Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Glauben

Foto: ddzphoto / Pixabay

Ich heiße Sophie und ich bin Denkerin. In letzter Zeit denke ich viel über kulturelle Unterschiede nach, die starken Einfluss auf das soziale Gefüge haben.

Religionen haben eines gemeinsam: Sie bilden Wertegemeinschaften, die solidarisieren. Viele Menschen bekennen sich dabei zu ihren kulturellen Wurzeln, manche konvertieren. Es gibt eine große Auswahl an Göttern, zu denen wir beten und hoffen können, für gute Taten belohnt zu werden. Ob Christen- oder Judentum, Islam oder Buddhismus, alle Glaubensrichtungen zielen darauf ab, dass der Mensch sich einer höheren Ordnung beugt und an eine moralische Instanz glaubt.

Glaubensgemeinschaften profitieren von gelebter Tradition und Ritualen, die die Menschen zusammenbringen. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert Vereinsmeierei.

Wenn ich mich in unserer westlichen Zivilisation umsehe, schneidet sie in gewisser Hinsicht trotz vielerlei Freiheiten schwach ab, denn statt an Gott glauben wir an die Überlegenheit eines allmächtigen Wirtschaftswachstums mit seinen drei Geboten: Produktivität, Konsum, Rendite. Dem hat sich alles unterzuordnen. Wir beten um eine zukunftsfähige Zinspolitik, huldigen den Börsenkursen, kennen alle Marken in- und auswendig und lauschen den vielversprechenden Werbebotschaften, die nicht mehr in Stein gemeißelt, sondern online verbreitet werden. Die Gebetsbücher von heute haben Hosentaschenformat und zählen den Fortschritt im digitalen Takt. Flinke Finger folgen den Zeichen der Zeit, als wären es die Suren des Koran. Wie in Trance bewegt sich jeder Selfie in seiner individuellen Welt, die eigens von Algorithmen auf uns zugeschnitten wird.

Und wenn wir alle im Kleinen das nachmachen, was die Großen, Reichen und Mächtigen uns vorleben, hat das fatale Folgen: Der Gemeinschaftssinn wird langsam, aber sicher zu Grabe getragen.

Düstere Aussichten für die Zukunft? Damit diese Kolumne nicht so hoffnungslos endet, denke ich mir ein Leben nach dem Tod jenseits von Kosten-Nutzen-Rechnungen, nämlich die Wiedergeburt oder Auferstehung des Wir-Gefühls.

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