Interview mit Harburgs scheidendem Kreiskantor Rainer Schmitz

„Ich staune über meinen eigenen Mut“

Das Harburger Kammerorchester verliert seinen Mittelpunkt: Rainer Schmitz. (Foto: Kammerorchester Harburg)

Es war eine der großen Überraschungen des neuen Jahres, mit der niemand gerechnet hatte: Kreiskantor Rainer Schmitz verlässt Harburg.

Mit seiner Kreativität und seinem großen Engagement hat er in den letzten 25 Jahren die Kirchenmusik im Hamburger Süden wie kein anderer geprägt. Zum Glück wechselt er „nur“ ins nicht allzu ferne Wilhelmsburg. Aber bei den Mitgliedern von Cantate, Concertino und Flauti vivi wächst die Ungewissheit, wie sich die bevorstehende monatelange Vakanz auf die Harburger Ensembles auswirkt. Kreiskantor Rainer Schmitz erläutert im Interview die durch den Wechsel entstehende Situation in Harburg.

Tiefgang (TG: ) Herr Schmitz, nach mehr als 25 Jahren verlassen sie Ende April Ihre Stelle in Harburg, wo sie zuletzt als Regional- und Kreiskantor tätig waren. Was ist der Grund für den überraschenden Wechsel?

Rainer Schmitz: Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder einmal an einen Wechsel gedacht, denn um seinen künstlerischen und kreativen Standard zu halten, sollte man sich als Musiker im Grunde regelmäßig Neuem aussetzen. Als Kreiskantor musste ich nun zweimal das Verfahren zur Besetzung einer Kirchenmusikstelle in Wilhelmsburg betreuen. Schon während der Verfahren fragte man mich, ob die Stelle nicht etwas für mich wäre. Nachdem beide Runden ergebnislos verlaufen waren und man die Stelle um einen regionalen Aspekt erweitert hatte, konnte ich auf das neugeschaffene Amt des Inselkantors für Wilhelmsburg berufen werden. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Ich dachte mir: „Wenn ich jetzt nicht wechsle und noch einmal einen Neustart wage, dann werde ich das wahrscheinlich nie mehr schaffen“. Also habe ich die Berufung angenommen.

TG: Was reizt sie an der neuen Position? Was bietet Wilhelmsburg, was Harburg nicht hat?

Schmitz: Ach, ich möchte Harburg und Wilhelmsburg nicht gegeneinander ausspielen. Ich habe hier in Harburg so ziemlich alles erlebt, was man an einer relativ exponierten Stelle als Kirchenmusiker erleben kann: Die Aufführung einiger der größten Werke der Kirchenmusik, die Fusion zweier Gemeinden, die Zusammenlegung von Chören, die Regionalisierung, die Anschaffung eines Konzertflügels und die Renovierung zweier Orgeln, die immerwährende Suche nach schöner und interessanter Musik für meine Ensembles und deren oft beglückende Aufführung in Gottesdiensten und Konzerten, die Arbeit auf „höherer Ebene“ als Kreiskantor, die Entwicklung von „Forum Klangkultur“ und, und, und…

TG:  Und in Wilhelmsburg fangen Sie dann als Inselkantor wieder ganz von vorne an?

Rainer Schmitz (Foto Hermann Straßberger)

Schmitz: Was mich in Wilhelmsburg erwartet, kann ich im Moment eigentlich nur erahnen. Die Aufgaben der neuen Stelle sind vielfältig, sie müssen sich erst entwickeln, und diese Entwicklung soll ich gestalten und als wesentlichen Teil in die sich neu formierende Gemeindearbeit einbringen. Zwar staune ich zuweilen über meinen eigenen Mut, aber diese große Freiheit reizt mich und fordert mich auf ganz neue Weise heraus.

TG:  Wird Ihre Stelle neu besetzt werden oder fällt sie den Sparzwängen der Kirche zum Opfer?

Schmitz: Die Stelle wird neu besetzt werden. Soweit ich weiß, ist eine Kürzung nicht im Gespräch. Als günstig erweist sich hier sicherlich das an diese Stelle gebundene Kreiskantorat.

TG: Wie sieht der zeitliche Ablauf aus? Wann wird die Stelle ausgeschrieben?

Schmitz: Bei der Ausschreibung einer hauptamtlichen Stelle gibt es verschiedene Fristen zu beachten. Die wesentliche Frist ist der Redaktionsschluss der Fachzeitschrift „Forum Kirchenmusik“, in der die Ausschreibung auf jeden Fall erscheinen sollte. Wie ich weiß, ist der Text bereits unterwegs und wird mit der April-Ausgabe veröffentlicht. Weitere Medien der Veröffentlichung sind das Amtsblatt der Nordkirche und die einschlägigen Berufsportale im Internet. Bewerbungsschluss ist dann Mitte Mai, die Vorstellungen der Kandidatinnen und Kandidaten finden Anfang Juni statt.

TG:  Damit sitzt dann in einigen Monaten ein*e neue*r Organist*in an den Orgeln der vier Innenstadtgemeinden in Harburg. Was aber passiert mit den drei Ensembles Cantate Harburg, Concertino Harburg und Flauti vivi, die sie bisher geleitet haben?

Schmitz: Mit dieser Frage berühren Sie zwei verschiedene Zeitabschnitte – nämlich die Zeit der Stellenvakanz und die Zeit nach dem Dienstantritt meiner Nachfolgerin oder meines Nachfolgers. Wann dieser Dienstantritt und damit die Übernahme dieser Ensembles erfolgen kann, hängt ganz wesentlich von den Bedingungen ab, in denen sich meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger derzeit noch befindet. Darüber kann also höchstens spekuliert werden. Realistisch gesehen wird er aber nicht vor September oder Oktober liegen. Für die Zwischenzeit arbeite ich gerade an guten und für die Ensembles hoffentlich interessanten Lösungen.

TG:  Wie könnten die aussehen?

Schmitz: Für Cantate Harburg wird es ein Projekt mit Studentinnen und Studenten aus dem Master-Studiengang Kirchenmusik der Hamburger Musikhochschule geben, das von der sehr sympathischen, neuen Professorin für Chorleitung, Annedore Hacker, betreut wird und das mit einem Konzert Ende Oktober abgeschlossen werden soll. Die Verhandlungen dafür laufen gerade.

TG:  Wird es auch für das Streichorchester „eine Aushilfe“ von der Musikhochschule geben?

Schmitz: Nein, Concertino Harburg werde ich selbst im Rahmen meiner neuen Stelle auf die Aufführung des „Requiem“ von Wolfgang Amadé Mozart und meines „Wiener Totentanz“ vorbereiten. Die Proben sind bereits geplant, das Konzert findet am 24. November in der Kreuzkirche Kirchdorf statt.

TG:  Fehlt nur noch eine Lösung für Flauti vivi.

Schmitz: Da kann ich derzeit noch keine so konkrete Lösung anbieten. Ich stehe einerseits in Verhandlungen mit der Musikhochschule, andererseits mit Blockflötistinnen aus meinem musikalischen Umfeld. Ich hoffe aber, auch hier eine Person zu finden, die nicht nur die Proben abhält, sondern „meinen“ Flöten mit Verve und Herzlichkeit ein interessantes Programm und neue Erkenntnisse zu bieten in der Lage ist.

TG: Werden die Musiker und Musikerinnen der drei Ensembles auch ein Wort mitreden können bei der Neubesetzung Ihrer Stelle?

Schmitz: Das hoffe ich sehr. Ich habe jedenfalls bei der Vorbereitung der Stellenausschreibung darauf gedrungen, dass alle drei Ensembles bei der Vorstellung der Kandidatinnen und Kandidaten beteiligt werden und ihr Urteil abgeben können. Das ist meines Wissens in diesem Umfang einzigartig, und ich hoffe sehr, dass sich alle Sängerinnen und Sänger sowie Instrumentalistinnen und Instrumentalisten an diesem spannenden Prozess beteiligen und diese Chance wahrnehmen.

TG:  Wo sehen Sie die Zukunft des Förderkreises „Forum Klangkultur“?

Schmitz: Der schon seit Jahren erwartete Einbruch der Kirchensteuereinnahmen ist bisher zum Glück ausgeblieben. Alle Fachleute weisen aber immer wieder auf seine Unvermeidbarkeit hin, und zwar in absehbarer Zukunft. Die Vergangenheit lehrt, dass in ähnlichen Situationen zuerst an den Sachmitteln der Kirchenmusik gespart wird. Freundeskreisen der Kirchenmusik wie „Forum Klangkultur“ wird zukünftig also eine zentrale Rolle der Ermöglichung und dem Erhalt von Kirchenmusik zukommen. „Forum Klangkultur“ wird mit seiner finanziellen und ideellen Förderung der Kirchenmusik zu einem unverzichtbaren Player in der kulturellen Landschaft der Harburger Innenstadt werden.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Peter Kerbusk vom Forum Klangkultur)

Letzte Termine mit Kreiskantor Rainer Schmitz:

Sonntag, 11. März, 11:00 Uhr:  Musikalischer Gottesdienst, St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Mitwirkende: Concertino Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 18. März, 11:00 Uhr: Musikalischer Gottesdienst, St.Petrus-Kirche, Haakestraße 2, Mitwirkende: Flauti vivi Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Samstag, 24. März, 18:30 Uhr: Benefizkonzert für den Förderkreis „Forum Klangkultur“, St. Paulus-Kirche, Alter Postweg 46, Mitwirkende: Cantate, Concertino und Flauti vivi Harburg, Leitung; Rainer Schmitz; Heimfelder Posaunenchor, Leitung Hartmut Fischer Eintritt: frei (Spenden erbeten)

Freitag, 30. März (Karfreitag), 15:00 Uhr: „Musica Crucis“ – Musik zur Sterbestunde Jesu, St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Mitwirkende: Rainer Schmitz spielt Werke für Klavier von Carl Philipp Emanuel Bach, Frédéric Chopin, Edvard Grieg, Wolfgang Amadeus Mozart und Alexander Skriabin

Sonntag, 1. April (Ostern), 6:00 Uhr: Musikalischer Gottesdienst mit Osterfrühstück, St. Paulus-Kirche, Alter Postweg 46, Mitwirkende: Cantate Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 22. April, 9:30 Uhr: Lutherkirche, Kirchenhang 21, Musikalischer Gottesdienst mit Cantate Harburg; Leitung: Rainer Schmitz

Sonntag, 22. April, 15:00 Uhr: St. Johannis-Kirche, Bremer Straße 9, Gottesdienst zur Verabschiedung von Kreiskantor Rainer Schmitz, Orgel: Viktor Holpert

Sonntag, 29. April, 17:00 Uhr; Lutherkirche, Kirchenhang 21, Konzert mit dem Konzertchor Buchholz und Concertino Harburg; Rainer Schmitz

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