Lyriker*innen der 5. SuedLese im Gespräch über Inspirationen und mehr:

„Gefummel am Sinn, Klang, Rhythmus“

Petra Hagedorn - Wartungsarbeiten

Lyrik scheint in Zeiten der Sachlichkeit und Funktionalität aus der zeit gefallen. Nicht so bei der 5. SuedLese. Wir haben nachgehakt.

 „Ich schreibe mir ein Bild“ (Siegfried Kopf)

Lyrik. Dieses Genre hat es schwer und dabei so viel zu bieten. Aber neben der Lyrikerin bzw. dem Lyriker braucht es natürlich auch ein aufgeschlossenes Publikum, das sich einlässt auf das, was da kommen mag und u. U. nicht leicht zu fassen ist. Lyrik erschließt sich in seiner Bedeutung nicht sofort, sondern lässt eher etwas anklingen; etwas, das einen berührt und/oder anspricht, bevor man versteht, wie und warum. Manches verhallt vielleicht unbegreiflich, anderes erzeugt ein Echo im eigenen Klangkörper.

Bei der diesjährigen SuedLese (5. März – 14. April) sollen auch wieder vorgetragene Verse – die sich keineswegs reimen müssen – dazu beitragen, der Ausdrucksform näherzukommen. Ein Werk möge wie ein Bild oder Parfüm auf Anhieb betören und dann nach und nach seine Kopfnote entfalten. Zu den Dichtenden, Denkenden und Fühlenden, die Dame zuerst:

Gisela Baudy veröffentlichte 2019 zwei Gedichtbände beim awsLiteratur Verlag des gemeinnützigen Kulturvereins Alles wird schön e. V.: „Worthaut“ und „Blaues Ufer“. In beiden Bänden hat Autor und Künstler Christian Baudy viele ihrer Gedichte mit eigenen Kunstwerken malerisch begleitet. Autorin und Maler lesen im Rahmen der awsLiteratur-Verlagspräsentation „Querbeet – awsLiteratur präsentiert Neues aus dem Verlagsprogramm“ gemeinsam aus beiden Werken und zeigen parallel Gedichte und Malereien per Powerpoint-Präsentation. Der Vortrag ist Teil einer Gemeinschaftslesung mit weiteren Autoren und Autorinnen und findet am 4. April in den Räumen des Heimfelder Kulturvereins statt.

Björn Jensen, u. a. Pädagoge und Bauarbeiter, beschreibt „Nächte aus Samt, Tage aus Beton“. Der Textschmied war schon oft zu Gast beim WORTart! Literaturfestival in der Fischhalle und liest in der Deichdiele in Wilhelmsburg.

Architekt, Texter, Maler und Fotograf Siegfried Kopf lädt bei einer Wohnzimmerlesung in Eißendorf zum „Frühlingsanfang“ ein.

Und last, but not least Ulrich Lubda, der auch schon mehr in seinem Leben gemacht hat, als hier aufgezählt werden kann und soll. Sein Thema bei der SuedLese: „Träume vom Schäfer von Schafen vom Überleben“ (Prosa) und “ShaFmanie” (Lyrik).

Tiefgang (TG): Von jedem von Euch wollen wir wissen: Was brachte euch zur Lyrik?

Gisela Baudy: Wer kann das schon wirklich sagen? Ich habe schon früh begonnen, „Tage“-Bücher zu schreiben. Irgendwann kam dort nur noch hinein, wenn mich Erlebtes auch sprachlich und klanglich reizte. Dazwischen konnten Wochen oder Monate vergehen.

Siegfried Kopf: Die Auseinandersetzung mit der Liebe und dem Zeitgeist während meiner Bundeswehrzeit als Kriegsdienstverweigerer in den Jahren 1973-1974.

Björn Jensen: Einen Auslöser oder ein bestimmtes Ereignis gab es nicht; Schon früh gefiel mir das Spiel mit der Sprache – oh, und mit 17 durfte ich an einem Buch der -auch- Kinderbuch-Autorin Ingeburg Kantstein mitschreiben („Sybilla war ein schönes Kind“).

Ulrich Lubda: Von allen Textsorten wird Lyrik gern als diejenige angesehen mit dem kürzesten Zugang zu Emotionen und dem, was als künstlerische Intuition bezeichnet wird. So jedenfalls wurde sie uns in den letzten Schuljahren im Deutschunterricht vorgestellt. Ich galt schnell als “Experte” für die für fast alle meiner gequälten Mitschüler hermetisch-geheimnisvollen und Abi-entscheidenden “Gedichtinterpretationen”. Vermutlich hatte ich eine Antenne dazu. Die in den 60ern behandelten Autoren waren natürlich wie üblich zeitversetzt eher gestrig wie: Trakl, Stadler, Rilke, Benn, Heym, Hofmannsthal, Lasker-Schüler – vielleicht auch Brecht. Die benutzte Anthologie hieß “Silberfracht”. Klar hat man sich dann stilistisch in eigenen Pennäler-Versuchen an diesen orientiert.

TG: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Gisela Baudy: Mit etwa acht Jahren wusste ich schlagartig, dass ich Schriftstellerin werden wollte. Das schlummerte dann aber lange vor sich hin …

Siegfried Kopf: Ein Foto-Buchgeschenk an einen Freund mit dem Titel “Wüstenlandschaften” – Ich schrieb ihm dazu eine Widmung, meinen ersten Text in Lyrik.

Björn Jensen: Der Punk kam ungefähr `80 nach Hamburg und ich schrieb für die Hamburger Band „Nimm2“ einige Texte. Als dann die ersten sogenannten Poetry_Slams stattfanden (Molotow, Ponybar, Nochtspeicher, Heimfeld ist Reimfeld), habe auch ich mich auf die Bühne getraut und tue das bis heute.

TG: Habt ihr Vorbilder?

Gisela Baudy: Ich mag Dichterinnen und Dichter, die die Kürze lieben. Ich denke da an bekannte Namen wie Rose Ausländer, Reiner Kunze, Erich Fried, aber auch an weniger bekannte wie Fred Stäheli oder Angelica Seithe. Aber auch Dichter wie etwa Joseph von Eichendorff, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Paul Celan oder die Dichterin Ingeborg Bachmann haben es mir angetan. Ich könnte die Reihe unendlich fortsetzen.

Siegfried Kopf: Nicht unbedingt, doch Texte von Kurt Tucholsky, Erich Fried und Sarah Kirsch haben mich schon beeindruckt.

Björn Jensen: Ich finde Vorbilder nicht das richtige Wort, weil es ein „Nachahmen“ implizieren könnte… Ich lese gerne und mag z.B. F. Villon und C. Bukowski für Sozialkritik und ungeschliffene Härte, J. Ringelnatz, T. Pratchett und D. Adams für Sprachwitz und Fantasie, E. Mühsam, B. Brecht und E. Kästner für Werk und Haltung, Novalis für wunderschöne romantische Lyrik….. um nur einige zu nennen.

Ulrich Lubda: Über die bereits erwähnten hinaus beschäftigt man sich im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Studiums natürlich ausgiebig mit Lyrik verschiedener Zeiten und Sprachen, für mich der englische und slawische Sprachraum, aber auch Frankreich – e. e. cummings, Bukowski, Burns, Jewtuschenko, Lermontow, Jessenin, Celan, Prévert, Cohen, Brel u.v.a.m. In letzter Zeit versuche ich, Michael Hamburger (aus Berlin nach England emigriert) und vor allem Seamus Heaney zu übersetzen. Toll und nachahmenswert finde ich nach wie vor die Lesungen des charismatischen Peter Rühmkorf zum Jazz von Michael Naura und Wolfgang Schlüter. Sehr inspirierend.

TG: Was schätzt ihr am Spiel mit den Worten am meisten?

Gisela Baudy: Wenn es nicht selbstverliebt daherkommt. Ich mag das Spiel mit Worten  wenn es unser Da-Sein greift und ihm Stimme verleiht. Denn ich liebe Worte, die Wurzeln haben zum Trinken.

Björn Jensen: Dass es mir öfter gelingt, mit Worten Bilder oder Gefühle entstehen zu lassen, das hat fast etwas Magisches…

Siegfried Kopf: Das Bild und den Klang, wenn der Text fertig ist – wenn ich in Laune bin zu schreiben, weiß ich nie, was daraus wird.

TG: Was ist die größte Herausforderung?

Siegfried Kopf: Der Anfang eines neuen Textes.

Gisela Baudy: Das Warten oder der Stillstand zwischen zwei Schaffensphasen. Klangbilder sind wie Fische, die in der Tiefe schwärmen und dir schnell entgleiten. Eine weitere Herausforderung ist es, im Alltag einen Freiraum zum Atmen und kreativen Gestalten zu finden.

TG: Verarbeitet ihr persönliche Erfahrungen oder kommen die Eingebungen aus dem Land der Fantasie?

Ulrich Lubda: Klar. Nur. Was sonst? Der Vorgang ist immer der gleiche. Ausgelöst durch ein Bild, Gefühl – oft auch über Musik, Geruch usw. – sind schon die ersten Worte und Begriffe da. Notiz und dann tagelanges Gefummel – am Sinn, Klang, Rhythmus.

Gisela Baudy: Ich mache hier keinen Unterschied. Gelungene Gedichte sind für mich Brenngläser. Sie verdichten das Erlebte und sie vervielfachen das Licht, das Leben ist.

Christian Baudy – Blaues Ufer

Siegfried Kopf: Fast all meine lyrischen Texte spiegeln meine Lebensgeschichte wieder, also Erfahrungen und insbesondere meine Einstellung in all ihren Facetten.

Björn Jensen: Oft sind es politische Ereignisse, die mir auf den Nägeln brennen und mich zur Feder greifen lassen. Ob nun anlässlich des 80.ten Jahrestages der Reichsprogromnacht, die Umbenennung von toten Zivilisten durch kriegerische Handlungen in „Kollateralschäden“ oder die frierende Obdachlose. Aber auch romantische Verse an die auserwählte Liebste…

TG: Was war die wohl schönste Reaktion auf einen eurer lyrischen Texte?

Gisela Baudy: Es waren die Worte: Das hat mich berührt. Viele Gedichte in „Worthaut“ und „Blaues Ufer“ sind Hingabe, sind Liebeserklärungen an das Leben. Gibt es Schöneres als Liebe, die übergeht?

Ulrich Lubda: Immer schön, wenn wenigsts ein Mensch erreicht wird. Manchmal gründlich.

Wie bei Björn Jensen, als eine Zuhörerin ihm nach einer „Heimfeld ist Reimfeld“-Veranstaltung sagte, dass sie bei seinen Worten habe weinen müssen, so tief hatte das Gedicht sie berührt. Und manchmal erobert man sogar Herzen (zurück).

Siegried Kopf: Meine Jugendliebe hat mich wiedergefunden durch meine Lyrik – wir sind nach mehr als 40 Jahren wieder ein Paar.

TG: Wenn das kein schönes Schlusswort ist! Vielen Dank für die schöne Einstimmung auf magische Momente mit Lyrik.

(Die Fragen für ´Tiefgang` stellte Sonja Alphonso)

 Die Orte der Worte:

  • Wohnzimmerlesung im Mehringweg 1Siegfried Kopf am 20. März ab 19 Uhr, Hutspende
  • Deichdiele, Vehringsstr. 156Björn Jensen am 25. März um 20 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27Ulrich Lubda am 27. März um 19 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27Gisela Baudy u. a. am 4. April ab 16 Uhr, Hutspende

 

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