Einige Worte zur Decke, damit sie nicht auf den Kopf fällt …

Die Party geht weiter

Foto: sick-street-photography / Pixabay

John Pütz sitzt wie wir alle zuhause und macht sich so seine Gedanken …

Gestern dachte ich, mich beißt der Affe. Haben meinen Nachbarn über mir alle guten Geister verlassen? Permanent hörte ich ein Stampfen, Stöhnen und Juchzen. Erst dachte ich, der rückt seine Möbel um. Denn dass er mal wieder etwas an der Wohnung tun wollte, hatte ich mal auf einem Nachbarschaftsfest vernommen. Aber da dachte ich mir angesichts seines geisteswissenschaftlich-studentischem Outfits noch, mehr als einen Tisch und Karton wird da wohl in der Wohnung nicht umzustellen sein. Aber das nun gestern hörte sich an, als sei ein Barrikadenbau gegen das Virus in vollem Gange!

Oder waren es Geräusche extatischer Kopulation?!? Fiel dem etwa nichts anderes ein, als nun mit seiner Freundin jene Sexparties nachzuholen, die er aufgrund des eng getakteten Studiums der Philosophie stets verschieben musste? Ode hatte er gar seine Kommilitonen zur großen Weltuntergangsparty geladen?

Mir war unheimlich und zugleich dachte ich mir, „Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht!“, wie schon der Graf von der Schulenburg beim Einmarsch der Franzosen Anfang des 19. Jahrhunderts bei Jena ausrief (ja, meine historischen Kenntnisse sind nicht ohne – kannst Du aber auch bei Wickies starken Männern im Internet googlen) und wollte dem langhaarigen Mitbürger Einhalt verordnen. Ich ging zur Haustür, um ihn über die Haussprechanlage berührungsfrei zur Ordnung zu rufen und klingelte. Einmal, klingelte zweimal … das Getöse nahm unbeeindruckt seinen Lauf. Gefühlte 15 Minuten hämmerte ich auf seine Klingelanlage ein und dachte zugleich, dass bei dem ja auch der „Russe vor de Tür“ wenig Chancen hätte, sein Territorium einzunehmen.

Dann ein Geistesblitz! Hatte mir nicht gestern Dieter von seiner Videokonferenz über Skype erzählt? Das ist doch jene Technik, mit der jungen Hypster heutzutage die Welt  wahrnehmen, sich ein „Bild machen“ von ihren Mitmenschen und ernsthaft glauben, dass sei gepflegte Konversation.

Also – ab in die Wohnung, das Notebook aufschlagen, Skype aktivieren, Namen eingeben und aha! Da fand sich der Bursche im Nirvana dubioser elektronischer Wolken. Mit einem Mausklick stieß ich ihn an und der drahtlose Draht wurde zu ihm hergestellt. Ein virtuelles Fenster öffnete sich auf meinem Bildschirm – das war immerhin sauber! Im Gegensatz zu seinen Fenstern im analogen Leben, die es durchaus mit den dicksten und schwärzesten Theatervorhängen hätten aufnehmen können … Und da sah ich den Grund allen Übels.

Von wegen Orgie, Möbelrücken oder der doch lange erwartete und ersehnte Durchfall! Eine Kopfhörer-Party machte er. Über Skype hatten sich eine Schar von scheinbar hirnlosen Nachpubertierenden mit einander vernetzt und sich per Kopfhörer Musik auf die Ohren gezimmert und tanzten dazu. Disco in hunderten Satelliten-Räumen, weltweit und eben auch direkt über meiner Wohnung und meinem Wohnzimmer. Sie tanzten in ihren Küchen, auf den Betten, auf den Fluren und sogar im Badezimmer ihrer verwahrlosten Studentenbuden und feierten die Geselligkeit per Satellit.

Tja. Nicht schlecht, dachte ich. Und da will man als alter Mann ja nicht die jungen Leute stören. Ich zog den Stecker, klappte mein digitales Fenster zur Außenwelt zu, ging zum Nachtschrank, kramte und siehe da: ich hatte doch noch ein paar Ohrenstöpsel im Depot. Dann also gute Nacht, denn die Party geht doch weiter.

John Pütz

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