Projekt „Gemalte Freiheit“ wurden zu 70 Jahre Grundgesetz vom Bundespräsident geehrt

Harburger Vogel(ab)schießen

(Bild: artworx)

70 Jahre Grundgesetz – welch ein Grund zum Feiern. Auch in Harburg. Aber wer feiert hier was?

Harburg hat eine lange Tradition im Vogelschießen. Selbst Erste Bürgermeister sind jährlich aus Gründen der Wertschätzung verpflichtet, dem beizuwohnen. Leider wird man  auch Zeuge, wenn Harburg im übertragenen Sinne mal wieder den Vogel abschießt. Ein Paradebeispiel dafür hat der Bezirk jüngst und ausgerechnet zum Feiertag des Grundgesetzes präsentiert. Ein Projekt mit Modellcharakter, das „Demokratie ganz nah“ veranschaulichen sollte, missriet regelrecht ins Gegenteil.

Doch der Reihe nach:

Frühzeitig zu 70 Jahren Grundrechte rief die Bundeszentrale für politische Bildung  dazu auf, kreative Ideen zum Themas „Grundrechte“ zu entwickeln, um unterschiedliche Diskussions- und Beteiligungsformate anbieten. „Vor allem dort, wo Menschen bisher selten mit „der Politik“ in Berührung kommen können oder wollen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt in diesem Band alle Projekte vor und lädt ein, den Erfahrungsaustausch über neue Methoden zu vertiefen.

Die Harburger Anwältin und Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs bewarb sich und entwickelte das Projekt „Gemalte Freiheit“. Es hatte großen Zuspruch und brachte viele innovative Ideen hervor (´Tiefgang` berichtete „Die gemalte Freiheit“ vom  28. Juli 2018 wie auch  „Grundrechte sorgten für volles Haus“ vom 29. Sept. 2018).

Ein voller Erfolg hinsichtlich der Zielsetzung: das Projekt machte die Werte greifbar und nahbar, warb so für Respekt, Wertschätzung und Partizipation. Das Resultat sorgte dafür, dass die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg derweil es gar als Modellprojekt für ganz Hamburg sieht. Wenn das mal nichts ist!

Nun aber zum oben erwähnten Vogel(ab)schießen. Pünktlich nun zum 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes lädt der Bundespräsident eben zum Kaffeekränzchen die Akteure der Projekte aus den verschiedenen Bundesländern ein und bringt auch eine Dokumentation als praxisnahe Festschrift heraus. In der nimmt das Harburger Projekt eine relevante Stellung ein. Passend zum Thema und Projekt sinniert der Bundespräsident im Vorwort: „Demokratie ganz nah. Im Alltag erleben wir ja leider oft das genaue Gegenteil: Distanz, mal mit Fakten, mal mit Gefühlen begründet. Die repräsentative Demokratie, wie sie das Grundgesetz definiert, ist unter Druck geraten, weil sich viele Menschen in unserem Land nicht wahrgenommen oder nicht als Teil von ihr empfinden.“

(Die FridayForFuture-Demonstranten oder das aktuelle YouTube-Video von Rezo hatten als Projekte übrigens nicht teilgenommen … )

Harburg also mal ganz vorne. Doch wer fährt zum Kaffeekränzchen in Berlin samt Ehrung des Projektes? Nicht etwa Ulrike Hinrichs mit den Akteuren des Projektes. Nein. Harburgs Sozialdezernentin Dr. Jobmann findet sich ein und lässt sich mit dem Bundespräsi ablichten. Ganz offiziell, zählt ja zur Arbeitszeit. Doch damit nicht genug: stolz verkündet das Bezirksamt Harburg zudem am 22. Mai  in seiner Pressemitteilung auf der eigenen Facebook-Seite:

„Im Rahmen der Initiative „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“, die unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, darf der Bezirk Harburg die Freie und Hansestadt Hamburg mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“ vertreten. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann reiste dafür auf Einladung heute zur Matinee und Ordensverleihung zum 70. Jahrestag des #Grundgesetzes nach Berlin.

Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, mit Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Milieus zusammenzuarbeiten und sich mit den im #Grundgesetz verankerten Grundrechten aller Menschen in #Deutschland persönlich und künstlerisch in historischer Perspektive auseinanderzusetzen. Der Ausgangsgedanke war, dass das Grundgesetz als wichtigster Ankerpunkt unserer gesellschaftlichen Grundwerte gerade in Zeiten neuer Problemlagen und polarisierender Wertekonflikte für die Zukunft der #Demokratie eine überragende Bedeutung besitzt.

Mit dem experimentellen Kunstprojekt waren alle Hamburgerinnen und Hamburger aufgerufen, ihren Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu gestalten. loesungskunst./grundrechte_kreativ

Dr. Jobmann (links) feiert mit dem Bundespräsidenten Respekt, Anerkennung und Würde. (Foto: BA Harburg)

Fehlt was? Ja. Klar. Von wem kam noch die Idee? Wer ist die Urheberin (Achtung – Urheberrechte!) und wessen Lorbeeren stehen hier wem?

Später erst wird kommentarlos – als sei nichts gewesen – der Satz hinzugefügt: „Ein großer Dank an die Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs für die Initiierung und tolle Begleitung des Projektes!“

Respekt, Anerkennung, Würdigung … naja, so genau nimmt man es in Harburg eben nicht. Und überhaupt: hat das was mit dem Thema Grundgesetz zu tun?!? Kann ja mal passieren.

Nun, wenn man so lapidar mit diesem Thema umgeht, viel Geld für Themen wie Integration, Partizipation oder Diversität ausgibt, um es nachfolgend einfach „abzufeiern“, sollte man es vielleicht lieber ganz lassen. Selbst das Vogelschießen ist bei den Schützenvereinen  vermutlich besser aufgehoben.

Die Projekturheberin hat sich im Übrigen postalisch mit ihrer Ent-Täuschung ans Büro des Bundespräsidenten gewandt. Denn die Kreativen hätten sich gefreut und wären stolz gewesen, die Anerkennung entgegen nehmen zu dürfen. Und so macht Harburg  eben wieder auf sich aufmerksam. Dieser wundersame Teil der Weltmetropole Hamburgs …

Der „Werkstattbericht“ mit allen bundesweiten Projekten steht übrigens kostenfrei als download unter: demokratie-ganz-nah

Zum Thema siehe auch tiefgang/idee-des-gelebten-grundgesetzes

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