Gentrifizierungsexperte Twickel bei Podiumsdiskussion zur Lage in Harburg:

Harburg – Pampa oder gentrifizierbar?

Gentrifizierung oder Nachverdichtung: besser ist es nicht geworden. (Foto: momentmal / Pixabay)

Der Kunstverein Harburger Bahnhof ist nicht nur Ausstellungsfläche sondern greift auch Themen unserer Zeit auf. Die Reihe „Tracks“ steht da als Marke und nun kommt Christoph Twickel – wieder.

Bei der Reihe Tracks geht es am kommenden Sonntag (24.2.) mal wieder um Entwicklungen . Vor allem in Harburg. In der Ankündigung heißt es: „Wir betreiben eine Standpunktanalyse: Wo befinden wir uns? Was war vor uns hier? Was geschieht um uns herum? Welche Handlungen verknüpfen sich mit diesem Ort? Wir sprechen über gemeinsames Arbeiten, geteilte Zeit und gestalteten Raum, über Teilhabe und solidarische Bezugnahme. Wir sprechen über Infrastruktur und temporäre Gemeinschaften und erproben institutionelle wie individuelle Möglichkeiten, eben jene zu schaffen.“
Dabei beginnt es um 13Uhr mit einen Stadtspaziergang mit der Geschichtswerkstatt Harburg. Es geht zu Arbeitswelten und Wohnräumen im Harburger Bahnhofsviertel. (Treffpunkt Kunstverein.
Von 14 bis 18 Uhr gibt es dann eine „Teezeremonie“ mit Dungeon TT von Martin Kohout mit Paul Sochacki und um 15 Uhr ein Künstlerinnengespräch mit Chris Reinecke im Gespräch mit Lena Ziese.
Um 16h wird dann zur Diskussionsrunde geladen.
Das Thema „Zentralität, Peripherie, Gentrifizierung und Teilhabe in Harburg – Runder Tisch zum offenen Gespräch“. Dabei ist der Journalist Christoph Twickel, Anke Jobmann (Bezirksamt Harburg), Heiko Langanke (Initiative SuedKultur), Mathias Lintl (3falt / Stadtkultur Hafen) und Vertreter*innen des Kulturwohnzimmer und der Sauerkrautfabrik.

Die Runde ist insofern interessant, dass bereits vor acht Jahren Christoph Twickel als Autor des Buches „Gentrifidingsbums“ als Gast der Initiative SuedKultur war. Da war Hamburg gerade allerorten damit beschäftigt, dass abgewirtschaftete Leerstände und Brachflächen aufgehübscht, -gewertet und für teuer Geld verwertet wurden, was eine der zentralen Thesen Twickels war und ist. Damals fragte SuedKultur auch, ob Harburg gentrifizerbar ist bzw. geht eigentlich auch „ein bisschen Gentrifizierung“?

Dann kam die Lehman-Pleite und die zinsfreie Zeit, was seit 2010 ganz maßgeblich dafür sorgte, dass Geld in Grund und Boden und Betongold (sprich Haus- und Wohnungsbau) investiert wurde und wird, so für eine extreme Verknappung und Verteuerung von Raum gerade in Metropolen wie Hamburg führt(e).

Seinerzeit berichtete Thomas Sulzyc für das Abendblatt unter dem Titel „Harburg  – Diskussion: Was bringt die Gentrifizierung?“ zur Veranstaltung:
„Christoph Twickel bietet eine versöhnlichere Perspektive auf die Fußgängerzone an. Der Hamburger Journalist und Mitverfasser des Manifests „Not in our name – Marke Hamburg“ der Bewegung Recht auf Stadt identifiziert in Harburg noch das eigentliche Wesen von Stadt. Hier existiert noch die urbane Multitude, das Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen. Anders ausgedrückt: In Harburg können sich Kopftuchträger und Rentner noch Kaffee satt leisten.

In seinem Buch „Gentrifidingsbums – oder eine Stadt für alle“ beschreibt Christoph Twickel die Wiedergeburt der abgewirtschafteten Altonaer Fußgängerzone. „Jetzt kommt Ikea, dann ist sie gerettet“, sagt er süffisant. Die Geschichte der Großen Bergstraße könnte auch die der Harburger Fußgängerzone sein.

Twickel beschreibt in seinem Buch Prozesse der Gentrifizierung, also den Umbau von Stadtquartieren und die Verdrängung von Mietern. Auf Einladung der Vereinigung Sued-Kultur, ein Zusammenschluss von Kulturschaffenden in Harburg, diskutierte der Autor vor 27 Besuchern im Jazzclub Stellwerk über die Rolle der Künstler und Kulturanbieter bei der Gentrifizierung.

Kulturell Aktive stecken nämlich in einem Dilemma: Nach der Devise „Wenn ein Ort langweilig wird, hauen die Reichen ab“ gilt heute selbst Subkultur als Standortfaktor im Monopolyspiel der milliardenschweren Investoren. Hamburg Marketing schmückt die Hansestadt in einem Werbespot mit Travestiten und Rockkonzerten.

Clubbetreiber und Galeristen bekommen leerstehende Gebäude in guten Lagen und machen sie interessant. Später fallen viele der selbstproduzierten Aufwertung zum Opfer, wenn gut verdienende Bevölkerungsgruppen in diese Quartiere mit hippem Image ziehen und die Mieten steigen.

„Müssen wir uns Sorgen machen?“, will Jazzclubchef Heiko Langanke wissen. Und einzelne bei Sued-Kultur meinen durchaus: Ja. Wenn die Initiative Kultur im Hamburger Süden schaffe, trage sie zur Gentrifizierung bei.

Eine Kulturwüste als Gegenstrategie zur Verdrängung au dem eigenen Viertel? Christoph Twickel erteilt einem so radikalem Weg eine klare Absage: „Es führt in die Irre, wenn wir sagen, ein Jazzclub schaffe Gentrifizierung.“ Der Kämpfer für ein „Recht auf Stadt“ unterscheidet zwischen Kulturschaffenden, die einfach nur ein Programm abspulen und dann wieder abhauen (…) und denen, die sich einmischen und dauerhaft im Stadtteil bleiben.

Eine Antwort darauf, wie man das bekämpft, was man selbst hervorruft, finden Twickel und sein Harburger Publikum, darunter die frühre Phönix-Center-Managerin Anette Eberhardt, an diesem Abend nicht. Einen Vorteil darin, dass Themen wie „Ekeltunnel“ oder Leerstand das Bild Harburgs in der Öffentlichkeit prägen, sieht Heiko Langanke jedenfalls nicht.

Wie aber solle Harburg damit umgehen, wenn es nur als „Idiotenstadt“ gesehen werde, fragt der Jazzclubchef und liefert in einer weiteren Frage eine Antwort, an die er selbst nicht so recht glaubt: „Geht auch ein bisschen Gentrifizierung?“ Ein wenig Aufwertung wäre ja nicht schlecht.

Leute, die vorher Turnschuhe oder Waschmittel vermarktet hätten, würden heute die Koordinaten der Politik bestimmen, beklagen Gentrifizierungsgegner. Stadt werde nur noch als Portfolio von Investitionsflächen gesehen, Politiker schauen willfährig zu. Menschen müssten diesen Leuten die Kulturpolitik wieder wegnehmen, sagt ein Besucher. Wie man aber Investmentgesellschaften und Konzernen die Macht über die Stadtentwicklung streitig macht – das bleibt an diesem Abend offen.“

Quelle: Hamburger Abendblatt

Kurzum: es dürfte mehr als interessant sein, welche Aspekte sich geändert und welche sich verstetigt haben.

Für S-Bahnreisende von Hamburg Hbf: 
Für den 24.2. ist Schienenersatzverkehr zwischen Hammerbrook und Wilhelmsburg angekündigt. Es empfiehlt sich den Metronom oder andere Regionalzüge zu nutzen.

Die Reihe Track wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.
Das Programm des Kunstvereins und die Reihe Track werden gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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