Serie „Gedenken in Harburg“: Martin Furmanek - Ernastraße 15 (Wilhelmsburg)

Der die Wehrkraft zersetzende Rentner

Grafik: S. Schnell

Er protestierte für Kohlen und war seitdem als Quertreiber unter Beobachtung. Das kostet ihn als Rentner gar sein Leben.

Martin Furmanek wurde am 09. Okt. 1877 als Sohn des Arbeiters Jakob Furmanek und seiner Ehefrau Petro­nella in Jaskulki im Kreis Adelnau, Provinz Posen (heute: Jaskółki, Polen), geboren. Wann und wie es ihn nach Wilhelmsburg zog, ist unbekannt. Anhand der überlieferten Meldekartei lässt sich lediglich nachweisen, dass die Familie Furmanek im Jahr 1903 in Wilhelmsburg lebte, da in diesem Jahr eine ihrer Töchter auf der Elbinsel geboren wurde.

Protest für Kohlen

Im Januar 1933 lebte Martin Furmanek in der Straße ´Am kleinen Kanal 13`. Er gehörte sehr wahrscheinlich zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Protestzügen, die sich Anfang des Jahres 1933 wiederholt zum Wilhelmsburger Rathaus begaben. Die Protestierenden wollten damit Sonderbelieferungen von Kohlen für die Erwerbslosen und ihre Familien erwirken. Eine Abordnung der demonstrierenden Personen verhandelte mit den Behördenvertretern. Diese lehnten jedoch eine Extralieferung Kohlen ab.

Am 30. Januar 1933 eskalierte der Protest. Gegen 10 Uhr am Vormittag bewegte sich ein Protestzug von 600 bis 800 Menschen auf das Rathaus zu. Die Beamten im Rathaus nahmen telefonisch Kontakt zum Harburg-Wilhelmsburger Senator Klemm (SPD) auf und erfuhren, dass in Harburg ebenfalls Demonstrationen stattfanden. Wieder bildeten die Demonstrierenden eine Kommission, die im Wohlfahrtsamt die Ausgabe von Kohlengutscheinen forderte. Dies wurde erneut abgelehnt. Zwischenzeitlich waren immer mehr Menschen in das Rathaus geströmt. Die Menge kündigte an, nicht eher wegzugehen, bis ihre Forderungen erfüllt würden, Menschen stürmten die Büros und bedrohten die Verwaltungsbeamten. Die Polizei, die mittlerweile das Rathaus umstellt hatte, griff nicht ein.

Untersuchungshaft wegen Kohlen

Schließlich ordnete Senator Klemm die Ausgabe der Kohlenscheine an. Nach einer dreieinhalbstündigen Belagerung des Amtes durch die Erwerbslosen waren bis 14 Uhr die Kohlenscheine ausgegeben. Gegen zehn Personen wurde nachfolgend von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Stade Anklage wegen „schweren Aufruhrs und Landfriedensbruch, räuberischer Erpressung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung“ erhoben. Die Angeklagten kamen in Untersuchungshaft. Unter ihnen befand sich auch der Arbeiter Martin Furmanek, der zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde.

Vorwurf: ´zersetzende Rede`

Er wurde vermutlich von nun an von den Behörden aufmerksam beobachtet. Zehn Jahre später, im Mai 1943, denunzierte ihn jemand. Er wurde verhaftet und am 16. Juli 1943 in das Untersuchungsgefängnis Hamburg gebracht und am 6. Dezember 1943 in das Untersuchungsgefängnis (Berlin-)Plötzensee verlegt. Dort wartete er auf sein Verfahren vor dem Volksgerichtshof. Das Gericht warf ihm vor, „zersetzende Reden“ in einem Zugabteil gehalten zu haben. Aus diesen soll hervorgegangen sein, dass Furmanek den Sowjets den Sieg wünsche und dass er einer „illegalen kommunistischen Organisation“ angehören würde. Den letzteren Anklagepunkt konnte der Volksgerichtshof Martin Furmanek nicht nachweisen. Jedoch war er durch seine aktive Mitgliedschaft in der Roten Hilfe kommunistisch „vorbelastet“: Vor 1933 hatte Martin Furmanek an den Wohnungstüren der Mitglieder Geldspenden gesammelt. Die Rote Hilfe sammelte Spenden u. a. zur Unterstützung von Familien politischer Gefangener und für Kampagnen zur Amnestie politischer Gefangener sowie gegen die Vollstreckung von Todesurteilen. Seine politische Einstellung wurde deshalb nun vom Volksgerichtshof als kommunistisch eingestuft.

Urteil: Todesstrafe

Schon vor dieser Verhaftung war Martin Furmanek zweimal denunziert worden: Einmal hatte er angeblich 1942 auf den „deutschen Gruß“ einer Hausangestellten mit dem „Rot-Front-Gruß“ geantwortet, und im Mai 1943 soll er „in einer Gastwirtschaft abfällige Bemerkungen über die Reichsregierung“ gemacht haben.

Der Volksgerichtshof fällte ein brutales Urteil: Der 66-jährige Rentner Martin Furmanek wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat (Zersetzung der Wehrkraft)“ am 22. Dezember 1943 vom 2. Senat zum Tode verurteilt. Am 29. Dezember 1943 wurde er ins Zuchthaus Brandenburg-Görden gebracht und dort am 6. März 1944 hingerichtet.

Der Stolperstein für Martin Furmanek liegt in der Asphaltkehre am Ende der Ernastraße in Wilhelmsburg. Die alten Häuser dort sind mittlerweile abgerissen. Im früheren Haus Ernastraße 15 hatte Martin Furmanek seinen letzten Wohnsitz.

Ernastr. 15 in Wilhelmsburg (OpenStreetMap)

© Barbara Günther

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: AfW, 091077 Furmanek, Martin; Recherche und Auskunft Prof. Dr. Johannes Tuchel, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, vom 24.7.2007; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 75, 246; Anklageschrift und Bericht in der Wilhelmsburger Zeitung vom 2.9.1933, Kopie VVN-BdA Harburg; Brauns, Hilfe, S. 37f.

stolpersteine-hamburg.de

geschichtswerkstatt-wilhelmsburg.de

 

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