Künstler*innen beim Harburger Kulturtag am 4. Nov. 2017 – Gruppe wattenbergART

Harburgs künstliche Tischgesellschaft

Yvonne Lautenschläger - "Veggie Cinema- Beau und Rübchen" - Acryl auf Leinwand - 60 x 65 x 4

Schöngeistige Bohèmes in den Cafés einer Weltstadt. Das mag sehr klischeehaft sein. Aber ganz aus der Welt ist es nicht. Eine Künstler*innen-Gruppe hat sich gar gleich nach dem Café benannt …

Künstler*ìnnen  arbeiten oft und viel alleine. Doch immer schon traf man sich auch und war solidarisch im Tun. Die Bohème war immer auch der Traum von Freiheit, Unabhängigkeit und Kunst. Und so festigte sich nach Außen der Eindruck, der Schöngeister, die in Cafés herumhängen und träumen. In Harburg hat sich im Grunde aus eben diesem Grunde eine Künstler*innengruppe nicht nur gefunden. Sie hat sich auch gleich den Namen des Cafés gegeben: wattenbergART. Mit Zusatz: Die künstliche Tischgesellschaft. Das Café in der Wattenbergstraße in Heimfeld ist mittlerweile passé. Die Künstler*innengruppe hingegen aktiver denn je.

„Im ehemaligen Café „WattenbergAcht“ lernten wir uns bei Ausstellungen kennen und gründeten dort unsere Gemeinschaft von Kunstschaffenden. Das Café stand erkennbar Pate bei der Namensfindung für unsere Gruppe“, so Yvonne Lautenschläger von „wattenbergART“. „Regelmäßig trafen wir uns hier zu gemütlichem Beisammensein, zu Gedankenaustausch und zum Diskurs über Ausstellungen und andere Vorhaben. Wir fühlten uns dem Café auf besondere Weise verbunden. Leider ist es Ende 2016 geschlossen worden.

Und die derzeit knapp zehn künstlerisch Tätigen sind so mannigfaltig und verschieden, dass da auch nur Vielfalt pur zu erwarten ist. Da ist etwa Antje C. Gerdts. 1961 in Bergedorf geboren absolvierte sie nach der Schule ein Sprachstudium, entdeckte  aber auch ihre Leidenschaft fürs Sammeln. Sie war Schülerin von Katrin Witte (einst Dozentin der Freien Akademie der Künste Hamburg und heute noch mit einer eigenen Malschule aktiv) und der aus Mexiko stammenden Künstlerin Noé Katz und präsentierte ihre erste Einzelausstellung 1993 in Hamburg. „Die Kunst und das Bedürfnis kreativ zu sein und frei zu arbeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben“, so Gerdts.

Antje C. Gerdts – o.T.

Ihre künstlerischen Themen ergeben sich aus den Begegnungen mit Menschen und der Natur. dadurch – so Gerdts entstünden quasi neue Räume. Ihre bevorzugten Materialien: Öl auf alten Kaffeesäcken. „Die Sammelleidenschaft und der Recyclinggedanke sind Grundlage für meine Objekt-Kunst. Altes lebt weiter. Neue Zusammenhänge entstehen.“

Axel Guhse: Der fröhliche Blutfleck (2015), Digitaldruck auf Papier, 30 x 21 cm

Und dann ist da der Fotograf Axel Guhse. Er stammt aus Wedel, wo er 1960 geboren wurde. Er absolvierte zunächst eine kunsthandwerkliche Ausbildung zum Keramiker, dann ein medizinisch-therapeutisches Studium. Seit 2007 ist er künstlerisch tätig, als Autodidakt. Seine Fotoarbeiten sind zuweilen grell und surreal. „In meinen Fotoarbeiten wähle ich willkürlich aus einer unübersichtlichen Flut der Bilder, wie sie uns die digitalen Medien heute zur Verfügung stellen. Ge­schriebenes Wort füge ich ein und erlebe dabei seine Macht, Wahrnehmung und Deutung zu verändern. Im kreativen Prozess fahnde ich spielerisch nach Grenzen, die mich zu Fragen und unerwarteten Antworten stimulieren – in dem Bewusstsein, dass jedwede Antwort nur eine vorläufige sein kann“, erklärt Axel Guhse.

Der Eisenwerker Uwe Jaensch nennt seine neue Reihe „Verwandlungen“ und zielt damit auch auf die Materialbeschaffenheit seiner Werke ab. „Rostiges, verwittertes Altmetall, weggeworfen, unbrauchbar, geringschätzig als Schrott bezeichnet, Fundstücke von der Straße oder Restbestände metall­verarbeitender Betriebe sind das Ausgangsmaterial für seine Arbeiten.“

Die Werke zeigen neben abstrakten Skulpturen Gegenständliches wie Fabel­wesen oder stilisierte Tiere, die durch spielerische Kombination der Fundstü­cke erschaffen werden.

Auch für seine Tätigkeit hat er bewusst den Begriff ´Eisenwerker` gewählt, statt Metallbildhau­er oder -plastiker, erinnert dies doch an die Arbeitswelt der Schwerindustrie längst vergangener Zeiten. In ihr hat die direkte, sichtbare Bearbeitung des Materials Spuren – Lebens­spuren – hinterlassen. Spuren die sich in den Fundstücken wiederfinden und Geschichten erzählen.

Uwe Jaensch – o.T.

Geboren 1949 führte sein Weg über eine Ausbildung zum Metallflugzeug­bauer, diversen Schulen, Studium und jahrelange Büroarbeit bis zur heutigen künstlerischen Tätigkeit. 2002 startete er erste Versuche mit Holz. Ein Schmiedewochenende ließ ihn dann zu dem Material finden, das er nun bevorzugt verwendet: Eisen.

Michael Krippendorf schafft Collagen-Kunst. Der Titel seiner aktuellen Werksschau: „Werke für Fantasie und Assoziation in 4 Dimensionen“. Was sagt uns das? „Mir geht es nicht darum das Rad neu zu erfinden, sondern mittels Verwendung von Alltagsgegenständen Assoziationen beim Betrachter hervorzurufen. Einer­seits im Bereich der Wiedererkennung – ´Das Teil kenn‘ ich doch…` und damit verbundener persönlicher Begebenheiten. Andererseits um den Zusammen­hang von technischer und gesellschaftspolitischer Entwicklung dem Betrachter in das Gedächtnis zu rufen, also Sinn-Frei!“

 

Die berufliche und private Begeisterung für das künstlerische Geschehen zur Zeit des europäischen Jugendstils von etwa 1889 bis 1939 bilden den Hintergrund und die Anregung seiner künstlerischen Betäti­gung. Aber auch Kunstwerke und Künstler seiner Zeit haben einen erheblichen „inspirativen Einfluss“ auf seine Collagenkunst, wie er es nennt. Die „4. Dimension“ be­zieht den zeitgeschichtlichen Aspekt in seine Werke mit ein. Er verwendet absichtlich Collagenteile aus Geräten, die es heutzutage fast nur noch in Museen gibt wie etwa eine Schriftkugel aus der Kugelkopfschreibmaschine. „Da ich die von mir genutzten Collagenteile z.B. Topfabgießsieb sowohl für meine Wandbilder als auch für die Objektskulpturen verwende, bezeichne ich beide Werkstile als Collagen-Kunst. Meine Einstellung zur Kunst charakterisiert u. a. folgender Ge­danke: Ein Kunstwerk mit dem ein Mensch lebt, bedeutet eine Freundschaft zu erleben, die man nicht missen möchte.“

Krippendorf wurde 1953 in Hamburg geboren, war Tischlergeselle tätig, dann Diplom-Sozialpädagoge in der Erwachsenenbildung und dort im Handwerk als Tischler und Maler. Seine Collagen schafft er seit 1995. Bevorzugt aus Metall, Holz, Glas, Keramik, Perlmutt, Leder und Stoff.

Die Malerin Yvonne Lautenschläger wurde 1964 in Bielefeld (doch, die Stadt gibt es wirklich und immer noch) geboren und schnell der Malerei verfallen. Neben diversen Kursen, Workshops und autodidaktischen Studien absolvierte sie 2010 ein zweijähriges Studium ´Kreative Malerei` an der Hambur­ger Akademie für Fernstudien. 2014 schloß sich an der AWW der Uni Hamburg das Weiterbildungsstudi­um ´Zeitgenössische Kunst seit den 60er Jahren` an.

Yvonne Lautenschläger

 

„Meine Arbeiten sind subversiv, vordergründig schön, fast dekorativ. Auf den zweiten Blick aber sind sie mit einer Botschaft versehen, welche die Abwehr des Betrachters wohlwollend und humorvoll umgeht und eine Nachricht übermittelt“, beschreibt Lautenschläger. „Zur Darstellung bediene ich mich der positiven Aspekte eines Themas. Dabei erregen markante Elemente die Aufmerksamkeit des Publikums und animieren zur weiteren Auseinandersetzung.“

Die Malerin Nora Poppensieker wurde 1982 in Hamburg geboren und stand irgendwann vor der Frage ´Kunst oder Mathematik?` „Nach Beendigung meiner Schullaufbahn stand ich vor der Entscheidung zwi­schen einer mathematischen oder einer künstlerischen beruflichen Weiterbil­dung.“ Nach einem Semester von höherem Lehramt auf Kunst und Mathe wech­selte sie erst zu einem Studium der BWL. Dann erlitt sie mit 22 Jahren als Beifahrerin einen schweren Motorradunfall. „Ich kam mit einem Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades nach einem künstlichen Koma und einem kurzen Krankenhausaufenthalt für 27 Monate lang in zwei einander folgende Rehabi­litationen. Nach dieser Zeit begann ich eine Arbeit in der Elbewerkstatt Elbe 4, einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen. Zum Ende des Berufsbil­dungsbereiches dort eröffnete direkt nebenan eine Kunstwerkstatt, das Atelier Freistil, wo ich nach Absolvieren eines dreiwöchigen Praktikums meine Arbeit fortführte. Somit bin ich nun Künstlerin der Kunstwerkstatt Atelier Freistil.“

Nora Poppensieker: unARTikuliertes

Gesche Guhse wurde 1077 in Preetz geboren, ist Erzieherin und Malerin. Und manchmal spielt sie auch Theater – wie mit der Kleintheatergruppe „Dilettantenstadl“.  „In meinen Bildern setze ich um, was mich bewegt und beschäftigt. Oft habe ich bereits ein klares inneres Bild, das darauf drängt, malerisch umgesetzt zu wer­den. Neben reinen Acryl- und Pigmentfarben verarbeite ich auch unterschiedli­che Materialien, wie Blätter, Sand, Steine, Zeitungsausschnitte …“

Gesche Guhse – Baby (2011), Acryl und Schlemmkreide auf Leinwand, 40 x 50 x 1,5 cm

 

Da gibt es also viel zu erleben und zu erkunden bei WattenbergArt und andere Künstler*innen sind stets gerne willkommen. Und so liest sich auf der webiste: „Unser Bestreben ist es, im Raum Hamburg-Harburg künstlerische Präsenz zu zeigen, uns dabei mit anderen Kunstschaffenden zu vernetzen und so unseren Beitrag zum kulturellen Leben zu leisten. Wir organisieren nicht nur Ausstellungen der Gruppe und einzelner Gruppenmitglieder hier und in anderen Orten sondern führen auch geeignete Projekte z.B. mit Schulen und anderen Einrichtungen durch.“

wattenbergART ist beim  Harburger Kulturtag am Sa., 4. November 2017 von 10-20 Uhr gleich an zwei Orten vertreten:

  • St. Trinitas, Bremerstr. 9, 21073 Hamburg:  Ausstellung ACHTsamkeit
  • ReBBZ, Schwarzenbergstr. 72, 21073 Hamburg: Ausstellung Freundschaft

Weiterführender Link: wattenbergart.de

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