Museum für Kunst und Gewerbe vollzieht personellen und inhaltlichen Wandel:

Die geklaute Kunst

"Nicht alles, was wir schätzen, müssen wir auch physisch besitzen." Sabine Schulze (Foto: Michaela Hille)

Mächtig was los rund ums Museum für Kunst und Gewerbe. Zum einen ist es zum Vorreiter geworden, wenn es um die Aufarbeitung seines postkolonialen Vermächtnisses angeht. Zum anderen steht ihm Ende des Jahres ein Führungswechsel bevor.  

Unter dem Titel „Raubkunst? Die Bronzen aus Benin“ eröffnete das Museum in der Nähe des Hauptbahnhofs nun eine Ausstellung, die sich ausführlich mit der Provenienzforschung beschäftigt.

Die Behörde für Kultur und Medien Hamburg teilte dazu kürzlich mit:

„Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) hat die Herkunftsgeschichte der drei Benin-Bronzen aus seiner Sammlung erforscht und die Rolle des Gründungsdirektors Justus Brinckmann in diesem Zusammenhang offengelegt. Die Ergebnisse präsentiert das MKG ab dem 16. Februar 2018 im Rahmen der Ausstellung Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG und in einer begleitenden Publikation.

Die amtierende Direktorin Sabine Schulze: „Museen müssen lernen“. (Foto: Marcelo Hernandez)

Dass es sich bei den Bronzen um Raubkunst handelt, steht heute außer Frage. Britische Truppen beschlagnahmten sie 1897 zusammen mit anderen Objekten im Königspalast von Benin und verbrachten sie nach Europa. Justus Brinckmann erkannte die künstlerische Kraft und Präzision der Einzelstücke sofort. Als erster deutscher Museumsdirektor erwarb er Bronzen und setzte durch Vorträge und Veröffentlichungen eine intensive Erforschung der Benin-Kunst in Gang. Brinckmanns Begeisterung weckte auch das Interesse anderer Museen und löste einen regen, von Hamburg ausgehenden Handel aus. In der Hafenstadt Hamburg mit den in Afrika verankerten Handelsfirmen saß Brinckmann an zentraler Stelle und trat als Vermittler auf. Von den rund 50 Bronzen, die durch seine Hände gingen, blieben drei im MKG. Ein großer Teil wurde in die Sammlung des Museums für Völkerkunde Hamburg abgegeben, anderes war zum Weiterverkauf bestimmt.

Raubkunst auch online käuflich. (Bild: ebay)

Für das eigene Haus hatte Brinckmann wenige Objekte vorgesehen, die einen beispielhaften handwerklichen und künstlerischen Umgang mit dem Material Bronze veranschaulichen sollten. Da die Sammlung des MKG auch zu Lehrzwecken der im Museum ansässigen Kunstgewerbeschule genutzt wurde, hatte die kunsthandwerkliche Qualität der Objekte oberste Priorität. Mit dem Auszug der Kunstgewerbeschule Anfang des 20. Jahrhunderts ging diese didaktische Anbindung jedoch verloren. Es gibt heute keinerlei Hinweis darauf, ob und wie die Bronzen damals ausgestellt waren. Zuletzt waren sie 2010 in der Epochen und Kulturen übergreifenden Sammlungspräsentation Body & Soul zu sehen und 2012 als Gäste in der neu aufgestellten Antiken-Sammlung einbezogen.

In der Kultur ihres Heimatlandes, dem Königreich Benin in Nigeria, werden sie nicht nur als Kunstwerke angesehen, sondern haben eine identitätsstiftende Bedeutung. Dieser Umstand verlangt nach einer angemessenen Würdigung ihrer ursprünglichen Bestimmung, die das Museum für Völkerkunde Hamburg im Kontext seiner Sammlungen besser leisten kann. Deshalb werden sie im Anschluss an ihre Präsentation im Rahmen der Raubkunst?-Ausstellung im MKG an das Museum für Völkerkunde Hamburg übergeben, das vor dem Hintergrund seiner umfangreichen Sammlung afrikanischer Kulturgüter und seiner ausgewiesenen Kompetenz den notwendigen Zusammenhang für die weitere Erforschung der Herkunftsgeschichte und den transnationalen Austausch mit Nigeria und dem Königshaus bietet.

„Größter kolonialer Kunstraub“

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Es ist sinnvoll und wichtig, dass die Provenienzforschung auf Objekte ausgeweitet wird, die in der Kolonialzeit erworben wurden. Als bedeutende Hafen- und Handelsstadt profitierte Hamburg jahrhundertelang von der europäischen Expansion nach Übersee und entwickelte sich schließlich zur Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Auch im Zusammenhang mit einem der wohl größten Kunstraube der Kolonialgeschichte – der Plünderung des Königspalasts von Benin-City 1897 durch die britische Kolonialarmee – kommt Hamburg als Drehscheibe des internationalen (Kunst-)Handels eine zentrale Rolle zu. Die vom MKG erforschten Objektbiografien veranschaulichen die Komplexität der kolonialen Verflechtungsgeschichte, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.“

„Museen werden lernen müssen“

Prof. Dr. Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg: „Die besondere künstlerische Qualität der Bronzen aus Benin hat Brinckmann treffend eingeschätzt, in Publikationen und Vorträgen hat er die Kenntnis der Bildwerke in Europa verbreitet und damit auch die anhaltende Wertschätzung dieser Kunstwerke mit etabliert. Durch diese Leistung des Gründungsdirektors bleiben die drei Objekte in der Geschichte des Museums verankert, auch wenn wir sie jetzt an die ethnologische Sammlung übergeben. Nicht alles, was wir schätzen und interpretierend in unseren kulturellen Horizont aufnehmen, müssen wir auch physisch besitzen. Museen werden in Zukunft lernen müssen, sich von Beständen zu trennen, denen sie in der Gegenwart nicht mehr gerecht werden.“

Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums für Völkerkunde Hamburg: „Wir haben in Hamburg heute die Chance, eine Vorreiterrolle im Umgang mit dem schwierigen Erbe der Benin-Kunstschätze einzunehmen. Damit könnten wir das Vermächtnis Justus Brinckmanns, als jenem, der die Initialzündung zum Forschungs- und Sammelinteresse im deutschsprachigen Raum gegeben hat, in eine neue Richtung lenken und Schritte zur Verständigung einleiten. Ich freue mich, diesen Prozess im Auftrag der Stadt aktiv anzugehen und zu lenken.“

Tulga Beyerle kommt

Und nun steht fest, dass Tulga Beyerle zum 1. Dezember 2018 die neue Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg wird und somit die Nachfolge von Prof. Dr. Sabine Schulze antritt, die ihre eigentlich beendet Amtszeit noch mal um ein halbes verlängerte. Tulga Beyerle ist zur Zeit noch   Direktorin des Dresdner Kunstgewerbemuseums. Hierzu verkündete die Behörde für Kultur und Medien:

Tulga Beyerle (Bild: Katharina Gossow)

„Der Stiftungsrat des Museums für Kunst und Gewerbe unter Vorsitz von Senator Dr. Carsten Brosda hat beschlossen, Tulga Beyerle zum 1. Dezember 2018 die künstlerische und wissenschaftliche Leitung des Museums für Kunst und Gewerbe zu übertragen. Beyerle ist seit 2014 Direktorin des Dresdner Kunstgewerbemuseums, Schloss Pillnitz, einem der renommiertesten Kunstgewerbemuseen Deutschlands. Um einen guten Übergang zu gewährleisten, verlängert die derzeitige Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Prof. Dr. Sabine Schulze, ihren Anstellungsvertrag noch einmal um sechs Monate bis 30. November 2018.

„Erfahren und innovativ“

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit Tulga Beyerle übernimmt eine erfahrene und zugleich innovative Museumsdirektorin die Leitung des Museums für Kunst und Gewerbe. Sie ist international anerkannt und steht für eine moderne und attraktive Museumsentwicklung. Als Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden ist es ihr gelungen, dem Haus zu neuem Glanz zu verhelfen und es innerhalb der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gut zu platzieren. Mit Tulga Beyerle haben wir eine Persönlichkeit gefunden, die das Museum für Kunst und Gewerbe und die großartige Entwicklung, die das Haus in den letzten Jahren genommen hat, mit neuen Impulsen bereichern wird. Ich danke auch Prof. Dr. Sabine Schulze, dass sie das Haus ein weiteres halbes Jahr führen wird, um so einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten.“

„Großartig aufgestelltes Haus“

Tulga Beyerle: „Prof. Dr. Sabine Schulze hinterlässt ein großartig aufgestelltes Haus, das sich in den Jahren ihrer Leitung einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat. In diese Fußstapfen zu treten ist eine Herausforderung, aber auch eine große Freude und Ehre. In den letzten vier Jahren konnte ich am Kunstgewerbemuseum in Dresden, unterstützt durch den Verbund der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und mit einem großartigen Team, die Sammlung neu erschließen und ihr Aktualität und Sichtbarkeit geben. In Hamburg stellen sich, aufbauend auf der erfolgreichen bisherigen Linie, neue Aufgaben, wie zum Beispiel das Haus durchlässiger zu machen, sich lokal bis international zu vernetzen, die Forschung zu stärken. Das Museum für Kunst und Gewerbe ist mit Sicherheit das lebendigste und mit seiner Sammlung wahrscheinlich das spannendste Haus für angewandte Kunst in Deutschland und weit darüber hinaus. Dazu beizutragen, dass zentrale Themen unserer Gegenwart und Zukunft in Hamburg diskutiert werden und das Museum in dieser Diskussion führend ist, ist mein langfristiges Ziel. Das Thema ist letztlich die Gestaltung unserer Welt. In diesem Sinne trägt das Museum für Kunst und Gewerbe eine hohe Verantwortung und ist von großer Relevanz.“

Prof. Dr. Sabine Schulze: „Ich freue mich sehr über diese Wahl. Tulga Beyerle war immer meine Wunschkandidatin! Ihr Engagement für zeitgenössische Gestaltung bewundere ich, ihre Begeisterung ist ansteckend. Sie wird das Museum für Kunst und Gewerbe in eine gute Zukunft führen.“

Tulga Beyerle ist seit 2014 Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden, Schloss Pillnitz, und zugleich Mitglied der Geschäftsführung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, einem der führenden Museumsverbunde Deutschlands. 2006 gründete sie die Vienna Design Week und war bis 2013 eine ihrer Leiterinnen. Zuvor war sie als selbstständige Kuratorin in Wien und Glasgow erfolgreich tätig.

Diskurs auf hohem Niveau

Ihre derzeitige Wirkungsstätte, das Dresdner Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, ist Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Das Museum verfügt über eine hochkarätige Sammlung und ist eines der ältesten Kunstgewerbemuseen Deutschlands. Es entstand, ebenso wie das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, ursprünglich in Verbindung mit einer Schule. Dieser programmatische Gründungsgedanke, sich durch Inspiration für die beste Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft einzusetzen, ist auch das zentrale Anliegen Tulga Beyerles, die das Museum als Möglichkeitsraum und Plattform für Diskurs und Verhandlung, möglichst ohne Schwellen, aber auf höchstem Niveau verstanden wissen möchte.

Gelernte Tischlerin

Tulga Beyerle wurde 1964 in Wien geboren. Nach einer mit Gesellenprüfung abgeschlossenen Tischlerlehre studierte sie Industrial Design in Wien und unterrichtete an der dortigen Universität für angewandte Kunst im Anschluss für rund sieben Jahre Designgeschichte und Theorie. Tulga Beyerle verfügt über hervorragende nationale wie internationale Beziehungen. Sie ist unter anderem Beiratsmitglied des Bundeskanzleramts für Kunst und Kultur in Österreich und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Mudac, dem Museum für angewandte Kunst in Lausanne.“

Quelle: www.hamburg.de/bkm

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