Harburg ist gerade Hochburg für ihre Kunst-Fans

Hanne Darboven – jetzt und total!

Wer sich für Hanne Darboven, ihr Werk, ihr Leben und ihr Umfeld interessiert, kommt an Harburg zur Zeit nicht vorbei. (Foto: Falckenberg-Sammlung)

2017 ist das Jahr Hanne Darbovens und somit auch Harburgs. Denn hier lebte und arbeitete sie und hier kann man sie fußnah aufs Neue erleben.

Im Grunde hätte all das schon letztes Jahr passieren können. Weil es passender gewesen wäre. Denn 2016 hätte Hanne Darboven ihren 75. Geburtstag gefeiert. Aber gut Ding braucht Weile. Und für den Interessierten hat sich das Warten gelohnt, denn dafür kann er zur Zeit „Darboven total“ erleben. Und alles in fußläufiger Nähe in Harburg.

Am Besten man notiert sich zunächst Freitag, den 11. August. Denn dann kann man gleich mit einer Weltpremiere in der Kulturwerkstatt Harburg starten. Dort wird erstmalig der Dokumentarfilm  „TIMESWINGS – Hanne Darbovens Kunst“ des Hamburger Filmemachers Rasmus Gerlach zu sehen sein.

Der 80minütige Film  über die berühmte Hamburgerin – pardon Harburgerin – wagt einen Blick auf Leben und Kunst der Ausnahmepersönlichkeit, die der Filmemacher Rasmus Gerlach persönlich kannte. Kennengelernt hatte er die Konzeptkünstlerin bei einem Klassenausflug zu einer frühen Hanne-Darboven-Ausstellung. „Unsere Kunstlehrerin hatte nach dem Ausflug einen Schwips“, erinnert sich Rasmus Gerlach heute. Die Begegnung führte auch dazu, dass der Filmemacher an die Hamburger Kunsthochschule zum Filmstudium aufbrach. Als Experimentalfilmstudent traf er die Konzeptkünstlerin wieder, die ihren eigenen Experimentalfilm drehte – über Harburg. Rasmus Gerlach drehte später einen Tag für Hanne Darboven – an ihrem 60. Geburtstag in der Musikhalle.

Rasmus Gerlachs neuer Dokumentarfilm umkreist ihr Atelier in einem alten Bauernhaus am Harburger Burgberg, das um ein Dokumentationszentrum erweitert wurde. In den Erinnerungen der Co-Worker, wie Hanne Darboven ihre Mitarbeiter genannt hat, werden sowohl ihre Kunst als auch ihre Persönlichkeit lebendig.

Und als Bonbon obendrauf: nach dem Film gibt es die Gelegenheit zur Debatte mit dem Filmemacher selbst. Rasmus Gerlach, geboren am 29. September 1963 in Hamburg, studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Mitte der 1990er Jahre begann er als Regisseur zu arbeiten und hat seither zahlreiche Dokumentationen und Dokumentarfilme für Fernsehen und Kino realisiert. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Kurzdokumentation „Ich war eine Seriennummer“ (1997) über das Falschgeldkommando im KZ-Sachsenhausen, die international preisgekrönte Dokumentation „Operator Kaufman“ (2000, TV), über den sowjetischen Kameramann und Filmpionier Michael Kaufman, „Der Riss im Regenbogen“ (2007), über eine Hamburger Großmutter, die sich auf die Suche nach ihrem verschollenen, cracksüchtigen Enkel begibt, und „Jimi – das Fehmarn-Festival“ (2010), über das letzte Konzert von Jimi Hendrix auf der Ostseeinsel Fehmarn. 2013 startet sein Dokumentarfilm „Apple Stories“ (2012) in den deutschen Kinos. Darin geht Gerlach den Herstellungsbedingungen moderner Handys nach.

Also Termin: Fr., 11. Aug. 2017, 20:00 Uhr, KulturWerkstatt Harburg, Kanalplatz 6, 21079 Hamburg, Eintritt: 5 ,- €

Wer dort Appetit auf mehr Darboven bekommen hat, kann sich dann in den Phoenixhallen bei der „Sammlung Falckenberg“, Wilstorfer Straße 71, anmelden. Dort wird seit Ende Februar und noch bis 3. September 2017 die Ausstellung „Hanne Darboven – gepackte Zeit“ gezeigt. Hier zur Website: HANNE DARBOVEN – GEPACKTE ZEIT

Sie gibt einen neuen Blick auf das Schaffen der Künstlerin Hanne Darboven (1941-2009). Die Deichtorhallen (Träger der Sammlung Falckenberg)  widmen der Künstlerin damit bereits zum dritten Mal eine Ausstellung. 1991 zeigten sie »Hanne Darboven − Die geflügelte Erde«, 2000 »Hanne Darboven − Hommage à Picasso«.
Denn Hanne Darboven ist eine der international bedeutendsten Künstlerinnen, die sich mit ihren Werken in einer von Männern dominierten internationalen Konzeptkunst-Szene etablierte. Bekannt ist Darboven vor allem für ihre Zeit und Raum umfassenden Schreibarbeiten und den daraus resultierenden seriellen Blattfolgen, die mit Zahlenreihen, Schrift und später auch mit Bildmaterial gefüllt sind und oftmals durch dreidimensionale Objekte ergänzt werden. Darbovens raumübergreifende Installationen funktionieren wie kompensierende Zeitspeicher, die tausend und abertausende von Jahrhundertdaten in eine greifbare Form bringen. Ihr Werk wird somit zum Inbegriff für GEPACKTE ZEIT.

Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nimmt die exemplarische Großarbeit Kinder dieser Welt ein, die sich über eine ganze Etage des Sammlungsgebäudes erstrecken wird. Anhand zahlreicher dokumentarischer Materialien wie frühe Konstruktionszeichnungen, Architekturmodelle, Briefe und Recherchematerialien wird es erstmals möglich sein, die Entstehungsgeschichte des Werkes Welttheater aus dem Bestand der Sammlung Falckenberg umfassend nachzuvollziehen − von der Inspirationsquelle bis zur vollständigen Ausformulierung in verschiedenen Medien und Ebenen der Darstellung.

Die Ausstellung legt einen weiteren Schwerpunkt auf den Dialog ausgewählter Arbeiten Hanne Darbovens mit Arbeiten von Künstlerfreunden wie Carl Andre, Sol LeWitt und Lawrence Weiner sowie weiteren Exponaten der Sammlung Falckenberg unter anderem von Vito Acconci, John Baldessari, Fiona Banner, John Cage, Sophie Calle, Guy Debord, Oyvind Fahlström, Richard Hamilton, Mike Kelley, Imi Knoebel, Olaf Nicolai und Ed Ruscha. Darüber hinaus gewährt die Ausstellung anhand von Künstler- und Tagebüchern Hanne Darbovens sowie Filmen einen außergewöhnlichen Einblick in die Werkentwicklung Darbovens und ihre Verbindung zu ihrem künstlerischen Umfeld insbesondere der Konzeptkunst der New Yorker Zeit und bestätigt darüber den großen Einfluss Hanne Darbovens auf internationaler Ebene.

Parallel zum Auftakt der Ausstellung in der Sammlung Falckenberg eröffnete die Hanne Darboven Stiftung dann eben auch noch das Dokumentationszentrum Am Burgberg. Es ist eine der Aufgaben der Hanne Darboven Stiftung, den Nachlass von Hanne Darboven an ihrem einstigen Schaffens- und Wirkungsort Am Burgberg in Rönneburg (Hamburg-Harburg) aufzubereiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erstmals werden an diesem Ort dokumentarische Materialien ergänzend zur Ausstellung zu sehen sein.
Darboven-Dokumentationszentrum Rönneburg Am Burgberg: Von der Sammlung Falckenberg aus übrigens gut mit der Buslinie 141 (Haltestelle Küstersweg) zu erreichen. Hier zur Google-Karte

Wer noch nicht genug hat, kann dann noch nach Berlin. Ist ja auch immer mal eine Reise wert. Denn anlässlich des 75. Geburtstags der Künstlerin im Jahr 2016 zeigt der dortige „Hamburger Bahnhof“ noch bis zum 27. August 2017 die Ausstellung HANNE DARBOVEN − KORRESPONDENZEN, die anhand der Korrespondenz aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren, die Entstehung des einzigartigen Aufschreibesystems Darbovens zugänglich macht. Ergänzt wird die Präsentation um Arbeiten Darbovens und Künstlerkollegen wie Carl Andre, Bernd und Hilla Becher, Daniel Buren, Sol LeWitt und Lawrence Weiner aus der Sammlung der Nationalgalerie, des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek.

 

 

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare