Um Chancen nutzen zu können, muß man sie kennen. Ein Diskussionsbeitrag:

Harburg braucht einen (Kultur-)Plan!

Urbanität und Idyll in den 50er Jahren: der Hastedt-Platz als Ansichtskartenmotiv.

Harburg hat alle Voraussetzungen für florierende Kultur und mehr. Aber man muss sie eben auch nutzen. Und das ist nicht mal schwer.

In Harburg wird von allen Seiten und immer wieder der Wunsch geäußert, hier müsste mehr passieren – auch in Sachen Kultur. Passiert ist aber bisher nur Stückwerk. Was fehlt, ist eine Strategie und konkrete Arbeit an vorhandenen aber auch veränderbaren Strukturen. Und das ist wichtig. Denn Harburg ist ein Bezirk der Stadt Hamburg. Zugleich aber ist Harburg auch ein Oberzentrum in der Metropolregion Hamburg und historisch ohnehin urbanes Zentrum im nördlichen Niedersachsen.

Es lohnt sich daher, diese Besonderheiten genauer zu betrachten. Denn viele strategische Antworten liegen quasi wie ein offenes Lehrbuch vor uns. Harburg ist keine Insel im luftleeren Raum, sondern eingebunden in verschiedene Wechselwirkungen. Diese können sich gegenseitig befruchten und es wäre dumm, sie nicht zu nutzen.

Urbanität zieht an

Da ist zum einen das Beziehungsgeflecht Hamburg und Harburg als Außenbezirk. Schon der Begriff ´Außenbezirk` signalisiert: Hamburg ist das Zentrum – Harburg die Peripherie. Eindrucksvoll und bildhaft obendrein liegt dazwischen ein Fluss, der nicht mal eben zu überbrücken ist.

Urbane Live-Kultur: Marias Ballroom

Im Bezug auf Kultur bietet Urbanität grundsätzlich eine Vielfalt kultureller Möglichkeiten. Erst recht in der zweitgrößten Stadt der Republik. Seinen Bürger*innen bietet Hamburg eine Vielzahl an kulturellen Angeboten. Zahlreiche Theater, Staatsoper, Ballett, Museen, Kunst, Literaturhaus und Literaturwochen, Elbphilharmonie, Filmfest, Kunsthalle oder Fotografie und ja, auch die Musicals. Nichts, was es nicht gibt, um die verschiedenen Kulturgenres abzudecken. Manches gilt vorrangig den Bürger*innen der Stadt. Manches aber auch vor allem den Stadtbesucher*innen. So die Musicals und auch die Elbphilharmonie. Ist so.

Dabei ist auch hier nicht allein an klassischen Tourismus zu denken, sondern an das Einzugsgebiet der Metropole. Interessiert man sich etwa für die teils avantgardistischen Darbietungen der Kampnagel-Fabrik, werden Menschen aus dem Umland – etwa Pinneberg, Trittau, Stade oder Lüneburg – den Weg auf sich nehmen. Denn weder finanziell vor allem aber nicht soziokulturell sind derartige Kulturorte und –inhalte in den peripheren Regionen denkbar. Denn Großstadt zieht vor allem eben urbane Geister an. Urbanität ist nicht nur eine stadtplanerische sondern auch eine soziokulturelle Komponente.

Wege in Kauf nehmen

Und hier sei noch mal betont, dass das ´Wege in Kauf nehmen` nicht nur bildhaft ist. Das ruhige Einfamilienhaus mit Garten im stillen Vorort mag verlockend und in der Anschaffung günstig(er) sein. Im Gegenzug aber heißt es abseits urbanen Lebens. Ruhe und Idyll auf der einen versus Unruhe und (kulturelle) Aufregung auf der anderen Seite.

Das Kulturhaus Süderelbe in Neugraben

Aber so wie die Stadt dieses vielfältige Angebot eben auch in die Peripherie (bei uns ´Metropolregion Hamburg`) streut, so wenig Interesse hat sie, dieses (auch kulturelle) Zentrum einem Zerfaserungsprozess herzugeben. Will heißen: diese Urbanität ist ein Pfund, mit dem eine Stadt um eben urbane Neubürger*innen buhlen kann und dies auch tut. Jede Zerfaserung sieht sie da als kontraproduktiv an. Dass man es dennoch machen kann, zeigt u.a. Walter Rohn imposant in seinem Metropolenvergleich von Wien und Paris. (Vgl. KM Magazin Nr. 126, Sept. 2017, „Peripherie“, Beitrag „Kunst und Kultur am Stadtrand“, S. 14ff) Er kommt generell zu dem Schluss, dass eine stärkere Kooperation aller Gebietskörperschaften einer Stadtregion anzustreben sei. Daran mangelt es aber nicht nur in Wien, sondern auch in Hamburg.

Dies umzusetzen setzt aber auch einen realen Diskurs und eine langfristige (Kultur-)Planung voraus. Davon ist in Hamburg nichts oder nur sehr wenig zu verspüren. Weder politisch, noch bei einer relevanten Gruppe Kulturinteressierter.

Illusion urbaner Leuchttürme

Was aber konkret bedeutet die Auseinandersetzung darüber? Zum einen, dass das urbane Zentrum von kulturpolitischen Entscheidungsträgern nicht als das A und O betrachtet werden sollte. Geschweige denn muss. Im Gegenzug aber auch, dass die Peripherien sich einiger Illusionen gar nicht erst hingeben sollten. Etwa urbane Leuchttürme in peripheren Gegenden zu erstellen. Eine vergleichsweise avantgardistische Ausstellungshalle wie die Falckenberg-Sammlung in Harburg ist nach den logischen Beziehungsgeflechten von Zentrum zu Peripherien zum Beispiel und im Grunde unsinnig. Ich sage bewusst im Grunde, denn dass es immer auch mal anders geht, zeigen Ausnahmen eben auch. Und dass Harburg eben durch das Vorhandensein der alten und bis dahin frei stehenden Fabrik-Halle zum einen sowie des Zugriffs darauf durch eben den Namensgeber Falckenberg zum anderen einen Glücksfall erlebte, ist eben so ein Einzelfall. Falckenberg schaffte es, durch seine Privatinitiative gar nicht erst stadtplanerische Bedenken aufkommen zu lassen.

Städtisch: Museum und Theater.

Das alleine wird aber nicht gereicht haben. Denn vermutlich ebenso wichtig für seine kulturelle Relevanz ist, dass Harburg eben auch nicht das Ende der Welt ist. Denn im Beziehungsgeflecht zum Landkreis Harburg wiederum, konnte sich Harburg als kulturelles Oberzentrum diese Ausstellungsfläche durchaus „leisten“. Weiterer Pluspunkt: sie liegt innerhalb Harburgs zentral. In Rönneburg wäre sie eventuell dann doch gescheitert. Ein weiterer Teil der Wirklichkeit ist aber auch : Falckenberg wurde und wird nicht an Besucherzahlen gemessen. Und seit die Ausstellung als Außenstelle der Deichtorhallen fungiert, darf sie so oder so als etabliert gelten.

Harburg ist Oberzentrum

Was aber, wenn ein Außenbezirk wie Harburg keine Sogwirkung auf ein Zentrum wie Hamburg entfalten kann. Heißt das dann automatisch kulturelle Provinz?

Eben nicht. Denn als Oberzentrum für den Landkreis Harburg etwa hat es eine Sonderstellung. Die kommt wahrlich nicht jedem Hamburger Bezirk oder Vorort zugute. Ein Blick auf das Umland zeigt dies deutlich. Lüneburg (fast 75.000 Einw.), Stade (46.000 Einw.), Buxtehude (40.000 Einw.) verfügen nicht über die jeweiligen Größen für urbane Kultur. Dazu kommen Winsen (fast 34.000 Einw.), Buchholz (38.000 Einw.) oder Neu Wulmstorf (20.000 Einw.).

Tiefer gelegt: Irish Pub in der Lämmertwiete.

Urbane Kultur heißt dabei nicht etwa, dass eine „abgefahrene“ oder mutige Kunstausstellung oder ein experimentelles Konzert nicht mal sein Publikum fände. Aber als Treffpunkte dieser Kulturgenres Orte dauerhaft zu etablieren, dafür fehlt es einzeln betrachtet an Größe. Der Bezirk Harburg selbst mit seinen fast 165.000 Einwohnern kann da schon durchaus aus sich selbst heraus was auf die Beine stellen. Und tut dies auch. Die Liste an Kulturorten ist ebenso beeindruckend wie der Kulturzusammenschlüsse (Vereine etc.) Kulturschaffender selbst. (Vgl. Kulturorte sued-kultur.de/locations und kulturelle Zusammenschlüsse sued-kultur.de/vereine).

Und hier liegt eben die Chance und Herausforderung für Harburg. Wie in den fast allen großen Metropolen finden auch in Hamburg Verdrängungsprozesse statt und suburbane Kreative werden immer weiter in die Peripherie gedrängt. Dort finden sich dann hoffnungsweise noch bezahlbare Räume und Möglichkeiten der kreativen Arbeit. Und eben auch das Publikum.

Dabei sollte nicht der Blick auf bereits etablierte Gruppen gerichtet sein. Sie haben meist einen langen Atem, um ihre seinerzeit erkämpften Orte zu verteidigen. Aber es gibt durchaus ausreichend Potenzial von erprobten und gestandenen Kreativgruppen, die sich Harburg vorstellen könnten – so denn der Bezirk auch seinerseits Interesse signalisierte. Die Ansiedlung der Medical School Hamburg mit seinen künstlerisch ausgerichteten Studiengängen ist so ein Beispiel. Aber auch der Speicher am Kaufhauskanal oder die neue Fischhalle. Die Kulturtage des Kulturhauses Süderelbe wären ohne die Sogwirkung als südliches urbanes Zentrum ebenso wenig denkbar wie der Harburger Kulturtag, die SuedKultur Music-Night oder die Literaturtage SuedLese. Denn die mediale Wahrnehmung wie die des Publikumszustroms reicht vom Zentrum Harburg bis in den Landkreis. Die Inhalte sind in weiten Teilen durchaus großstädtisch. Hier ist schon eine Grundlage geschaffen, um weitere kulturelle Orte und Ideenschmieden anzuziehen. Voraussetzung aber wäre, dass es überhaupt ein Bewusstsein über diese Zusammenhänge gibt. Dann müsste eine Bestandsaufnahme folgen: Was wird im Zentrum Hamburg mit Wirkung zur Peripherie Harburg geboten? Was wird wiederum im Zentrum Harburg zur Peripherie Landkreis geboten? Wo entstehen künftige Verdrängungsprozesse, die man aktiv ausgleichen oder auch nutzen kann? Was ist dafür nötig, was ist vorhanden? Und ja, was kostet es? Es ist anzunehmen, dass die Kosten – wie so oft im Kulturbereich – völlig überschätzt werden. Denn Kultur und Urbanität setzen vor allem erst einmal eines voraus: Haltung.

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