Die Tür ist zu

Die Coronakrise aus Kindersicht

Foto: Kerstin Brockmann

Wie fühlt es sich an, plötzlich allein zu Hause zu sitzen, ohne Schule, ohne Freunde und Handballtraining? Davon erzählt die berührende Geschichte von Jona Thrän, der damit auf dem vierten Platz des Schreibwettbewerbs für Harburger Schüler gelandet ist.

„Das Motto ‚Die Tür‘ hat durch die coronabedingten Schulschließungen für viele Kids eine ganz neue, aktuelle Bedeutung bekommen“, sagt Kerstin Brockmann, Leiterin der Heimfelder Schreibwerkstatt. „Der Text von Jona ist ein wahres Zeitdokument, das unseren völlig veränderten Alltag sehr anschaulich aus der Perspektive eines Fünftklässlers schildert.“ Hier können Sie Jonas beeindruckende Geschichte lesen.

Die Tür

von Jona Thrän

(5. Klasse, Friedrich-Ebert-Gymnasium)

Ich sitze bei uns zu Hause im Flur und schaue auf unsere Haustür. Diese Tür ist schon seit vielen Tagen zu. Zum ersten Mal denke ich über diese Tür nach. Wie schön war es, als sie noch offen war. Ich bin jeden Tag durch diese Tür gegangen zur Schule, habe mich mit meinen Freunden draußen gegenüber auf dem Schulhof zum Fußball getroffen und bin zum Handball, dem tollsten Hobby der Welt, gefahren. In den Ferien sind wir zu meinem Freund nach New York geflogen. Es war eine völlig andere Welt. Jetzt breitet sich das Coronavirus aus und verändert meine Welt. Jetzt ist die Tür leider zu.

In den letzten Tagen ist mehr passiert als sonst in vielen Monaten. Kaum waren wir aus dem Urlaub zurück, gingen alle Türen für Menschen aus Risikogebieten zu. Noch in den Ferien wurde meine Schule geschlossen, alle Schulen. Ich habe verstanden, dass die Ausbreitung des Virus so schnell wie möglich gestoppt werden muss. Ich darf kaum noch rausgehen. Ab und zu spiele ich mit meiner Schwester im Garten Badminton. Andere dürfen wir nicht treffen. Ich vermisse meine Freunde.

Am Anfang fand ich die Schließung der Schule großartig. Jetzt muss ich den ganzen Tag allein lernen. Ich finde es entspannend, aber auch sehr einsam. Niemand kann mir helfen. Das schlimmste ist, dass kurz nach der Schule auch die Tür zu meiner Handballmannschaft geschlossen wurde. Sie haben die Punktspielsaison vorzeitig beendet und das Training einfach abgesagt. Ich bin traurig und es nervt mich, dass ich jetzt kaum Sport treiben kann.

Meine Mutter bringt vom Einkaufen ganz andere Sachen mit, als ich mir gewünscht habe. Sie erzählt, dass viele Regale leer sind. Wir probieren neue Sachen aus. Zumindest haben wir genug leckere Dinge im Kühlschrank. Ich denke darüber nach, was wir machen, wenn unser Toilettenpapier alle ist.

Es sollte mir eigentlich Angst machen. Aber Angst macht alles nur noch schlimmer. Wenn ich zu Hause hinter meiner Tür bleibe, stecke ich mich vielleicht nicht an. Ich kann das alles nicht ändern, vieles verstehe ich auch gar nicht richtig.

Wie gern würde ich meine Oma und meinen Opa besuchen, aber sie haben Angst und wollen uns nicht sehen. Und jetzt ist da ja auch noch diese geschlossene Tür. Meine Uroma hat auch so eine Tür, um sie mache ich mir große Sorgen. Meine Uroma liegt seit einer Woche im Krankenhaus. Niemand darf zu ihr. Sie ist immer allein und ich habe Angst, dass sie stirbt. Überall geschlossene Türen wie meine.

Wie schön war es, einfach durch diese Tür zu gehen. Oft habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Mal habe ich die Tür wütend zugeschlagen, weil ich schon wieder den Müll rausbringen musste. Manchmal war ich in Eile, weil ich mit dem Bus zum Handball wollte. Auch mit Freude bin ich durch die Tür gegangen, wenn ich mich mit Freunden getroffen habe. Ich vermisse die Zeit, in der diese Tür offen war.

Ich sitze immer noch im Flur und leider hat sich nichts verändert. Ich wünsche mir, dass meine Tür bald wieder aufgeht, unsere Haustür und all die anderen geschlossenen Türen. Hoffentlich wird dann alles so sein wie vorher. Ich kann es mir nur wünschen. Sonst kann ich nichts machen, außer zu Hause zu bleiben.

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