Interview mit SuedLese-Autorin Susanne Bienwald über Literatur und Lokales:

Eine halbe Meile noch bis Harburg

Zweifel, Ängste, Traumata aber auch Freuden eines Menschen sind ihr Thema auch der 3. SuedLese: Susanne Bienwald (Foto: Maya Ueckert)

Die Hamburger Autorin Susanne Bienwald eröffnet bei der 3. SuedLese einen neuen Leseort – die Wilhelmsburger „Deichdiele“. Passend dazu ihr Buch „Da geht einer“. Wir haben vorab mit ihr gesprochen …

Susanne Bienwald stammt aus Eutin und ist seit 2001 als freie Autorin und Lektorin in Hamburg tätig. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik, Romanistik und Soziologie in Konstanz, Berlin und Hamburg.

Nach Auslandsaufenthalten in der Türkei, in Griechenland und Spanien und einem kurzen Zwischenspiel im Schuldienst arbeitete sie für den SWR in Baden-Baden. Mit dem Film „Innenansichten eines Außenseiters“ gewann sie 2002 den Münchener Preis der LiteraVision.

Später veröffentlichte sie beim Verlag  Hoffmann und Campe und dann im Literaturverlag Expeditionen ihre Künstlernovelle „Da geht einer“. Im Kadera-Verlag erschien zuletzt der Roman „Wittensee“ – ein Buch, das sich dem Thema ´Hochsensibilität` beschäftigt. Dies stellte sie 2017 bei der 2. SuedLese in der Kulturwerkstatt Harburg vor. Auch ist sie Mitglied und im Vorstand der Autor*innen-Vereinigung ´Writers’ Room`in Hamburg.

Tiefgang (TG): Du hattest schon 2017 in der Kulturwerkstatt gelesen. Wie war Dein Eindruck von der SuedLese? Ein Format das gefällt?

Susanne Bienwald: Gefallen hat mir die freundliche, ja fast familiäre Atmosphäre, die vor, während und nach meiner Lesung zu spüren war. Es schien mir so, als würden die ZuhörerInnen sich Zuhause fühlen. Viele kannten sich offenbar. Sprachen miteinander. Das ist natürlich auch für jeden Lesenden schön, wenn solch eine Stimmung herrscht. – Jetzt aber denke ich daran, wie ich mit Rüdiger Käßner draußen stand und dachte, wie schmal und verletzlich er doch aussah. Und dass er nicht krank werden dürfte … Es ist für alle, die ihn kannten und für die Hamburger Literaturszene ein Verlust, dass Rüdiger gestorben ist.

(Rüdiger Käßner (´Tiefgang` berichtete) war Autor und auch Literaturveranstalter in Hamburg, arbeitete viel auch in und mit der Kulturwerkstatt Harburg und las selbst dort im Rahmen der 2. SuedLese. Anfang Februar diesen Jahres verstarb er, Anm. d. Red.)

TG: In „Wittensee“ geht es um die Studentin Xenia, die mit Extrovertiertheit und Hochsensibilisierung zu kämpfen hat und in der Einsamkeit einen inneren Wandel vollzieht. Bei der aktuellen Lesung ist es ein „Marsch“ auf der Suche nach der inneren Berufung. Ist die innere Gespaltenheit oder Unsicherheit – könnten man es so nennen? – ein Grundthema deiner Bücher?

Bienwald: Ja, da bist du wahrscheinlich auf der richtigen Spur. Ich würde es so sehen: Mich bewegen inneren Vorgänge; die Zweifel, Ängste, Traumata, Freuden eines Menschen. Die tieferen, oft verborgenen Gründe für Entscheidungen und Verhalten. Und da wir wahrscheinlich alle mehr oder weniger Rollen spielen – so empfinde ich es jedenfalls -, sind es Verdrängungen und Spaltungen, die dann mit ans Licht kommen.

TG: Du eröffnest der SuedLese mit Deiner Lesung am 8. April erstmals die Türen zur Wilhelmsburger „Deichdiele“. Schon mal dagewesen?

Bienwald: Eine Freundin von mir lebt in Wilhelmsburg. Mit der war ich schon mal in der Deichdiele. Sie freut sich über meine Lesung „um die Ecke“ und wird sicher kommen.

TG: Was hälst Du von der SuedLese-Idee, vor allem lokalen Literat*innen mit Lesungen an neuen Orten zu würdigen?

Bienwald: Ich bin ja bekennende Lokalpatriotin (wenn auch für Ostholstein). „Wittensee“ ist auch eine Hommage an meine norddeutsche Heimat. Den lokalen Bezug also finde ich großartig. Durch die Wahl der Orte werden hoffentlich auch Schwellen gesenkt, sowohl bei den Zuhörern („ach, die Kneipe kenn` ich, da seh` ich mal vorbei, obwohl ich sonst nicht zu Lesungen gehe“), als auch bei den Veranstaltern, die plötzlich neues Publikum in ihren Räumen haben. Ja, und dann ist natürlich so eine Art Stolz vorhanden. Was wir hier Tolles auf die Beine stellen. Ich hab ja schon letztes Jahr erlebt, dass sich meine Zuhörer miteinander unterhalten haben. Und da haben sich einige gleich zur nächsten Veranstaltung verabredet. Das fand ich richtig gut.

„Eine halbe Meile noch bis Harburg. Ich wünschte, ich könnte für immer dableiben.“ So heißt es in dem Roman, den ich in der Deichdiele vorstellen werde. Wenn das kein Lokalbezug ist!

TG: Du bist als Autorin  auch aktiv als Vorstandsmitglied des Writers Room Hamburg. Wie schätzt Du die literarische Szene Hamburgs aktuell ein? Wie siehst Du die Szene selbst, ihre Themen?

Bienwald: Ich meine zu beobachten, dass sich die Hamburger Szene im Augenblick öffnet für neue Formate der Präsentation von Literatur. Etwa die Ahab- Lesungen, die AutorInnen aus verschiedenen Ländern zusammenbringen; das hat es vorher so nicht gegeben.        

Vielleicht steigt in einer zunehmend digitalisierten Welt das Bedürfnis nach „analogen“ Begegnungen. Eine Lesung ist viel mehr als der Text, den man sich herunterladen kann. Man sieht den Menschen, der ihn geschrieben hat, hört seine Stimme, kann ihn befragen. Befindet sich mit anderen Interessierten im Raum. Das ist ein großer Wert.

Im Moment warten viele auf die erste Ausgabe von „Tau“; einer neuen Hamburger Literaturzeitschrift mit bundesweiten Ambitionen.

Von offizieller Seite gibt es Unterstützung, aber lange nicht genug. Man schmückt sich gern mit Literaten, aber schaffen sollen sie es am besten ohne Unterstützung. Hamburg hat da eine lange ungute Tradition. Kollegen, die in München oder Berlin gewesen sind, berichten von einer ganz anderen Wertschätzung, die man ihnen dort entgegengebracht hat. Wenn ich erzähle, dass ich Schriftstellerin bin, höre ich als erstes: „Kann man denn davon leben?“ Scheint mir ein typisch hanseatischer Satz zu sein. Einmal hätte ich wegen meines „unzuverlässigen“ Berufs fast eine Wohnung nicht bekommen. „Schriftsteller? Die verdienen doch nichts. Können Sie sich die Wohnung überhaupt leisten?“

TG: Was dürfen von Dir als nächstes erwarten?

Bienwald: Ausnahmsweise mal ein kleines heiteres Buch, „Ich, Mina aus der Gärtnerstraße“. Ein selbstbewusster Terrier-Mischling berichtet von Killer-Enten, kritisiert menschlichen Rassenwahn und erklärt die Relativitätstheorie.

SuedLese-Termin: So., 8. April, 18h, Deichdiele, Veringstraße 156, 21107 Hamburg

Das Buch:

In „Da geht einer“ beschreibt Bienwald einen Marsch auf mehreren Ebenen. Im März 1839 machte sich der noch unbekannte junge Autor Friedrich Hebbel zu Fuß auf den Weg von München nach Hamburg. In „Da geht Einer“ wird dieser gefährliche Marsch unmerklich zu der Reise eines Dichters auf der Suche nach seiner Berufung. Ein Mensch auf der Suche nach sich selbst, der sich dabei zwischen Himmel und Hölle, Depression und Selbstüberschätzung, Euphorie und Demütigung hin und her, hinauf und hinab bewegt. Der Roman beschreibt ein Reiseabenteuer, das nicht nur quer durch Deutschland, sondern zugleich in das Herz eines Dichters führt und nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern in jeder Zeit spielt.

 Susanne Bienwald: Da geht einer: kartoniert / broschiert, Paperback; ISBN-13: 9783943863482, 204 Seiten, 220 x 155 mm, erschienen: 14.3.2016

(Das Interview für ´Tiefgang`führte Heiko Langanke.)

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