Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Diesseits vs. Jenseits

Foto: Sonja Alphonso

Ich heiße Sophie und ich bin Denkerin.

Manche Sachen denke ich mir einfach aus, d. h. ich stelle sie mir vor, besonders dann, wenn sie nicht einfach zu verstehen sind. Wie beispielweise die Tatsache, dass es Krieg und Frieden gibt. Mit dem Krieg haben die meisten Menschen ihre Not. Es ist auch für mich schwer zu begreifen, was uns dazu veranlasst, uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen oder anderweitig zu schaden.

Nehmen wir einmal an, es gäbe Taglinge und Nachtschwärmer. Sie kämen prima mit ihresgleichen klar, teilen aber nicht das andere Lager. Was genau stört sie daran, dass ein Teil der Bevölkerung wo und wie auch immer anders lebt? Wie soll eine Rechthaberei dieses Ausmaßes je entschieden werden? Sowohl morgens als auch abends würde die eine Seite über die andere siegen und triumphieren. Doch was wäre gewonnen – außer ein paar Stunden?

Warum begreifen wir uns nicht als Kollektiv? Ich denke öfters, ich bin nicht eine, sondern viele. Einige Gesichts-, aber auch Charakterzüge färbten von Verwandten und Freunden, Bekannten und Unbekannten auf mich ab. Die Denkerstirn und die angewachsenen Ohrläppchen vererbte mir z. B. meine Mutter, die Nase habe ich von der Oma und die Züge um den Mund kommen nach meinem Vater. Ich teile weitestgehend alle Eigenschaften mit allen menschlichen Vor- und Nachfahren, von Kleingeistigkeit bis Großmut.

Selbst mit denen bin ich verbunden und verstrickt, zu denen ich ein distanziertes Verhältnis habe, weil sie etwas in mir auslösen können, was mir eher unangenehm ist. Ich wehre ab, was mir nicht gefällt. Würde es nicht in mir auf einen Resonanzkörper stoßen, würde es keinen Widerstand auslösen. Ich verlagere ein Thema nach Außen, vielleicht, um es mit anderen Augen besser betrachten zu können. Aus der Distanz sieht man manchmal klarer. Und was ich denke, sagt in erster Linie etwas über mich aus, nicht über andere.

Wenn ich nicht in der Ablehnung verharre, sondern meinen Geist dehne, um zu erfahren, was dahintersteckt, kann ich am Widerstand wachsen, lernen und Erkenntnis gewinnen.

Wir gehören der Spezies Mensch an, sollten uns eigentlich wie Brüder und Schwestern fühlen und friedlich miteinander leben. Doch weit gefehlt. Eltern fragen ihre Kinder so oft: „Müsst ihr immer streiten?“ und tun es selbst.

Wir führen ein Leben inmitten von Ureltern und Kindeskindern. Wir ähneln uns, aber wir gleichen uns nicht wie ein Ei dem anderen. Wir haben verschiedene Farben, Vorstellungen und individuelle Schwächen und Stärken. Jeder einzelne ist ein wesentlicher Bestandteil der Menschheit, ein Teil der Welt und diese nur eine Kleinigkeit im Universum.

Wenn man ein Puzzle hat, ist es nicht klug, die Hälfte der Teile zu ignorieren oder gar wegschmeißen zu wollen – sonst wird man nie das Gesamtbild zusammenbekommen.

Wäre mein Name nicht Sophie, würde mir nicht im Traum einfallen, die nächste Frage zu stellen: Gehört also der Krieg dazu? Welche Verkettungen physikalischer oder göttlicher Gesetze erklären die Anziehungs- und Fliehkräfte, die auf uns wirken? Gravitation, Rotation, Magnetismus?

Ich weiß, es ist Wunschdenken, dass wir uns alle vertragen. Aber mit diesem Wunsch nach Frieden auf Erden stehe ich nicht alleine da. Und ich weiß auch, dass der Mensch lernfähig ist, ein Herz in seiner Brust schlägt und manche Worte uns wie Meteoriten treffen können, wenn sie groß und schwer genug sind, um nicht bei Eintritt in unsere Hemisphäre sofort zu verglühen.

(Jul. 2017, SZ)

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