Offener Brief der Grafikdesigner kritisiert die Stiftung Buchkunst in ihren Zielen:

„Erbauungsaccessoire mit Renditepotenzial“

Gruppenbild mit Kratzern: Alle 25 Prämierten. (Grafik Uwe Dettmar)

Deutschlands schönste Bücher haben in ihrer preiswürdigen Ästhetik einen Sprung bekommen. Denn ein offener Brief von 20 renommierten Grafiker*innen zur Frankfurter Buchmesse hält manches für wenig schön …

Anlässlich der Präsentation »Deutschlands schönster Bücher 2018« auf der Frankfurter Buchmesse haben die Grafikdesign-Professoren Ingo Offermanns (HFBK Hamburg), Markus Dreßen (HGB Leipzig) und Markus Weisbeck (Bauhaus-Universität Weimar) einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie sich kritisch zur inhaltlichen Ausrichtung der Stiftung Buchkunst positionieren.

Die Stiftung agiere »wie ein nationaler Interessenverband der Druck- und Verlagsindustrie, nicht aber wie eine Kultur fördernde und von Kulturförderung bedachte Institution, die virulente buchkünstlerische/buchgestalterische Diskurse spiegeln sollte«. Vor allem in ihrer Rolle als Ausrichter des Wettbewerbs »Die Schönsten Deutschen Bücher« ignoriere sie experimentelle und künstlerische Entwicklungen.

Mehr als 20 Grafikdesign-Professor*innen führender deutscher Hochschulen haben den offenen Brief bisher unterzeichnet. Neben ihrer Kritik an bestehenden Strukturen verbinden sie damit aber auch das grundsätzliche Plädoyer für »einen alternativen und transnationalen buchästhetischen Diskurs«.

Der Wortlaut:

„Wider »das schöne (deutsche) Buch«

Gestaltung ist immer politisch. Grafikdesign in der heutigen Zeit anders zu denken, wäre verantwortungslos, denn (Grafik)Design beeinflusst unseren hyper-medialisierten Alltag so stark wie kaum eine andere ästhetische Disziplin.

Angesichts kapitalistischer Vereinnahmung und zunehmender populistischer Verzerrung von Sprache und Kommunikation muss Grafikdesign im Allgemeinen und Buchgestaltung im Besonderen, ein Ort differenzierter ästhetischer Verhandlung sein: Sie ist integraler Bestandteil unserer Sprach- und Schreibkultur; hier werden gesellschaftliche Übersetzungen entwickelt und umgesetzt. Das Wechselspiel zwischen Verhandeln, Erproben und Anwenden beschreibt einen offenen Prozess, der mindestens so viel Experiment wie Pragmatismus erfordert. Buchgestaltung primär affirmativ und in kommerziellen Verwertungszusammenhängen zu denken, ist eine unzutreffende und unverantwortliche Verengung, denn kritische Ästhetik trägt weiter als jede Marketingstrategie. Es braucht darum ein Forum, das diesen zentralen Aspekt kritisch-ästhetischen Kulturschaffens fördert und vermittelt.

Die Stiftung Buchkunst will ein solcher Ort sein. Lässt man die Stiftungsarbeit der letzten Jahre allerdings Revue passieren, drängt sich der Eindruck auf, dass die Stiftung »das schöne Buch« als marktgerechtes Erbauungsaccessoire mit Renditepotenzial missversteht und den nationalen wie internationalen Diskurs kritischer Buchästhetik systematisch ausblendet. Kurz gesagt: Die Stiftung Buchkunst agiert wie ein nationaler Interessenverband der Druck- und Verlagsindustrie, nicht aber wie eine Kultur fördernde und von Kulturförderung bedachte Institution, die virulente buchkünstlerische/buchgestalterische Diskurse spiegeln sollte.

Wir – die Unterzeichner*innen dieses offenen Briefes – plädieren deshalb für einen alternativen und transnationalen buchästhetischen Diskurs innerhalb und außerhalb der Stiftung Buchkunst, der die Bandbreite buchgestalterischer Reflexion und Innovation sowie das künstlerische Experiment spiegelt – egal ob dies am Markt, in Kulturinstitutionen oder an Hochschulen passiert.

Wir brauchen deshalb Jurys, die diese Kontexte nicht feindlich und hierarchisch voneinander abgrenzen, sondern herausragende Buchgestaltung aufspüren und zur Diskussion stellen. Sollte sich ein solcher Ansatz in der Stiftung Buchkunst nicht abbilden lassen, machen wir uns für eine alternative Institution buchkünstlerischen Diskurses stark, die Schulter an Schulter und auf Augenhöhe mit internationalen Jurys agiert.“

Initiatoren:

  • Ingo Offermanns
    Professor für Grafik
    Hochschule für bildende Künste Hamburg
  • Markus Dreßen
    Professor für Grafikdesign
    Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Markus Weisbeck
    Professor für Grafikdesign
    Bauhaus-Universität Weimar

Unterzeichner*innen:

  • Fons Hickman
    Professor für Grafikdesign / Kommunikationsdesign
    Universität der Künste Berlin
  • Ulrike Stoltz
    Professorin für Typografie
    Hochschule für bildende Künste Braunschweig
  • Roman Wilhelm
    Vertretungsprofessor für Typografie
    Hochschule für bildende Künste Braunschweig
  • Tania Prill
    Professorin für Typografie
    Hochschule für Künste Bremen/ Department Kunst und Design
  • Andrea Rauschenbusch
    Professorin für Kommunikationsgestaltung, Corporate Design
    Hochschule für Künste Bremen / Department Kunst und Design
  • Ulrike Brückner
    Professorin für Grundlagen der Gestaltung / Konzeption und Entwurf
    Fachhochschule Dortmund
  • Lars Harmsen
    Professor für Konzeption und Entwurf/Typografie und Layout
    Fachhochschule Dortmund
  • Sabine an Huef
    Professorin für Grafikdesign
    Fachhochschule Dortmund
  • Victor Malsy
    Professor für Typografie
    Hochschule Düsseldorf
  • Sabine Golde
    Professorin für Buchkunst
    Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Matthias Görlich
    Professor für Kommunikationsdesign / Informationsdesign
    Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Andrea Tinnes
    Professorin für Schrift und Typografie
    Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
  • Heike Grebin
    Professorin für Typografie
    Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Dorothee Weinlich
    Professorin für Kommunikationsdesign, Typografie/Corporate Design
    Hochschule Hannover
  • Michael Kryenbühl
    Professor für Kommunikationsdesign / Gestaltung mit digitalen und vernetzten Medien
    Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Sereina Rothenberger
    Professorin für Kommunikationsdesign
    Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Ivan Weiss
    Professor für Kommunikationsdesign / Gestaltung mit digitalen und vernetzten Medien
    Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Gabriele Franziska Götz
    Professorin Visuelle Kommunikation / Redaktionelle Gestaltung
    Universität Kassel | Kunsthochschule
  • Ludovic Balland
    Professor für Typografie und Editorial Design
    Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Sascha Lobe
    Professor für Typografie
    Hochschule für Gestaltung Offenbach
  • Uli Cluss
    Professor für Kommunikationsdesign
    Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart
  • Gerwin Schmidt
    Professor für Kommunikationsdesign
    Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart

 

Quelle: https://www.hfbk-hamburg.de/de/service/pressemitteilungen/20180926-offener-brief-fuehrender-grafikdesignerinnen-fordert-die-stiftung-buchkunst-heraus/

 

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