Frage, was Kunst ist, stets offen für neue Interpretationen. Ihr Begriff ist – wie sie selbst – semantisch instabil. Und ihre kreative Kraft liegt längst nicht allein auf Seiten der Schaffenden, sondern mindestens ebenso sehr beim Wahrnehmenden. Kunst ist nicht, Kunst wird.[4] Diese Idee von Carbon Kunst zu beschreiben hat mich fasziniert und inspiriert. Sie zeigt eine größere Perspektive, nimmt den Schaffenden und Wahrnehmenden in den Blick. Sie engt nicht ein, sie weitet. Und sie beschreibt die Kunst als einen andauernden Prozess. Kunst ist nicht, Kunst wird.

Für mich drängt sich unmittelbar auch die Frage auf: Warum erschafft der Mensch überhaupt Kunst? Alles hat einen natürlichen Sinn, nichts passiert in der lebendigen Natur einfach nur so.

Ich glaube, dass die Kunst eine Form der Sprache ist, eine Sprache der intuitiven fühlenden Seite in uns[5] (siehe dazu auch meine Beiträge „Kunst ist wildes Denken“.

Schaffender und Betrachter gehen in Resonanz mit der Bildsprache, die sich im Kunstwerk zeigt. Das Phänomen der Resonanz wird in unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen diskutiert.[6] Auch im Alltagssprachgebrauch hat sich der Begriff manifestiert. Die Bedeutung von Resonanz hat zwar einen gemeinsamen Ursprung, allerdings werden Resonanzphänomene je nach wissenschaftlicher Sparte unterschiedlich gedeutet. Übereinstimmend wird unter Resonanz ein Phänomen der wechselseitigen Bezogenheit, ein „Mitschwingen“, verstanden.[7] In der Musik etwa bezeichnet man das Mitschwingen einer nicht gespielten Saite beim Ertönen eines gleichgestimmten Instruments als Resonanz. In der Physik beschreibt Resonanz das verstärkte Mitschwingen eines Systems. Resonanz zeigt sich im sozialen Kontext auch durch das Einschwingen des Einzelnen auf andere Menschen und die ihn umgebende Welt.

„Emotionale Resonanz als eine bestimmte Form zwischenmenschlicher Interaktion ist eine basale Erfahrung jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Sie meint eine ganzheitliche Form des Aufeinander-bezogen-Seins und bezieht als prä- bzw. extraverbales Beziehungsgeschehen die seelische, körperliche und geistige Ebene gleichermaßen mit ein. Emotionale Resonanz ist in einem weiteren Kontext ein „transverbales“ Phänomen, in dem letztlich das Geheimnis des Angerührt-Werdens zum Ausdruck kommt. Emotionale Resonanz lässt in uns etwas anklingen und berührt uns. Ob, wann und in welchem Ausmaß etwas in mir oder im Anderen anklingt, ist weder machbar noch kontrollierbar und erhält letztlich eine spirituelle Dimension“, konstatiert etwa die Musiktherapeutin Gindel.[8]

In meinen die Kunst als Sprache nutzenden Gruppen beispielsweise mit Frauen in Krisensituationen erlebe ich immer wieder, wie das funktioniert. Das Kunstwerk schafft eine erweiterte Bedeutungsebene, die Resonanzen ermöglicht. Als Betrachter gehen wir in Kontakt mit der metaphorischen Bildsprache. Die Übersetzung erfolgt durch Assoziationen zum Werk.

Bei dieser Art der Wahrnehmung geht es nicht um ein Interpretieren, sondern um freies Assoziieren. Fragen wie „wo zieht es dich hin, wenn du auf dieses Bild schaust?“  oder „was kommt dir spontan in den Sinn?“ wecken Assoziationsketten. Zunächst haben diese subjektiven Assoziationen mit dem Wahrnehmenden selbst zu tun, es sind seine individuellen Impulse. Für den zuhörenden Künstler ist daher auch immer wieder wichtig zu betonen, dass die Assoziationen für ihn brauchbar sein können, aber nicht müssen. Wie beim Pilze sammeln oder auf dem Flohmarkt nimmt man nur mit, was man gebrauchen kann.

Immer wieder zeigt sich, dass subjektiven Assoziationen mit den Themen und Problemen des Künstlers zu tun haben. Wir kennen diese Phänomene auch aus der Ausstellungsarbeit, bei der fremde Personen stellvertretend für Familienmitglieder oder auch für ein Thema oder Symptom eines Klienten konstellativ im Raum gestellt werden und sodann die Wahrnehmungen beschreiben. Wer selber schon einmal eine solche Aufstellungsarbeit erlebt hat, staunt darüber, wie passgenau die Stellvertreter Aussagen der repräsentierten Personen wiedergeben oder Gefühle beschreiben. Dass das funktioniert, basiert auf Resonanz. Es werden Phänomene sichtbar, die mit Feldwissen problemlos erklärt werden können (dazu auch mein Beitrag „mit der Kunst die Intuition einfangen“. Wir können viel mehr wahrnehmen, als wir hinlänglich glauben. Und das ist keine Hokuspokus oder Hellseherei, sondern eine natürliche menschliche Fähigkeit.

Literatur

[1] Yell0 – Die Techno-Dandies lassen es immer noch krachen (24.02.2017).

[2] Diening (2016). Tagesspiegel, Yello-Gründer Dieter Meier in Berlin „Der letzte Provokateur“, 21.09.2016

[3] Tenzer, Eva (2017, S. 36). Warum macht der Mensch Kunst? Psychologie heute.2017. S. 34 ff.

[4] Claus Christian Carbon, „Der andere Blick“, Gehirn&Geist, Heft 2/2020, S. 20 (25).

[5] Ulrike Hinrichs (2019), Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen. Synergia.

[6] Hartmut Rosa (2016, S. 246). Resonanz

[7] Lumma, Klaus – Michels, Brigitte – Lumma, Dagmar (2009, S. 16). Quellen der Gestaltungskraft.

[8] Gindel, Barbara (2001, S. 39). Anklang finden – emotionale Resonanz. In: Storz, Dorothee; Oberegelsbacher, Dorothea. Wiener Beiträge zur Musiktherapie, Band 3, Theorie und klinische Praxisvals psychotherapeutisches Grundprinzip.

 

Druckansicht    

Facebook Kommentare