Die „Gentrifizierung“ setzt auch der Kultur enge Grenzen:

Wenn der shabby look zum Luxus wird

Einfach nur runtergekommen oder kurz vor der Luxussanierung? Foto: hl

Die explodierenden Immobilienpreise der norddeutschen Metropole werfen in der Kreativbranche grundsätzliche Fragen auf: ist Raum für Kunst und Kultur künftig noch bezahlbar? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Hamburg ist eine der deutschen Metropolen, in denen die Miet- und Eigentumspreise in den letzten Jahren regelrecht explodiert sind: seit der Jahrtausendwende sind laut Mieterbund die Nettokaltmieten alle zwei Jahre um mehr als 5% gestiegen. Lag die Durchschnittsmiete 2001 noch bei rd. 6,- € / qm lag sie 2015 bei guten 8,15 €.

Nicht anders bei denen, die es sich eher leisten können – die Eigentümer: lag im Jahr 2002 der mittlere Bodenrichtwert in Hamburg – also der Preis allein für das Grundstück, noch ohne, dass ein Stein gesetzt wurde – bei Grundstücken für Einfamilienhäuser noch bei durchschnittlich 272 Euro pro Quadratmeter, so stieg er bis 2012 mal eben auf 472 Euro pro Quadratmeter.

Hamburg ist also wahrlich ein teures Pflaster. Und die Gentrifizierung – also quasi die „Veredelung“ von Stadtteilen oder im Grunde des ganzen Stadtstaates, der Hamburg ja nun mal ist – sorgt nicht nur die linken Sozialpolitiker und -romantiker. Es sorgt und trifft auch und vor allem viele Kulturschaffende in der Nordmetropole. Denn reibt sich der Immobilienmakler die Hände, so scheint es, nimmt er zugleich dem Künstler die Butter vom Brot. Die einst hip gewordenen Lofts – einst alte, ausgediente Gewerbe-Etagen – sind heute vielmehr zum Wert-Begriff der Makler geworden und stehen für individuelle aber eben auch luxuriöse Lebensform. Wer sich das leisten kann, wird wohl eher selten auf die Idee kommen, ein Atelier der herkömmlichen Art betreiben zu wollen. „Shabby Look“ ist nicht mehr Ausdruck des „Ich hab nix, aber mache was draus“ sondern des „Ich hab was und gönne mir trashiges Ambiente!“ Shabby Look als Luxus.

Und hier trifft es Kulturschaffende in ihrem existentiellen Dasein. Sie verfügen selten über das finanzielle Vermögen für großzügige Räume. Dafür aber haben sie aber oft den Spirit und eben jene Schaffenskraft, aus shabby etwas Eigentümliches und Individuelles zu erschaffen. Was aber, wenn selbst das nicht mehr möglich ist? Wenn selbst leer stehende Gebäude eben leer bleiben, weil sie sich so „besser rechnen“. Ausgerechgnet ein Gesetz hat hier viel Unheil angerihctet: es erlaubt Immobilienbesitzern seit einigen Jahren, Gewinne aus gut laufenden Immobiliengeschäften steuerlich mit „Verlusten“ aus z.B. leer stehenden Gebäude gegen zurechnen – also im Grunde real erzielte Gewinne geringer zu versteuern. Und so zwar nicht unmittelbar, aber ebenso real erzielte Grundstückspreissteigerungen als „Verluste“ darzustellen.

Wie auch immer: es gibt kaum noch Probe- und Arbeitsräume für Kulturschaffende und es sieht wahrlich nicht nach Besserung aus. Und das Dumme: auch die Kulturschaffenden sind es immer wieder, die durch ihre Anwesenheit und ihr Vermögen aus shabby noch einen look gestalten, das I-Pünktchen setzen oder eben der Veredelung noch das schmucke Kunst-Krönchen aufsetzen. Aufwertung zur späteren Verwertung.

Wo aber ist eine Lösung in Sicht? Der Wegzug etwa nach Berlin war lange Zeit ein gangbarer Weg vieler Künstler auch aus Hamburg. Auch natürlich wegen des noch mondäneren Geistes der Hauptstadt. Doch auch in Berlin ist Gentrifizierung ja keine Unbekannte. Ein Blick in den Prenzlberg – ein schwäbisches Biotop im preußischen Berlin – spricht da Bände.

Der Zug aufs Land? Nichts für jene Künstler, die sich aus Multikultur, menschlichem Dasein und auch dem Scheitern speisen.

Oder eine Förderung wie etwa durch die Kreativgesellschaft Hamburg gGmbH – einem städtischen Tochterunternehmen, dass quasi indirekt und unter anderem Miete subventioniert, um künstlerischen und kreativen Potenzialen Möglichkeiten zu erhalten? Schon absurd. Statt beispielsweise städtische Gebäude schlichtweg  der Kunst freizugeben, wird eine geordnete Übergabe und indirekte Subvention zwischengeschaltet. So schlägt bei vielen geförderten Kulturinstitutionen ein erheblicher Teil der Fördermittel für Mieten an städtische Immobilenfirmen zu Buche. Ein Mehr an Fördermitteln kann so schnell in höheren Mieten in Rauch aufgehen. Oder anders gesagt: rechte Tasche – linke Tasche.  Das Geld fehlt letztlich dort, wo man es eigentlich vermutet und auch braucht: in der Kunst und Kultur.

Nun wird ein Gänge-Viertel nicht stetig wiederholbar sein und auch bleibt die Frage, ob der Konflikt „Recht auf Stadt/Leben/Kunst“ versus „Vermarktung/Veredelung/Verwertung der Stadt“ wirklich damit gelöst oder nicht vielmehr umgangen oder verschoben wurde. Und diese Art von Diskussion stellt sich auch nicht in den meisten „Außenbezirken“ der Stadt gar nicht. So auch nicht in Harburg. Aber Probe-Räume, Ateliers oder Lofts aus früheren Zeiten – die sind hier ebenso wenig bezahlbar oder vorhanden wie im Zentrum. Wo also wird die Kunst bleiben?

(10. Okt. 2016, HL)

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