Ein Kommentar zum Veddeler Kunst-Projekt "Goldene Wand"

Gold stinkt nicht – Gift schon!

Manches Material führt immer zum gleichen Ärger ... (Foto: Langanke)

Die Aurubis vergiftet seit 150 Jahren das Gebiet um die Veddel herum mit der Produktion von Kupfer und der Veredelung von Gold! Das scheint kein Aufreger mehr zu sein.
E
ine vergoldete Hauswand allerdings, die ein Künstler installieren möchte, erregt derzeit die Gemüter.

Was darauf folgt: Das Narrativ des vergessenen Stadtteils, der Stigmatisierung durch die Berichterstattung der Medien wird befürchtet und ungefragt gleich selbst erzählt. Und dass man das an einem solchen Ort nicht dürfte. Warum nicht?
Eingezwängt zwischen A1, Bahndamm und Hafenverkehr erstickt der Stadtteil an allen möglichen giftigen Emissionen. Der Denkmal- und Ensembleschutz der Schuhmachergebäude macht eine bauliche Veränderung der Veddel quasi unmöglich. Zudem kann noch soviel Geld in die Stadtentwicklung der Veddel gepumpt werden – auf der Veddel wohnen Menschen (fast) nur, wenn sie unbedingt müssen. Hier bekommen Menschen eine Wohnung, die in weiten Teilen der Stadt niemand haben möchte: arm, schlecht (aus-)gebildet, der deutschen Sprache oftmals wenig mächtig, kulturell verdächtig. So zumindest die Stereotypen des Narrativs des (politisch) abgehängten Viertels, das durch viele Belege auch stimmt – aber eben nicht nur!

Und dann das: Der Künstler Boran Burchhardt möchte eine Hauswand mit Blattgold überziehen. Zynisch? Falscher Ort? Man kann davon halten, was man will, das mögen oder nicht. Aber der Gedanke hat viele Menschen ins Gespräch gebracht. Und das ist der Sinn von Kunst. Sie provoziert, macht das Unausgesprochene sichtbar, bringt Menschen zusammen und kann Aufmerksamkeit erzeugen. Das alles ist dem Konzeptkünstler gelungen. Glückwunsch!
Die Diskussion darüber, ob die goldene Wand Kunst ist oder weg kann, wird öffentlich von der weitgehend weißen Minderheitsgesellschaft auf der Veddel geführt. Dabei wissen die Stadtteil- Kümmerer und Beiräte, dass „niemand auf der Veddel“ diese Kunst im Stadtteil braucht. Aber ist es denn nicht gut, dass die Veddel als Kunstthema in den Medien erscheint? Oder am besten gar nicht über einen Stadtteil berichten, der 5.000 Menschen hat und von dessen 1.900 Wahlberechtigten max. 45% tatsächlich zur Wahl gehen? Denn dann würde das Politikversagen an die Oberfläche gespült, die den Zustand des Stadtteil schließlich auch zu verantworten hat!

Eigentlich sind Kunst und Kultur der ideale Kit, der die so diverse Gesellschaft der Veddel zusammenhalten kann. Um einen Dialog mit allen Kulturen führen zu können, braucht es neben einer sehr guten Gesundheitsversorgung die besten Bildungskonzepten, ein neues humanes Verkehrskonzept vor allem ein (inter-)kulturelles Zentrum! Die Veddel kann mit einem interkulturellen Kultur- und Kommunikationszentrum der Vorzeigestadtteil werden, der er eigentlich bereits ist: Ankommensstadtteil für die vielen Menschen, die die Katastrophen dieser Welt in die reichen Städte spülen. Viele dieser Menschen übrigens mit Gold in der Tasche oder als Zahnersatz. Für schlechte Zeiten. Denn Gold funktioniert in jeder Kultur als (Aus-)Tauschmittel und wird von jeder Kultur verstanden. Und unterschiedlich interpretiert. Kommunikation funktioniert in allen Kulturen anders. Das müssen wir berücksichtigen, dafür braucht es Raum für Begegnung.

(30. Mrz. 2017, Timo Gorf)

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare