Dagmar Lieblová überlebte Bergen-Belsen und kommt nun zurück nach Harburg:

„Jemand hat sich verschrieben – und so habe ich überlebt“

Dagmar Lieblová (2.v.l.) noch als Kind und Teil einer intakten, tschechischen Familie. (Foto: Archiv Dagmar Lieblová)

Vater, Mutter und zwei Töchter: sie sind eine angesehene Arztfamilie in Tschechien. Unter der deutschen Besatzungsmacht werden sie ab 1939 zu Verfolgten. Drei werden ermordet. Eine überlebt. Zufällig. Ihre Geschichte ist auch eine Neugrabens. Jetzt kommt sie zurück – „mit der Erinnerung in die Zukunft“ …

Dagmar Lieblová folgt einer Einladung im Rahmen des Projekts `Mit der Erinnerung in die Zukunft´ der ´Initiative Gedenken in Harburg` und wird sowohl im Gemeindezentrum St. Trinitatis in der Bremer Straße sprechen als auch in der Goethe-Schule Harburg und der Stadtteilschule Fischbek / Falkenberg mit Schüler*innen ins Gespräch kommen.

Doch zunächst zu ihrer Person und Geschichte: Dagmar Lieblová kam am 19. Mai 1929 in Kutna Hora (Kuttenberg) als älteste Tochter des jüdischen Arztes Dr. Julius Fantl und seiner Ehefrau Irena Fantlová, geb. Reitmanová, zur Welt. Am 5. Juni 1942 wurde sie zunächst in das Getto Theresienstadt und von dort am 15. Dezember 1943 weiter in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Sie überlebte diese Hölle als einzige aus ihrer Familie und wurde im Sommer 1944 zunächst in das KZ-Außenlager Dessauer Ufer im Hamburger Hafen und von dort zwei Monate später in das Frauenaußenlager des KZ Neuengamme am Falkenbergsweg in Hamburg-Neugraben überstellt. Hier kamen die weiblichen Häftlinge vor Ort beim Bau einer Plattenhaussiedlung, bei der Trümmerbeseitigung, beim Ausheben eines Panzergrabens und beim Schneeräumen zum Einsatz. Die ca. 500 Frauen hausten in zwei Wohnbaracken auf engstem Raum. Die Verpflegung war ebenso mangelhaft wie die medizinische Versorgung. Darüber hinaus litten die Häftlinge unter den nassen und kalten Witterungsbedingungen vor Ort und der Willkür des Lagerkommandanten Friedrich Wilhelm Kliem.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Dagmar Lieblová im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Im Sommer 1945 kehrte sie in die Tschechoslowakei zurück und verbrachte dann fast weitere drei Jahre in einer Lungenheilanstalt. Danach studierte sie Deutsch an der Karls-Universität in Prag. 1955 heiratete sie den Mathematiker Peter Liebl. Sie wurde Mutter dreier Kinder und arbeitete zugleich als Lehrerin zunächst an Schulen und dann an der Philosophischen Fakultät der Prager Universität.

1990 gründete sie mit weiteren Überlebenden die Theresienstädter Initiative, die sich der Aufgabe stellt, das Andenken derer zu bewahren, die nicht überlebten, denjenigen zu helfen, die überlebten, und der Nachwelt vom Holocaust zu berichten. Heute spricht Dagmar Lieblová als Vorsitzende dieser Organisation vor Ort und auf Auslandsreisen mit vielen Jugendlichen und Erwachsenen über ihr Leben und die Shoah.

Und so folgt sie nun auch im Rahmen des Projekts `Mit der Erinnerung in die Zukunft´ der `Initiative Gedenken in Harburg´ einer Einladung zu einem Zeitzeugengespräch am Montag, d. 24. April 2107, 19.00 Uhr, Gemeindezentrum St. Trinitatis, Bremer Straße 9, 21073 Hamburg. Dabei wird sie auch das vor kurzem im Bergmann Verlag erschienene Buch

Jemand hat sich verschrieben – und so habe ich überlebt.´ Die Geschichte der Dagmar Lieblová, erzählt von Marek Lauermann, Borgholzhausen 2016, (ISBN 978 3 945283 21 9) vorstellen.

Weitere Termine bei ihrem Besuch:

Montag, 24. April 2017, 10.00 Uhr, Goethe-Schule Harburg, Eißendorfer Str. 26, 21073 Hamburg,

Gespräch Dagmar Lieblovás mit Schülerinnen und Schülern,

Montag, 24. April 2017, 19.00 Uhr, Gemeindezentrum St. Trinitatis, Bremer Str. 9, 21073 Hamburg,

öffentliches Zeitzeugengespräch mit Dagmar Lieblová. Der Eintritt ist frei!

Dienstag, 25. April 2017, 10.00 Uhr, Stadtteilschule Fischbek/Falkenberg, Fischbeker Moor 6, 21149 Hamburg, Gespräch Dagmar Lieblovás mit Schülerinnen und Schülern

 

Möglich ist dies durch die Unterstützung der ´Stiftung Auschwitz-Komitee`, das sich die Aufgabe stellt, die Stimme derjenigen zu sein, welche die nationalsozialistischen Verbrechen noch selbst erlebt und überlebt haben, und ihre Mahnung und ihr Vermächtnis auch für die nachfolgenden Generationen weiterhin hörbar und sichtbar zu machen.

Mit dem ´Hans-Frankenthal-Preis` würdigt die Stiftung seit 2010 das Engagement von Gruppen, Institutionen oder Einzelpersonen, die mit ihren Projekten in hervorragender Weise im Sinne des Auschwitz-Komitees Aufklärungs- und Bildungsarbeit gegen das Vergessen und gegen nationalsozialistische und neofaschistische Bestrebungen leisten. Der ´Hans-Frankenthal-Preis 2016` wurde der `Initiative Gedenken in Harburg´ zugesprochen, die sich „seit 1998 mit zahlreichen Veranstaltungen wie Zeitzeug_innengesprächen, Stadtteilrundgängen, Lesungen und Ausstellungen für die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte Harburgs einsetzt. Sie ist eine der ältesten Hamburger Stadtteilinitiativen zu diesem Themenbereich, arbeitet mit zahlreichen Akteur_innen in Harburg zusammen und wendet sich mit vielen Aktivitäten gezielt an junge Menschen. Hervorzuheben ist nicht zuletzt die thematische Breite ihrer Veranstaltungen, die u. a. die Verfolgung der Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Zwangsarbeiter_innen und Zeug_innen Jehovas umfasst.“

Das Preisgeld trägt dazu bei, das Projekt `Mit der Erinnerung in die Zukunft´ zu realisieren, das der ´Initiative Gedenken in Harburg` die Chance bietet, die Pragerin Dagmar Lieblová, eine Überlebende des KZ Außenlagers Neugraben, zu drei Zeitzeugenveranstaltungen im Süden Hamburgs einzuladen.

(13. Apr. 2017, TG)

 

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