Uraufführung des Kantatenzyklus vom Harburger Rainer Schmitz:

Die „Glaubenszeichen“ der Architektur

Ein Ohrenschmaus für Freunde der Kirchenmusik und Architektur gleichermaßen: das Partiturmanuskript zu "Glaubenszeichen" (Fotos: Forum Klangkultur)

Architektur in Musik zu erklären, scheint erst einmal absurd. Aber unmöglich? Harburgs Kantor Rainer Schmitz hat gleich vier Kantaten komponiert. Nun werden sie uraufgeführt.

Von Peter Kerbusk

Der Kantatenzyklus „Glaubenszeichen“ entstand im Laufe des Jahres 2012. Anders als die Kantaten der Barockzeit beziehen sich diese Kantaten nicht mehr auf das Kirchenjahr, sondern auf grundlegende Symbole des Glaubens, abgeleitet von der Architektur einer Kirche. Die Texte der vier Kantaten mit den

Titeln „Der Weg“, „Der Stein“, „Das Kreuz“ und „Das Licht“ sind eher assoziative Zusammenstellungen von Bibelversen und Choralstrophen, die sich auf das jeweilige Symbol beziehen. Erhalten geblieben ist „die Hoffnung, die Zuhörerin oder der Zuhörer möge durch die Musik Charakter und Bedeutung des jeweiligen Symbols sinnlich erfassen und erleben“, sagt Rainer Schmitz.

Uraufführung des Gesamtwerks

Die Idee zu dem Werk entstand im Rahmen einer Gottesdienstreihe über die Architektur der Harburger St. Johanniskirche, die als Hamburgs erster moderner Kirchenneubau nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst sehr umstrittenen war. In seinem Vortrag erläuterte der damals schon hoch betagte Architekt Walter Gebauer seine Grundgedanken zu dem 1951 entworfenen Sakralbau und gab so der ungewohnten Asymmetrie und Kargheit des von ihm gestalteten Raums nachvollziehbare theologische Entsprechungen. Inspiriert von der schlichten Ästhetik der am Bauhaus-Stil orientierten Architektur komponierte Kreiskantor Rainer Schmitz eine Kirchenmusik im wahrsten Sinne des Wortes, deren vier Kantaten zunächst nacheinander an vier Sonntagen im September 2012 erstmals aufgeführt wurden.

Concertino Harburg

Fünf Jahre später folgt nun die Uraufführung als abendfüllendes Gesamtwerk. Es macht dem Zuhörer vor allem die inneren Zusammenhänge der Musik besser deutlich. Denn in allen vier Abschnitten finden sich Figuren und Sequenzen, die als Leitmotive fungieren und so einen Bogen über das Werk spannen. Im großen Zusammenhang erleichtern sie das Wiedererkennen und verdeutlichen gleichzeitig die Veränderungen der Sinnzusammenhänge. So verwandeln sich zum Beispiel die Motive, die anfangs in der Kantate „Der Weg“ noch die Suche nach Orientierung symbolisieren , in der letzten Kantate „Das Licht“ in puren Jubel, quasi als Antwort auf die tastende Sinnsuche des Anfangs.

„Das Licht“ als glanzvolles Finale

Auch die von Kantate zu Kantate wechselnde Besetzung des Orchesters, die mal einer meditativen, mal einer theatralischen Umsetzung der Texte dient, wird im zyklischen Zusammenhang noch besser deutlich. Im Eingangssatz etwa werden die Streicher, die ebenso wie der Chor und die Solisten das ganze Werk bestreiten, nur von Holzbläsern ergänzt. In der zweiten Kantate („Der Stein“) kommen ganz gezielt die aparten dunklen Klangfarben des Marimbaphons zum Einsatz. Umso größer wirkt dann der Kontrast der Blechbläser und Pauken in „Das Kreuz“. Erst in der Kantate „Das Licht“ erklingt das komplette Orchester und bildet zusammen mit dem Glockenspiel schließlich das glanzvolle Finale des Werks, in dem Gesangssolisten und Choristen das von den Instrumenten klangmalerisch illustrierte Geschehen verkünden und theologisch interpretieren.

Für die Sänger und Musiker enthalten die Kantaten mit ihrer expressiven Tonsprache und ihren zahlreichen rhythmischen Irritationen manche Tücken, für den Zuhörer jedoch bleibt die Musik trotz aller Modernität jederzeit verständlich. Taktwechsel und Akzentverschiebungen folgen stets dem Sprachgestus der Bibel- und Gesangbuchtexte, die die Themen aus der Perspektive von Evangelisten und Psalmisten behandeln.

(Peter Kerbusk, Redakteur des neuen Newsletters des Förderkreis FORUM KLANGKULTUR Harburg. Er selbst musiziert selbst an der Blockflöte und im Ensemble Flauti vivi) kammerorchesterharburg./foerderkreis

Zum Förderkreis siehe auch ´Tiefgang`vom 4. März 2017: tiefgang/auch-eine-mozart-messe-braucht-maezeen

Die Termine im Detail:

Sa, 4. Nov., 12:30 Uhr, St. Johannis, Bremer Straße 9, 21073 HH:

Werkeinführung zum Kantatenzyklus „Glaubenszeichen“ durch Rainer Schmitz im Rahmen des 14. Harburger Kulturtags

Mitwirkende: Cantate Harburg, Concertino Harburg Eintritt: frei

Sa, 11. Nov., 17:00 Uhr, St. Johannis, Bremer Straße 9, 21073 HH:

„Glaubenszeichen“, Kantatenzyklus von Rainer Theodor Schmitz

Mitwirkende: Sophie-Magdalena Reuter (Sopran), Tiina Zahn (Alt), Simon Kannenberg (Tenor), Bernd Leo Treumann (Bass); Cantate Harburg, Konzertchor Buchholz; Concertino Harburg (mit Gästen), Rainer Schmitz (Leitung) Eintritt: frei (Spenden erbeten)

So., 12. Nov., 19:30 Uhr, Kulturkirche St. Johannis, Wiesenstraße 25, 21244 Buchholz i.d.N.:

„Glaubenszeichen“ Kantatenzyklus von Rainer Theodor Schmitz

Mitwirkende: Sophie-Magdalena Reuter (Sopran), Tiina Zahn (Alt), Simon Kannenberg (Tenor), Bernd Leo Treumann (Bass); Cantate Harburg, Konzertchor Buchholz; Concertino Harburg (mit Gästen), Rainer Schmitz (Leitung) Eintritt: frei (Spenden erbeten)

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