Museum für Kunst und Gewerbe übergab Raubkunst

Ende einer langen Reise

Verpackt und versandfertig: das Marmorpaneel kehrt nach langer Zeit in die Heimat zurück. (Foto: MKG)

Die Kolonialzeit hat ihre Spuren hinterlassen. Eine davon wurde nun an ihre Heimat zurück gegeben. Endlich.

 In der Pressemitteilung der Behörde für Kultur und Medien heißt es:

„Am 8. Oktober gab das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) ein Wandpaneel aus Marmor an die Islamische Republik Afghanistan zurück. Abdul Jabar Ariyaee, Geschäftsträger der Afghanischen Botschaft in Berlin, nahm das Paneel in Hamburg in Empfang. Damit ist das MKG eines der ersten deutschen Museen, das ein Kunstwerk nach Afghanistan zurückgibt. Über die Prüfung von Fragen zum Kunstraub im Nationalsozialismus und kolonialen Sammlungen hinaus befasst sich das MKG auch verstärkt mit jüngeren Erwerbungen. Die erforschte Zugangsgeschichte und die sich daraus ergebende Rückgabe des Paneels machen die Verantwortung der Museen und des internationalen Kunsthandels und ihren Umgang mit Objekten aus Raubgrabungen einmal mehr deutlich.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, Hamburg: „Viel zu lange wurden die Augen vor den Herkunftsgeschichten von Kulturgütern verschlossen. Auf unterschiedlichsten Ebenen stellen wir uns derzeit der wichtigen Aufgabe, die Herkunft unserer Sammlungen und gegebenenfalls die Rückgabe zu regeln. Dank dieses dringend notwendigen Bewusstseinswandels und der intensiven Provenienzforschung in den Häusern kann nun auch das historische Marmorpaneel aus dem MKG an Afghanistan zurückgegeben werden. Ich danke dem MKG für den kritischen Blick auf die eigene Sammlung. Mit der Rückgabe an Afghanistan erhalten die dort lebenden Menschen wieder Zugang zu diesem Objekt, das zu ihrem kulturellen Erbe gehört.“

Prof. Tulga Beyerle, Direktorin des MKG: „Dass sich ein Museum, konkret das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, zu seinen Fehlern öffentlich bekennt, halte ich für einen wichtigen Schritt. Meine Vorgängerin Dr. Sabine Schulze hat damit einen Maßstab im Umgang mit Raubkunst gesetzt. Denn es geht nicht nur um die sorgfältige Provenienzforschung und die potentielle Rückgabe von Kunstgut, welches schon lange im Bestand ist, sondern auch um das Eingeständnis, selbst bei kürzlich angekauften Objekten Fehler gemacht zu haben, und um die Bereitschaft, diese zu korrigieren.“

Mohammad Fahim Rahimi, Direktor des Afghanischen Nationalmuseums Kabul: „Tausende bewegliche Artefakte wurden sowohl aus Ghazni wie aus dem Nationalmuseum Afghanistans geraubt, insbesondere die weißen Marmorplatten aus dem Palast Mas’uds III. Wir freuen uns darauf, das Paneel aus Hamburg bald wieder in unserer Sammlung zu haben. Daher möchte ich meine Dankbarkeit gegenüber dem MKG für die Unterstützung bei dieser Rückgabe zum Ausdruck bringen. Ich appelliere an andere Museen und Privatsammlungen, uns bei der Rückholung geraubter Kunstgegenstände aus Afghanistan behilflich zu sein.“

Das Paneel gehört zu einem 78-teiligen Fries aus dem 12. Jahrhundert, der aus dem Innenhof des Königspalastes von Sultan Mas’ud III. in der Stadt Ghazni stammt. Ende der 1970er Jahre wurde das Paneel aus dem dortigen Rawza Museum of Islamic Art geraubt. Nach Jahren der Recherche, unterstützt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Hamburg und der Sapienza Universitá di Roma, sowie der intensiven Zusammenarbeit deutscher und afghanischer Behörden, kann das Paneel nun seinen rechtmäßigen Eigentümerinnen und Eigentümern übergeben werden. Vorerst soll es im Afghanischen Nationalmuseum in Kabul aufbewahrt werden. Mit dessen Museumsdirektor, Mohammad Fahim Rahimi, steht das MKG in vertrauensvollem Kontakt. Seit November 2018 ist das Paneel in der Ausstellung „Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG“ zu sehen: Halb verpackt steht es in einer Transportkiste zur Rückgabe bereit. Die recherchierte Verlust- und Erwerbungsgeschichte des Paneels hat das MKG im vierten Band seiner „Raubkunst?“-Reihe veröffentlicht.

2013 hatte das MKG das Marmorpaneel gutgläubig auf einer Auktion in Paris erworben. Nachdem die Provenienz zunächst unbedenklich erschien, stellte sich bei der Bearbeitung des Objektes heraus, dass es sich um Raubgut aus dem Rawza Museum of Islamic Art in Ghazni handelt. Das Paneel konnte einer Ausgrabung zugeordnet werden, die afghanische und italienische Archäologinnen  und Archäologen von 1957 bis 1966 durchführten. Die Grabungsfunde wurden damals dem Rawza Museum of Islamic Art in Ghazni übergeben und sind dort als Museumsbestand dokumentiert. In Folge der Destabilisierung Afghanistans 1978 und dem Einmarsch der Sowjetarmee 1979 kam es zu einer Auslagerung der Museumssammlung. Währenddessen ist das Paneel, das sich zurzeit noch im MKG befindet, gestohlen oder verbracht worden und tauchte Anfang der 1990er Jahre im Pariser Kunsthandel auf. Viele internationale Museen besitzen Objekte aus Afghanistan, die ebenfalls aus diesen Ausgrabungen in Ghazni stammen.

Seit 2014 bemüht sich das MKG unter Einschaltung des Kulturgutschutzes und des Auswärtigen Amtes um die Rückgabe des Paneels. Im Sommer 2018 kam es zu einem ersten Gespräch zwischen dem MKG, Vertreterinnen und Vertretern der afghanischen Botschaft in Berlin und deutschen Behörden. Nun kann das MKG als erstes deutsches Museum ein Objekt nach Afghanistan zurückgeben. Bereits 2006 restituierte das Pariser Musée Guimet Stücke an das Afghanische National-museum. Im Juli 2019 kündigte das British Museum die Rückgabe von Buddha-Skulpturen an, die vermutlich durch die Taliban in den Kunsthandel gebracht wurden und 2002 an einem Londoner Flughafen beschlagnahmt wurden.

Publikation: „Raubkunst? Ein Marmorpaneel aus dem afghanischen Königspalast in Ghazni in der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg“, hrsg. von Sabine Schulze und Silke Reuther, mit Beiträgen von Julio Bendezu-Sarmiento, Claus-Peter Haase, Stefan Heidemann, Frank Hildebrandt, Tobias Mörike, Mohammad Fahim Rahimi, Silke Reuther und Sabine Schulze, mit Illustrationen von Moshtari Hilal, 84 Seiten, mit ca. 85 Abbildungen, ISBN 978-3-923859887, 9,90 Euro“

Quelle: www.hamburg.de/bkm 

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