Hamburger Gestapo-Zentrale wird zur Shopping-Meile:

Gedenken ohne Kosten?

Glanz und Geschmeide neben Gedenken an die Greuel der Gestapo? (Grafik: Quantum AG)

„Genießen statt Gedenken? Niemals!“ So der Tenor des „Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus“. Denn wo einst die Gestapo wütete, ist in Kürze Luxusshopping zuhause.

„Im Stadthaus muss ein angemessener Ort der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung in Hamburg entstehen“ – so die Forderung eines Bündnisses, das am Die., 30. Januar von 17 – 18.30h zu einer Kundgebung am Ort des einstigen Schreckens lädt.

Kann man das Gedenken an die Greuel der Naziherrschaft einfach delegieren? Der Streit um die Antwort entbrennt auch in Hamburg aufs Neue, denn wo einst die Gestapo ihr Unwesen trieb, entsteht gerade eine Luxus-Shopping Mall, der Kosten und Gedenken gleichermaßen auferlegt wurde.  So geht das nicht, ruft ein Gegenbündnis. Und die Gründe sind plausibel: „Das Stadthaus war von 1933 bis 1943 als Sitz der Gestapo der zentrale Ort des Nazi-Terrors in Hamburg. Von hier aus brachen die Schläger-Trupps des „Kommandos zur besonderen Verwendung“ zu Razzien und Verhaftungen auf. Hier war der Ort der Folter-Verhöre, denen Tausende ausgeliefert waren und die viele nicht überlebten. Hier wurden die Deportationen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma organisiert. 1943 wurde das Gebäude von Bomben getroffen und die Gestapo-Zentrale verlegt. Später zog in hier die Hamburger Baubehörde ein. Schon 1948 stellten „die politisch und rassisch Verfolgten in der Baubehörde“ einen Antrag auf Errichtung eines Erinnerungsmals. Erst 1981 wurde nach jahrelangen Bemühungen der Gewerkschaft ÖTV zumindest eine Gedenktafel am Gebäude Stadthausbrücke Nr. 8 angebracht.

Im Jahr 2009 verkaufte die Stadt den gesamten Gebäudekomplex an den privaten Investor Quantum Immobilien AG. Unter der Überschrift „Stadthöfe – Hommage ans Leben“ soll hier im Früh-Sommer 2018 ein luxuriöses Einkaufsquartier eröffnen. Mit allerlei französischer Wortwitzelei bemüht sich eine Imagekampagne um ein weltstädtisches Flair à la Paris oder Berlin. Auf der Website www.stadthoefe.de ist zu lesen was es alles gibt: Vom „zauberhaften 4-Sterne-Boutique-Hotel“, über „50 aparte Geschäfte“ und „exklusive Büros“ bis zu „88 hochwertige(n) Wohnungen.“ Leider wird mit keiner Silbe erwähnt, dass sich hier, wo in Zukunft sorglos flaniert und konsumiert werden soll, einst Hamburgs NSTerror-Zentrale befand. Vor diesem Hintergrund liest sich der Slogan „Hommage ans Leben“ einigermaßen zynisch.

Gedenken darf nicht privatisiert werden

Das Stadthaus neben Schutt und Asche, 1946

Im Kaufvertrag hat die Stadt den Investor zwar zur Einrichtung von „Räumlichkeiten für ein würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Hamburg“ verpflichtet. Was dort jedoch nach bisherigem Planungsstand entstehen soll, erscheint für einen historisch derart bedeutenden Gedenkort kaum angemessenen: Von 530 qm, die ursprünglich im Bauantrag als Ausstellungsfläche genannt sind, bleiben nach Auskunft des Senats für eine Dokumentations- und Gedenkstätte gerade mal 110 qm übrig. Den Großteil der Gesamtfläche sollen eine Buchhandlung und ein Café einnehmen.

Das Problem: Die Stadt privatisiert so ihre historische Verantwortung. Ein erinnerungshistorisch versierter Träger und ein nachhaltiges Konzept für den Betrieb einer angemessenen Gedenkstätte sind nicht in Sicht. Das ist mehr als nur ein Fauxpas.

Wir fordern daher ein öffentliches und transparentes Verfahren zur Zukunft der Gedenkstätte sowie eine Beteiligung der Verfolgten-Organisationen. Unser gemeinsames Ziel ist eine Kennzeichnung des Ortes als zentrale Stätte des Nazi-Terrors und als würdiger Dokumentations- und Erinnerungsort an den antifaschistischen Widerstand in Hamburg.

Eine Kundgebung am 30. Januar am Stadthaus soll an Widerstand und Verfolgung erinnern und deutlich machen: Die Erinnerung an und Auseinandersetzung mit dem Faschismus ist eine gesellschaftliche Aufgabe und gehört in den öffentlichen Raum.

Genießen statt Gedenken? Jamais!“

Quelle: VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten)

Hintergrund

Die Investoren-Firma Quantum mit Hauptsitz in Frankreich hat in Deutschland und auch in Hamburg bereits etliche Gebäude und Grundstücke erworben. Viele aus städtischem Besitz. Auf ihrer Website liest sich in einer Pressemitteilung von November 2013:

„Nach dem Umzug der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt nach Wilhelmsburg werden die Flächen nun mehr frei und zusammen mit dem Bleichenhof entsteht auf insgesamt ca. 100.000 Quadratmetern ein neues urbanes Innenstadt-Quartier.

Das Projekt Stadthöfe, gekoppelt mit dem Umbau des Bleichenhofs, bietet die Möglichkeit, ein einzigartiges Quartier mit eigenständigem Profil in der Hamburger Innenstadt zu entwickeln und neue Akzente in der Einzelhandelsstruktur zu setzen. Dieses Profil wird neben dem urbanen Nutzungsmix vor allem durch die interessante Bebauungsstruktur geprägt, die auf der Verbindung von „Altem und Neuem“ basiert. Die Stadthöfe bieten somit ein attraktives Flächenangebot, welches in dieser Form in der Innenstadt nicht vorhanden ist. Nach Umsetzung der Entwicklung werden die Stadthöfe ein neuer Premiumstandort innerhalb der Hamburger City sein.

Durch die Gestaltung des Gesamtensembles, inklusive des Umbaus der Straßen und der Verbreiterung der Gehwege auf bis zu 10 Metern, wird eine neue Lage mit einem repräsentativen Charakter im Bereich der westlichen Innenstadt geschaffen.

Gedenktafel am Stadthaus

Die Entwicklung der Stadthöfe lebt von der Revitalisierung der historischen Bausubstanz und von der Belebung der vielzähligen Höfe innerhalb der Bebauung. Mit dem urbanen Nutzungsmix aus Einzelhandel, Gastronomie, Wohnen, Büro und einem Boutique-Hotel wird ein neuer Trend-Standort in der Hamburger Innenstadt entstehen. Neue Wege verbinden die Höfe, die nicht nur zum „Shoppen und Flanieren“, sondern mit einem einzigartigen Gastronomiekonzept auch zum „Treffen und Verweilen“ einladen. Zukünftig werden die Großen Bleichen über die Stadthöfe und die Brückenarkade mit dem Neuen Wall verbunden sein. Die Ladengeschäfte, Restaurants, die Außengastronomie im Hof und eine Gedenkstätte, die an die Geschichte des Ortes erinnert, lassen die Hamburger Innenstadt wachsen- und auch das Boutique-Hotel mit ca. 130 Zimmern sorgt für Lebendigkeit und Vielfalt in den Stadthöfen.

Die Höfe werden durch neue und historische Passagen und Durchgänge verbunden sein und charaktervoll gestaltet sein. Die Hofflächen und auch die umliegenden Gehwege und Straßen werden in der Qualität der benachbarten Business Improvement Districts (BIDs)angelegt und tragen somit zu einer Aufwertung der Hamburger Innenstadt bei. In den Stadthöfen entstehen ca. 100 Wohnungen, die zum Bleichenfleet oder zu den ruhigen Innenhöfen liegen und die Hamburger Innenstadt von der Alster bis zur Elbe überblicken. Die Lage im „Trendquartier“ mit vielfältigen Nutzungen steigert die Wohnqualität. Die architektonische Verbindung von „Altem und Neuem“ -also historische Fassaden und luxeriöse Raumhöhen in Kombination mit modernem Wohnkomfort bieten den künftigen Nutzern einen besonderen, unverwechselbaren Charme.

Nach einem sehr konstruktiven Abstimmungsprozess mit der Freien und Hansestadt Hamburg und einem positiven Genehmigungsverfahren werden David Chipperfield Architects und Kuehn Malvezzi Architects zusammen mit den Architekturbüros Stephen Williams Associates und agn Leusmann die Planungen voranschreiben.

Mit den Baumaßnahmen wird bereits Ende des Jahres 2013 begonnen, die Stadthöfe werden voraussichtlich in 2017 fertig gestellt.

Erste Mieter konnten bereits für 2017 gebunden werden.

Quantum hat für die Stadthöfe eine langfristige Partnerschaft mit der Ärzteversorgung Niedersachsen, der Ärzteversorgung Mecklenburg-Vorpommern und der Ärzteversorgung Sachsen-Anhalt begründet.

Die Gesamtinvestitionskosten für das Stadthöfe-Ensemble liegen bei rd. EUR 220 Mio.“

Quelle: www.quantum.ag

Der NDR hatte über die nationalsozialistische Zeit schon im Januar 2012 berichtet und erwähnte:

„Der Hamburger Senat will in dem Gebäude, das 2013 an einen privaten Investor verkauft wird, eine Dokumentationsstelle einrichten. Bis dahin erinnern nur eine Gedenktafel und drei Stolpersteine auf dem Fußweg an die Gräueltaten, die im Stadthaus von Hamburger Polizisten geplant und begangen wurden.“

Stolpersteine am Stadthaus

Die Morgenpost titelte im Dezember 2017: „Der Folterkeller im Hamburger Luxus-Quartier“ und beschreibt den Konflikt: „Der „Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus“, der sich aus historisch interessierten Bürgern zusammensetzt, ist da skeptischer. Er vermisst ein langfristiges Konzept für Führungen, Veranstaltungen, Seminare und historische Forschung. Sprecher Uwe Leps kopfschüttelnd: „Möglicherweise gibt’s die Vorstellung, dass die Buchhändlerin dies ,nebenbei‘ miterledigt…“

siehe auch: www.mopo.de/hamburg

Auf unsere eigenen Nachfragen jedenfalls stellt es sich ebenso schwierig dar. Von der Quantum AG heißt es auf unsere Anfrage:

„Derzeit befindet sich die gesamte Projektentwicklung Stadthöfe in der finalen Bauphase. Dazu gehört auch die Vermietung der Räume, in der ein „Ort der Erinnerung“ entstehen wird. Das Ausstellungskonzept wird derzeit unter inhaltlicher Verantwortung der Stadt erarbeitet.“

Von der Pressestelle der Behörde für Kultur und Medien heißt es auf unsere Nachfrage:

„Der Eigentümer der Stadthöfe hat sich verpflichtet, in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den Stadthöfen auf seine Kosten einen Lernort zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen. Der Eigentümer hat nach enger Absprache mit der Kulturbehörde und der KZ Gedenkstätte Neuengamme hierzu in den vergangenen Jahren mögliche Betreiber angesprochen, darunter auch die Geschichtswerkstätten. Dabei hat das Konzept des „Orts der Erinnerung“ mit den drei Komponenten Ausstellung / Veranstaltung, Café und Literatur / Buchhandlung am meisten überzeugt. Neben einer Buchhandlung mit auch auf die Ausstellung ausgerichteter Literatur und einem Café, welches auch für Veranstaltungen das entsprechende „Catering“ gewährleistet, ist eine Ausstellungsfläche im Erdgeschoss und einen weiteren Ort der Erinnerung in dem historischen Verbindungsgang vorgesehen, der von den damaligen Arrestzellen zu den Verhörräumen führte. Die Inhalte der Ausstellung liefert die KZ Gedenkstätte Neuengamme zu, die hierfür bereits Unterlagen sowie das historische Material zur Verfügung gestellt hat, das auch Grundlage der Ausstellung zum Stadthaus in der Rathausdiele gewesen ist und steht auch weiter beratend zur Verfügung. Zudem sind in den Räumlichkeiten der Ausstellung verschiedene Veranstaltungsformate geplant. (…)

Der Betreiber des „Orts der Erinnerung“ bezieht bei seinen Entscheidungen die Behörde für Kultur und Medien und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit ein.“

Die Dokumentation

Von der Pressestelle der kuratierenden KZ-Gedenkstätte Neuengamme lesen wir:

„Korrekt ist, dass wir als KZ-Gedenkstätte 2012 für die Hamburger Rathausdiele eine als Wanderausstellung konzipierte Ausstellung zum Stadthaus unter dem Titel „Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ erarbeitet haben , für die Sie die Begleitbroschüre anscheinend schon vorliegen haben.

Wir sind jedoch nicht federführend an der Ausstellung im Stadthaus beteiligt.

Der Eigentümer der Stadthöfe hat sich verpflichtet, in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den Stadthöfen auf seine Kosten einen Lernort zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen. Für die Inhalte der künftigen Ausstellung konnten wir historisches Material zur Verfügung stellen, das auch Grundlage der Ausstellung zum Stadthaus in der Rathausdiele gewesen ist. Wir stehen auch weiter beratend zur Verfügung.“

„Ort der Erinnerung“, „Lernort“ auf der einen, „Verpflichtung“, „Kosten“, Zugänglichkeit“ auf der anderen Seite …  zu recht kann man Zweifel haben, ob hier ein dem heutigen Bewusstsein angemessene Denkweise der Verpflichtung zugrunde liegt. Besonders die Relevanz nun ausgerechnet dieses Gebäudes zur Zeit des Nationalsozialismus wiegt da schon … Gedenken ist eine vorwiegend politische und gesellschaftliche Verpflichtung! Dem kommt die Hansestadt Hamburg hier wahrlich nicht nach..

Hier die Dokumentation „Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus.“ als Download: media.offenes-archiv.de

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