Die Schließung der MyToro-Art-Galery im Gloria-Tunnel ist mehr als nur bedauernswert:

„Harburg – Liebe es oder verlasse es“

Vorher- Nachher-Show? "Hausmeister" und Künstler Toro gibt seinen Job im Gloria-Tunnel auf. Pech nicht nur für ihn ... (Foto: Toro)

Harburg hat einen Ort der Kunst weniger. Die MyToro-Art-Galery schließt. Schuld ist natürlich wieder niemand. Aber gelogen wurde von Beginn an. Ein Nach- und Aufruf zu mehr Ehrlichkeit.

„Aus für Toro´s Galerie“ hieß es kurz und knapp  in „Harburg aktuell“ am 22. März 2017. Knapp fünf Jahre war der in Harburg lebende und arbeitende Künstler hier zugange und ist einem typischen Fehlversuch zum Opfer gefallen. Nämlich wenn Kunst und Kultur für andere Zwecke vereinnahmt werden. Ein teures Missverständnis, wie sich noch zeigen wird.

Toro, mit bürgerlichem Namen Mentor Ejupi, stammt aus Prishtina im Kosovo, konnte während der Kriegswirren dort sein Kunststudium nicht weiter führen und blieb irgendwann in Hamburg, genau genommen Harburg, hängen. Er schlug sich mit diversen Jobs durch. Viele kennen ihn noch als Kellner des Restaurants „Al Limone“. Aber er feilte auch immer schon an ungewöhnlichen Kunstprojekten. So im Harburger Hafen, in dem er bis zu zehn Meter lange und knapp über zwei Meter hohe Leinwände in einem Seitenarm der Elbe installierte. Dort wo die Strömung endet, halb unter Wasser. Dann hat er zwei Wochen lang „die Natur malen lassen“ und es kamen höchst interessante Strukturen heraus. (Hamburger Abendblatt, 07. Dez. 2006)

Es folgten andere Projekte in Hamburg wie ein Kinderhaus auf Entenwerder oder „Popart“ im alten Gloria-Kino, bevor es ein Seniorenheim wurde, aber auch viele internationale Ausstellungen. Ein Künstler eben – durch und durch.

Fing hier das Elend der Lügen an? Die Treppen des Gloria-Tunnels – bemalt von Toro (Foto: Toro)

Und das wurde ihm jetzt zum Fallstrick. Denn gerne werden Kunst und Kultur belächelt. Um etwas aufzuwerten aber auch gerne vereinnahmt. Aufwerten und Verwerten liegen nah beieinander. So auch im Gloria-Tunnel, der einstige Schmuddel-Tunnel Harburgs. Ein hässlicher und seinerzeit runtergekommener Betontunnel, der die Seevepassage von der Lüneburger Straße trennt und gerne als Ursprung allen Übels für den wirtschaftlichen Untergang Harburgs herangezogen wurde und wird. Klar, im Phoenixcenter tummelt sich das Volk mit Geld und durch den Gloria-Tunnel wird der Zahlungsstrom zur Lüneburger Einkaufsstraße jäh unterbrochen. Schöne, einfach Welt …

Wie auch immer: als Lösung bot sich 2013/14 auf einmal an, Toro zu vereinnahmen. Die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) stand in den Start-Löchern – auch in Harburg – und nutzte die Räume der späteren „MyToro-Art-Galery“ für eine Demonstration der Vermarktung. Und da kommen Ideen mit Kunst und Kultur immer wieder gerne aufs Tableau – weil sie sich bewährt haben: sie sind günstig, geben Flair und lassen uns von besseren Zeiten träumen. Aber eben nur träumen. „Einen Ort bespielen“ wird es gerne im Marketing-Jargon benannt und so durfte Toro als erstes die Treppenaufgänge mit Farbe „bespielen“. Zugleich sollte klassische Musik die Trinker-Szene verschrecken. (Hamburger Abendblatt, 07. Feb. 2013) Hat sich am Hauptbahnhof unter Innensenator Schill ja auch bewährt …

Das Missverständnis lag nicht bei der Kunst

In Worten klang es von Bezirksamtsleiter Thomas Völsch so: „Das planerische Ziel besteht darin, in dieser zentralen Innenstadtlage einen Ort zu schaffen, der sich (…) mit einem vielfältigen kulturellen und künstlerischen Angebot immer wieder neu präsentiert. Dabei spielen wechselnde Ausstellungen und Events in der neu geschaffenen Präsentationsfläche eine ebenso wichtige Rolle wie die künstlerische Gestaltung des Tunnels selbst.“

Mit der ´konsalt – Gesellschaft für Stadt- und Regionalanalysen und Projektentwicklung mbH` hatte man sich eine Firma ins Boot geholt, die diese Klaviatur beherrscht und so wurde Stimmung erzeugt. Das Hamburger Abendblatt titelte am 11.Feb. 2013 „Weitere Impulse für Harburgs Innenstadt“ und schrieb „die Verwaltung bemüht sich, Unterstützer für Kulturprojekte zu finden für langfristige Verbesserungen im Harburger Stadtzentrum“. Wie schön. Harburg nimmt sich der Kultur an.

Und es wurde mächtig getrommelt und Toro sollte es richten. „Viele Unterstützer für Kultur im Gloria-Tunnel“ (Hamburger Abendblatt, 13. Feb.2017)

 

 

Beeindruckende Kunst – aber um die ging es im Grunde nie.  (Foto: Joachim Roder)

 

Dumm nur: die Kunst oder Kultur interessierte im Grunde gar nicht. Mit der wurde Toro dann auch konsequent alleine gelassen. Letztlich sorgte er – ähnlich einem Hausmeister – für einen sauberen Tunnel. Und mietfrei hat er die Räume des späteren Kunstcafés eben auch nicht bekommen. Miete und Betriebskosten von etwa 20.000,- € waren jährlich zu stemmen. Zu glauben, dass er das alleine mit einem Café und so nebenbei erwirtschaftet, kann ebenso niemand ernsthaft geglaubt haben. Vor allem, wo so viel von Kunst gesprochen wurde.

Und die große Unterstützung? Sie blieb aus. Sparsam wie Harburgs Politik gegenüber Kultur ist, gab man 20.000,- € aus dem sogenannten Quartiersfond der Stadt Hamburg für das selbst initiierte Projekt. Also die Miete und Betriebskosten. Der offizielle Titel aber: „Bezirkssondermittel zur künstlerischen Aufwertung des Gloriatunnels“. Dauerhafte Kunst kam schon hier nicht vor. (Hamburger Abendblatt, 27. Feb. 2014)

Und die Lüge rächt sich schnell. Schon im Februar 2015 musste sich auf die Schnelle ein „Kunstverein Gloriatunnel Harburg e. V.“ gründen, um das Schlimmste zu verhindern. Die durchaus honorigen Mitglieder stellten sich und ihre Idee im Bezirksausschuss für Kultur vor: „Der neu gegründete Verein sehe seine Stärke insbesondere in der Organisation und werde daher alle organisatorischen Angelegenheiten selber in die Hand nehmen. Der Cafébetrieb werde in Zukunft vom Verein mit übernommen. Der Künstler „Toro“ solle sich ausschließlich auf sein künstlerisches Handwerk konzentrieren und übernehme die künstlerische Leitung“, hieß es. Das Angebot sah zu recht künstlerische Inhalte vor: klassische Konzerte, künstlerische Veranstaltungen und Ausstellungen, die Zusammenarbeit mit Kunstschulen, aber auch Vermietung der Räumlichkeiten als Tagungsort mit künstlerischem Ambiente. Der Verein finanziere sich durch Spenden von Mitgliedern, Mieteinnahmen, Catering und Veranstaltungen. Für 2015 wünschte der Verein aber eine Anschubfinanzierung mit dem Ziel, dass dieser sich in den kommenden drei Jahren soweit gefestigt habe, dass er sich selbstfinanzierend trage.

Toro wurde be- und nicht genutzt!

Und sie staunten nicht schlecht, als sie für dieses Engagement letztlich in die moralische Pflicht genommen wurden. Robert Timmann (CDU) hielt das Konzept für nicht schlüssig, Isabel Wiest (Neue Liberale) bezweifelte, dass der Verein bei eingeschränktem Cafébetrieb und gleicher Anzahl Veranstaltungen in Zukunft kostendeckend arbeiten könne. Und Heinke Ehlers (Grüne) stellte fest, dass sich das bisherige Konzept mit einer Anschubfinanzierung nicht selbst trage. Insofern müsse ein anderes Konzept überlegt werden, welches den Tunnel belebe und Vandalismus verhindere. Man war sich einig: das Konzept wurde abgelehnt. Typisch: Nix auf Tasche, aber Klappe aufmachen!

Und hier hätte allen klar sein müssen: Toro wurde be- und nicht genutzt. Schon im März 2015 bemerkten die Bezirksabgeordneten Jürgen Marek (Grüne), Barbara Lewy (Neue Liberale) und Jörn Lohmann (Die Linke) in einem Antrag: „Die Finanzierung eines solchen Konzeptes muss sichergestellt werden. Eine kurzfristige Finanzierung aus dem Quartierfonds ist hier sicherlich keine Lösung.“ (Drucksache 20-0536, vom 09. März 2015) Genauso so aber war es. Mal eben ein bisschen Geld rein schießen und dann wird das Kind schon laufen lernen. So funktioniert aber Kunst und Kultur nun mal nicht. Gentrifizierung aber schon: die Zeche zahlen die anderen.

                              „Refugjatet“ – Toro (Flüchtlinge)

Und jetzt? Schuld ist immer jemand anders! „Das Projekt wurde nicht so angenommen, wie wir es uns gewünscht haben“, sagt SPD-Fraktionschef von Harburg, Jürgen Heimath. „So wie es ist, macht es keinen Sinn. Wir setzen unsere Hoffnung auch auf den Neubau am Platz des Harburg-Centers. Daraus dürften sich neue Möglichkeiten ergeben“. Um Kunst, Kultur oder gar den Künstler Toro selbst ging und geht es also ohnehin nie. (Harburg aktuell am 22. Mrz. 2017)

Aber nicht genug der verkehrten Welt! Das ´Hamburger Abendblatt`: „Toro hatte noch versucht, Unterpächter für das Café zu finden und wollte sich auf die Galerie konzentrieren, aber das Bezirksamt lehnte seine Vorschläge ab. „Eine Mitarbeiterin sagte mir ins Gesicht, man wolle hier keinen Migrantentreff“, sagt er. „Aber ganz Harburg ist doch ein Migrantentreff. Ich bin Migrant!“

Fazit: es ist und wird teuer! Toro hat es Jahre seines nicht nur künstlerischen Lebens gekostet. Für Ambitionierte aus Kunst und Kultur ist es ein weiteres Warnzeichen, sich auf solche „Deals“ gar nicht erst einzulassen. Die Schließung zeigt auch, dass Raum für Kunst in Hamburg zu teuer ist – selbst in Harburg! Es ist also ein Dämpfer für die ganze Kultur-Szene Süd. Und der angedachte „Hausmeister- Job“, um den Tunnel sauber zu halten? Eine politische Frechheit, an der wieder niemand Verantwortung tragen will. Aber er wird mehr denn je nötig werden. Wartet´s ab! Da lohnt es sich AC/DC zu zitieren: Back in Black!

Einer noch: „Harburg – Liebe es oder verlasse es“ ist der Titel des Bild-Zyklus, an dem Toro gerade arbeitet. Humor oder Sarkasmus?

Toro auf Facebook: .facebook.com/mentor.t.ejupi

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