Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Engpässe

Manchmal einfach nur schön: Menschenleere. (Foto: Sonja Alphonso)

Mein Name ist Sophie und ich bin Denkerin.
Ich denke öffentlich über Verkehrsknotenpunkte nach, die schwer zu lösen sind. Das ist keine Behauptung, sondern empirisch belegt, denn ich bin häufig mit Bus und Bahn unterwegs. Es kommt regelmäßig zu einem Stau bei den Ein- und Ausgängen. Man könnte meinen, das Stehen im Mittelgang sei verboten und Platzmachen eine Unsitte.
Manchmal bräuchte es nur einen wirklich kleinen Schritt aufeinander zu, um jemanden hinein-, hinaus- oder vorbeizulassen. Ist das zu viel verlangt? Oh ja, lehrt mich leider das Erleben. Natürlich sind nicht alle Fahrgäste so ignorant, aber einige stehen unverrückbar wie ein Fels in der Brandung, an denen alle Vernunft abperlt. Sie machen entschiedenen Gebrauch von der vielgerühmten Versammlungsfreiheit und postieren sich eben dort, wo sie besonders im Weg sind. Vielleicht ist das ein Statement, eine Protesthaltung. Eine, der ich leider nicht folgen kann. Es ist halt kein Durchkommen.
Eine Szene aus dem täglichen Nahkampf: Ich hatte bereits unter vielen Mühen und mit Engelsgeduld erfolgreich einen freien Stehplatz erreicht, als an der nächsten Haltestelle weitere Fahrgäste zusteigen wollten. Sie baten darum, man möge aufrücken, was allerdings für die meisten in der verdichteten Menschenmenge schlichtweg unmöglich war. Stattdessen versperrte eine einzelne Person mit einem strategisch ungünstigen Standpunkt den Durchgang. Es geschah also nichts. Ich machte die Frau, die in Reichweite neben mir stand, darauf auf-merksam, dass zwischen uns noch Freifläche war, sodass da Platz gemacht werden könnte. Sie blickte abschätzig auf den Quadratmeter und sagte: „Na, ja…“ und blieb, wo sie war. Ihre stoische Gelassenheit gab mir Rätsel auf. Die einzig naheliegende Erklärung könnte sein, dass sie sich offenbar wie viele andere auch selbst die nächste ist. Das ist zwar nicht ganz dicht, aber: „Nun, ja…“

Zum Schluss eine Quizfrage. Es war einmal eine knifflige Situation. In stark verkürzter Form: Ein Busfahrer fuhr die Rampe aus, ein Rollstuhlfahrer verließ den Bus, Fahrgäste drängelten rein, der Bus fuhr nicht los. Wieso nicht?
Kleiner Tipp: Es hatte mit der Rampe zu tun. Für die Ärmste wollte leider keiner Platz machen. Und wenn die Türen nicht geschlossen sind, dann steht der Bus noch heute.

11. Mai 2017, SZ

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare