Der Harburger Autor Christoph Rommel liest bei der SuedLese im Irish Pub:

Die Individualität von Abgründen

Foto: alarsenault / Pixabay

Das Leben ist hart und die Welt ist schlecht. Der Harburger Autor Christoph Rommel hat zwar auch keine Antwort, will aber helfen, dem Unsinn standzuhalten. Bei der SuedLese verrät er wie …

Auf die brennenden Fragen der Gegenwart hat auch Christoph Rommel eigentlich keine Antwort. Die Texte des Autors und Mitglieds der Harburger Schreibwerkstatt sollen aber bestenfalls helfen, dem ganzen Unsinn standzuhalten. Heilloser Konsum, Gewalt, die Verlockungen von Drogen und manchmal sogar Sex sind einige der Themen, um die es in den Geschichten, Gedichten und Romanausschnitten der Lesung geht.

Zwischen ätzendem Spott und schneidender Kritik angesiedelt handelt es sich weder um Betroffenheitsliteratur noch um Grübeltexte, sondern um eine flotte Demaskierung der bigotten Spießbürgerlichkeit. Unsere Autorin Sonja Alphonso hat mal nachgefragt.

Tiefgang (TG): Du gehört schon zu den alten Hasen, was die SuedLese anbelangt. Was macht dich zum Wiederholungstäter?

Christoph Rommel: Ich möchte ein Feedback auf meine Texte erhalten. Dazu ist eine Lesung eine gute Gelegenheit.

TG: Du hast dein Programm selber zusammengestellt. Nach welchen Kriterien?

Rommel: Einiges verrät die Ankündigung. Wir alle leben in Konflikten und Widersprüchen und versuchen, damit klar zu kommen. Manche dieser Probleme sind äußeren Umständen geschuldet, andere haben wir uns selber eingebrockt und andere entspringen unserer persönlich geprägten Wahrnehmung. Das alles zu sortieren und zu bewältigen nennt man „das Leben“.

Darum geht es in meinen Texten. Mir hilft es, sie zu schreiben. Vielleicht hilft es den Zuhörern, dass Ironie und Humor eine Rolle dabei spielen. Vieles, das bedrohlich erscheint, hat auch seine lächerliche Seite.

TG: Was inspiriert dich? Welche menschlichen Abgründe ergründest du vorzugsweise?

Rommel: Inspirieren kann alles, wenn ich mich inspirieren lassen will. Das Gespräch von Leuten am Nebentisch im Café, das ich indiskreterweise genauestens mitverfolge, eine Zeitungsnotiz, ein Foto. Die Liste dürfte lang werden. Wenn ich dann anfange zu schreiben, kommt es zu einer eigenen Schreibdynamik. Die Inspiration will weiter entwickelt werden und so wird ein Gedicht oder eine Geschichte daraus. Oft anders, als ich es ursprünglich selber gewollt hatte. Die Abgründe werden ja ganz individuell wahrgenommen, meist dadurch, dass einem schwindelt. Vielleicht sind es Tabus, Ängste oder Gelüste.

TG: Ich sehe eine vage Ähnlichkeit mit Loriot und Klaus Hoffmann. Es muss wohl an deinem Schalk in deinen Augen liegen und auch an deinem trockenen Humor. Hast du das schon häufiger gehört?

Rommel: Nun ja, die Anspielung auf Loriot höre ich öfter. Mich hat das insofern erstaunt, als es mir überhaupt nicht bewusst war. Aber für einen Makel halte ich es nicht. Allerdings, mich mit dem Meister zu messen, das wäre doch vermessen.

TG: Welche Autoren hast du als Vorbilder? Welchen Anspruch stellst du an lesenswerte Lektüre?

Christoph Rommel

Rommel: Wie viele Seiten darf die Antwort füllen? Puh, ich reduziere. In letzter Zeit habe ich viel von Alice Munroe und Agota Kristof gelesen. Zwei Meisterinnen. Sie haben immer die Herrschaft über ihr Erzählen, nichts ist ohne Bedeutung und das alles in der einfachsten, klarsten und daher schönsten Sprache. Das nimmt mich gefangen und ist für mich lesenswert. Aber auch die Geschichten von Patricia Highsmith mit den katastrophalen Einbrüchen in den Alltag können mich begeistern.

Oha, sind ja alles Frauen und keine Deutschen dabei.

TG: Kannst du eine Aussage dazu machen, wie lange du in der Regel an einer Geschichte sitzt, bis du mit dem Resultat zufrieden bist? Ich meine nicht, in Zeit gemessen, sondern auf den Prozess bezogen. Wie oft überarbeitest du – oder schüttelst du deine Geschichten auf Anhieb aus dem Ärmel und lässt es dann so?

Rommel: Eine Geschichte schreibe ich fast immer in einem Zug und lasse sie dann ein bisschen liegen. Später schau ich noch mal rein und überarbeite vorsichtig und maßvoll. Aber das nicht zu lange, irgendwann muss der Text raus. Ich bin auch nicht sehr fleißig.

Gedichte dauern etwas länger. Die Entwürfe liegen auf dem Schreibtisch. Wenn mir was einfällt, kommt es dazu oder etwas wird gestrichen. Das dauert länger. Der Roman, an dem ich arbeite, ist wirklich am aufwendigsten, was Zeit und Umfang anbelangt. In jedem Fall muss eine Inspiration für einen Gedanken und den Schluss da sein. Der Schluss ist immer das Schwierigste.

TG: Man hört von Autoren häufiger die Klage über Schreibblockaden. Kennst du das auch oder ist dir so etwas fremd?

Rommel: Leider ist mir das nur allzu vertraut. Wenn ich völlig leer bin, hilft mir das Lesen eigener, älterer Texte oder Entwürfe. Wenn ich mir die Frage stelle, warum ich diesen Text überhaupt geschrieben habe und warum in dieser Form, wird mir oft erst klar, was mich angetrieben hat, diesen Text zu schreiben und was eigentlich meine Themen sind.

Wenn gar nichts hilft, einfach mal gar nicht schreiben. Oder lesen. Überhaupt geht es ja gar nicht ohne Lesen.

TG: Mal ganz unter uns und im Vertrauen: Wärst du gerne berühmt?

Rommel: Mit dem Ruhm ist das so eine Sache. Es gibt gegenwärtig viele Berühmtheiten, von denen ich noch nie etwas gehört habe und auch nicht hören werde. Dieser Ruhm breitet sich in Medien aus, die ich kaum oder gar nicht nutze. Was ich fatal finde, ist sich für den eigenen Ruhm zu verbiegen. Ich habe auch den Verdacht, dass Ruhm oft mit Reichtum verwechselt wird. Persönlich hätte ich nichts gegen Reichtum. Auch Ruhm ist ganz OK. Beides wird sich in meinem Falle eher nicht einstellen.

TG: Vielen Dank für dieses Interview! Wir wünschen dir und deinem Publikum gute Unterhaltung!

Termin: Christoph Rommel „Abgründe und andere Gründe“, Di, 10. Apr. 2018, 20:00 Uhr, The Old Dubliner, Neue Straße 58 / Lämmertwiete

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

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