Serie „Gedenken in Harburg“: Wilhelm Buchholz - Tiefenstraße 10 (Neuenfelde)

Im Arbeitslager erschlagen

© Privatbesitz

Beruflich selbständig, charakterlich lieb. Auch das konnten die Nationalsozialisten nicht ändern: Wilhelm Buchholz.

Der Tischlermeister Wilhelm Buchholz wurde am 16. Sept. 1888 in Hasselwerder (Kreis Jork) geboren, und zwar im Haus mit der heutigen Adresse Tiefenstraße 10 im Stadtteil Neuenfelde, wo er bis zu seiner Festnahme im Winter 1944/45 lebte. Die Gemeinden Hasselwerder und Nincop wurden 1929 zu Neuenfelde vereinigt. 1935 wurde Neuenfelde an den Landkreis Harburg abgetreten, und nach dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wurde es hamburgisch.

Tier- und kinderlieb

Aus alten Fotoalben ist ersichtlich, dass Wilhelm Buchholz ein sehr kinder- und tierlieber Mensch gewesen sein muss. Er musizierte gern, gehörte einer Neuenfelder Musikkapelle an und spielte auf Schützenfesten und anderen Feiern. Seine Tochter schildert ihn als humorvoll und zu Streichen aufgelegt.

Hobbyfotograf

Wilhelm Buchholz besaß als einer der ersten in Neuenfelde einen Fotoapparat. Es existieren viele Passfotos, die er von Neuenfeldern gemacht hat. Fotografie war sein Hobby, er entwickelte die Filme selbst. Er war aber auch ein politischer Mensch und Gegner der Nationalsozialisten. Deswegen stritt er oft mit seinem Sohn, der Hitler-Anhänger war. Außerdem wird erzählt, dass er bei Festumzügen und anderen feierlichen Anlässen nicht die Hakenkreuzfahne herausgehängt hatte.

„Bummelant“

Im Winter 1944/45 nahm die Gestapo ihn fest und lieferte ihn ins „Arbeitserziehungslager“ (AEL) der Gestapo in Wilhelmsburg am Langen Morgen ein. Die Gestapo unterhielt etwa 200 solcher Lager. Das Wilhelmsburger AEL war das einzige auf hamburgischem Gebiet. Die Insassen waren dort wegen angeblichen „Bummelantentums“ (besonders in Betrieben, die als kriegswichtig erklärt waren), aber auch wegen unliebsamer politischer Äußerungen, Abhörens von „Feindsendern“ oder nach Verbüßung von Strafhaft eingeliefert worden. Im Unterschied zum KZ war die Haft auf 56 Tage befristet, sie konnte aber verlängert worden. Besonders betroffen waren Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Das Lager am Langen Morgen war für 800 Gefangene eingerichtet, aber ständig überbelegt. Eine Frauenbaracke sollte 250 Frauen aufnehmen, zeitweise mussten hier bis zu 600 zusammengepfercht leben. Die Straße Langer Morgen war eine Parallelstraße des Eversween. Reste sind heute noch zwischen Bahngleisen sichtbar.

Selbständiger Tischler

Warum Wilhelm Buchholz in dieses Lager kam, wissen wir nicht mit Sicherheit. Entweder hat ihn ein Nachbar bei der Gestapo angeschwärzt oder er hatte sich geweigert, in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Nachdem Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte, sollte nur noch das produziert werden, was nach Meinung der Nationalsozialisten kriegswichtig war. Wilhelm Buchholz betrieb als selbstständiger Tischler eine eigene Werkstatt. Es wird erzählt, dass er es ablehnte, diese zu schließen und in der Kriegsproduktion auf der Deutschen Werft zu arbeiten.

Die Häftlinge vom Lager Langer Morgen wurden nach dem Morgenappell nach Wilhelmsburg oder in das Hafengebiet geführt, wo sie unter steter Gefahr durch Luftangriffe arbeiten mussten. Wie in allen Lagern wurden sie völlig unzureichend ernährt. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Es gab nicht einmal Seife zum Waschen, der „Gestank des Lagers Langer Morgen“ ist sprichwörtlich geworden.

Von Wachleuten erschlagen

Am 12. Februar 1945 kam Wilhelm Buchholz im Lager ums Leben. Es heißt, er wurde von den Wachmannschaften erschlagen. Er wurde 58 Jahre alt. Der Leichnam wurde nach Neuenfelde überführt. Seine Tochter, die den Sarg in Augenschein nehmen wollte, fand jedoch eine Frauenleiche vor. Dennoch hoffen seine Angehörigen, dass Wilhelm Buchholz auf dem Neuenfelder Friedhof bestattet wurde.
© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Lotfi, Gabriele: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart/München 2000; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 271ff.; Literatur über die Arbeitserziehungslager; alle Angaben zu Wilhelm Buchholz verdanken wir der Kirchengemeinde Neuenfelde, Verwandten oder Nachbarn, besonders seinen Enkelinnen Anna Köster und Gunda Neumann-Henneberg.

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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