Serie: was war 2020 und was kommt 2021? – Dreifalt eG

Kreativer Grünkohl!

Kreativ, kulturell und künstlerisch beim Grünkohlkochen: Carsten Lünzmann (Foto: privat)

War 2020 einfach nur für die Tonne? Wir haben bei Kulturschaffenden nachgefragt. Den Auftakt macht Carsten Lünzmann von der Dreifalt Genossenschaft.

Wie hat sich die Pandemie im Arbeitsalltag 2020 bemerkbar gemacht?

Unsere am 11. Februar 2020 gegründete Kultur-Genossenschaft Dreifalt eG baut sich gegenwärtig auf, füllt sich mit Inhalten und Zielen. Wir lernen, wie die Arbeit, Verwaltung und Organisation dieser Form von ur-demokratischer Kapitalgesellschaft mit Fokus auf Kulturarbeit funktioniert. Die Genossenschaft zu etablieren ist kein Selbstgänger, wie wir uns mit unserer Gründungseuphorie vielleicht etwas naiv erhofft haben. Tatsächlich müssen wir Netzwerke entwickeln, um unsere Arbeit und das „Große Ziel“, den Betrieb eines multipolaren, pluralistischen Kulturpalastes zu realisieren. Das läuft im persönlichen Kontakt einfach besser, als auf der zur Zeit von vielen bevorzugten digitalen Ebene. Unter dieser deutlichen Einschränkung fahren wir immer noch mit angezogener Handbremse, aber, wir fahren.

Wie weit werden die Nachwirkungen nachhallen?
Die Reaktionszeiten vieler Kontaktaufnahmen, auch zur Verwaltung, sind sehr lang, da die Arbeit im Homeoffice kurze Wege in Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen erschwert. Ob sich das ändert, wird sich zeigen.

Was waren 2020 die gravierendsten Entwicklungen?

Gravierend war für mich als Vorstand der Kulturgenossenschaft Dreifalt eG nach diversen Gesprächen mit den Leitungsebenen des Bezirksamtes und der Politik die Erkenntnis, dass aktive oder wenigstens konstruktive Unterstützung für unsere ehrenamtliche Arbeit wohl immer nur unter schnöden Aspekten des Eigennutzes gewährt wird. Diese Entwicklung, dass eine gute Idee zum Wohle des Stadtteils eben nicht spontan Unterstützung findet, sondern diese erst einmal beäugt wird, um bei einem möglichen Scheitern gar nicht erst mit an Bord gewesen zu sein, frustriert bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Hat man das überwunden, passt der Hartnäckige sein Handeln einfach entsprechend an. Diese Hartnäckigkeit und die Evolution der Strategie ist für mich eine der gravierendsten Entwicklungen.

Was hat 2020 an neuer Kreativität hervorgebracht?

Das Erfordernis einen Perspektivwechsel vorzunehmen und auch die Horizontlinie entsprechend zu verschieben: was macht eine Kulturgenossenschaft ohne Räumlichkeiten, die sich unter erschwerten Bedingungen entwickeln will, soll, muss und kann? Sie dezentralisiert  sich, entwickelt Veranstaltungsformate, die sie als Gast in Räumlichkeiten oder auf Flächen befreundeter Kulturinstitutionen und anderer kooperativer Partner umsetzt. Erste positive Gespräch hierzu wurden auch schon geführt.

Was war das persönlich einschneidendste Erlebnis in 2020?

Da bin ich entsetzlich anspruchslos, denn das war mein erster selbstgekochter Grünkohl mit lecker Röstkartoffeln und Kohlwurst; der schmeckte tatsächlich genauso empörend gut, wie ich ihn von meiner Oma aus Moorfleet kannte und meiner Mutter kenne. Das hat mich begeistert und – auf die Metaebene gehoben – den Beweis erbracht, dass scheinbar unlösbare Aufgaben häufig lösbar sind, wenn man sie einfach angeht. Da sehe ich dann durchaus die Parallele zu unserer kulturell- orientierten Genossenschaftsarbeit: nicht hadern, machen, mitmachen.

Was ist für 2021 absehbar?

Herausforderung bleibt Herausforderung, soll heißen, dass auch 2021 viel Arbeit vor uns liegt, die wir kreativ und hartnäckig, aber auch mit Ruhe und Gelassenheit angehen werden. Absehbar ist auch für 2021 dass das Harburger Gen das Handeln von Verwaltung und Politik bestimmen wird. Dieses Gen, nennen wir es gerne das „Verhinderungsgen“, scheint maßgeblich für eine grundsätzliche Haltung hier im Bezirk verantwortlich zu sein, die vorrangig nach dem Problem sucht, anstatt die vorgeschlagene Lösung einfach `mal anzunehmen.

Was wäre in 2021 wünschenswert?

Wünschenswert? Natürlich an erster Stelle, dass DER Impfstoff wirkt und DAS Virus, nebst dessen Mutationen gezähmt wird.

Mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein, auch mehr offen-kritischen Diskurs innerhalb der Harburger Kulturschaffenden. Die Durchsetzung der Erkenntnis, dass die Harburger Kulturschaffenden mehr erreichen, wenn sie sich insgesamt solidarisieren, unabhängig davon, immer einer Meinung zu sein; die Fach- und Sachkompetenz ist in vielerlei Hinsicht einfach vorhanden, so dass voneinander profitiert werden kann.

Weniger negative Energie in Verbindung mit manipulativen Eingriffen in das Harburg Gen.

Was wird von 2020 bleiben?

Die Erinnerung insgesamt und die Erfahrung, dass Lecker-Grünkohl-Kochen schon der erste Schritt zur Lösung der Aufgabe sein kann – in dem Sinne, alles Gute für 2021 und seid dreifaltig, im weltlichen Sinne: kreativ, kulturell und künstlerisch!

Carsten Lünzmann
für die Dreifalt eG
29.12.2020

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