Kirchberg kommt zur SuedLese mit Erich-Kästner-Programm in die Fischhalle:

„Das schreibende Gewissen der Deutschen“

Fertig machen: Johannes Kirchberg gibt einen Kästner-Abend in der Fischhalle. (Foto: Gesine Born)

Johannes Kirchberg gastiert bundesweit, ist aber im Hamburger Süden zuhause. Nun tritt er mit einem Erich Kästner-Programm bei der 5. SuedLese auf. Grund genug mal nachzuhaken …

Johannes Kirchberg ist Chansonsänger und Musikproduzent gründete 2000 gründete er das Plattenlabel dermenschistgut Musik, wo er junge Gruppen produziert. Seit 2011 ist Kirchberg Ensemblemitglied vom Theaterschiff DAS SCHIFF in Hamburg. In der Fischhalle trat er im Mai 2019 mit seinem Wolfgang-Borchert-Programm „Meine Seele ist noch unterwegs“ auf.

Bei der diesjährigen SuedLese macht der aus Leipzig stammende Johannes Kirchberg eine tiefe Verbeugung vor dem Dichter Erich Kästner, der in den dortigen Kaffeehäusern seine ersten Gedichte schrieb.

„Freunde, nur Mut, lächelt und sprecht: Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht.“

Manches ist aus dem eigenen Wortschatz kaum wegzudenken wie beispielsweise „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (mein persönlicher Wahlspruch), auch wenn uns vielleicht gar nicht bewusst ist, dass das ursprünglich von Kästner kam. Der Mann ist jedenfalls eine Legende.

Johannes Kirchberg ist seines Zeichens auch kein unbeschriebenes Blatt, sondern einer, der aus dem Vollen zu schöpfen scheint und auch noch Noten schreiben und lesen, spielen und singen kann. Man erinnere sich an seine Auftritte in unseren Gefilden im Wasserturm am Elbdeich, auf der Freilichtbühne beim letzten Sommer im Park oder die Kulturtage – Gelegenheiten, bei denen das Publikum hellauf begeistert war.

Nun denn: „Ich dagegen bin dafür“, dass einer wie er dem anderen das Wasser reicht.

Tiefgang (TG): Was ist die Idee zu diesem Erich-Kästner-Abend in der Fischhalle Harburg?

Johannes Kirchberg: Da steckt keine Idee dahinter. Es ist einfach eine große Freude, in der wunderschönen Fischhalle aufzutreten. Ich wurde im letzten Jahr eingeladen, mein Wolfgang Borchert Programm zu spielen. Und es wurde ein sehr berührender Abend, der mich sehr beseelt hat. Die Menschen der Fischhalle wurden mir zu Freunden. Da Literatur einen großen Platz in der Fischhalle hat, haben wir uns für das nächste Gastspiel Erich Kästner ausgesucht. Von mir aus darf das gerne eine Tradition werden. An mir scheitert das nicht, denn ich habe noch ein paar musikalisch-literarische Abende im Gepäck. Das Engagement der Kulturmacher im Harburger Hafen kann gar nicht genug gewürdigt werden. Was dort auf die Beine gestellt wird, verdient größten Respekt. Und Erich Kästner passt natürlich auch sensationell nach Harburg. Nicht nur, weil ich in Hausbruch wohne und wie er aus Sachsen komme, sondern auch weil er ein urkomisches Gedicht über Hamburg & Harburg geschrieben hat. Ich werde es am 26.03. einbauen.

TG:  Wann machtest du Bekanntschaft mit seinen Texten? Durch „Emil und die Detektive“?

Johannes Kirchberg: Ich habe leider die Kinderbücher als Kind nicht gelesen. Zum Glück durfte ich sie später für mich entdecken. Aber sehr zeitig fielen mir seine Gedichte in die Hände und ich begann, sie zu vertonen, um sie zu meinen eigenen Stimmen zu machen. Sie waren immer Ausdruck meiner Gefühlswelt. Und wenn ich schreiben könnte, würde ich gern so schreiben wie Kästner. Er ist für mich das schreibende Gewissen der Deutschen. Zum 100sten Geburtstag 1999 durfte ich am Leipziger Schauspielhaus einen Abend gestalten. „Der Mensch ist gut“ hieß das Programm. Und es war der Beginn meiner Karriere. Seitdem sind noch drei andere Erich Kästner Programme entstanden. Und nach wie vor lässt er mich nicht los. Und wenn ich Kummer habe oder unter Ausweglosigkeit leide, lese ich immer noch hin und wieder in der „Lyrischen Hausapotheke“. Eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

TG: Ist er zu einem Vorbild für dich geworden? Wenn ja, warum?

Johannes Kirchberg: Naja, Vorbild nicht unbedingt. Moralische Instanz vielleicht. Wie oft spricht man Kästner, ohne es zu wissen? „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ ist das wohl bekannteste Epigramm von ihm. Aber auch „Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“ ist so aktuell und treffend wie vor hundert Jahren. Ich bin Kästner dankbar, denn durch seine Gedichte wurde meine Liebe für die Lyrik geweckt.

TG: Du trittst auch auf kleinen Bühnen auf. Wie wichtig ist dir die Tuchfühlung zum Publikum?

Johannes Kirchberg: Wenn es gut riecht, das Publikum, dann genieße ich die Tuchfühlung … (lacht) … im Ernst, ich mag die kleinen Bühnen. Ich singe gern unverstärkt und vor neugierigen Menschen. Auch gern in privater Atmosphäre. Aber ich mag natürlich auch die große Bühne. Das Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie war schon eine große Nummer.

TG: Neben dem Interesse an zeit- und gesellschaftskritischen Texten scheint dich auch der Humor mit Kästner zu verbinden. Sorgt Humor nur für Unterhaltungswert, oder siehst du einen tieferen Sinn darin? Anders gefragt: Was bedeutet Humor für dich?

Johannes Kirchberg: Heißt es nicht irgendwo „Humor ist der Regenschirm der Weisen“? Solange Satire nicht in Sarkasmus abrutscht, ist mir Humor ein gern gesehener Begleiter. Deshalb spiele ich neben den Literaturprogrammen auch ein eigenes Kabarettprogramm. TESTSIEGER heißt es und es ist humorvoll und unterhaltsam. Die Songs sind Ende Januar auf CD erschienen. Eine opulente Produktion mit Streichorchester und Bläserensemble, Chor und Band. Mit ganz großem Besteck sozusagen.

TG: Vom Spaß zum bitteren Ernst: Wenn man überlegt, dass die Nationalsozialisten damals Bücher von Kästner verbrannten – und er sogar dabei zugesehen hat… Was geht dir dann durch den Kopf?

Johannes Kirchberg: Ich finde es schon verrückt, dass Kästner so viel vorausgesehen hat, dass er immer ein Mahner und Warner gewesen ist, dass er verboten wurde und dennoch Zeitzeuge blieb. Dass er das Land nicht verlassen hat, sondern Chronist seiner Zeit war. „Manchmal“, schrieb er „ist der Alltag, auch im Krieg und unterm Terror eine langweilige Affäre.“ Zum großen Glück ist er irgendwie durch diese schlimme Zeit gekommen und hat seinen Kopf behalten. Er hatte vor, einen großen Roman zu schreiben, hat es aber dann nach dem Ende des Krieges nicht getan. Er hat es, nach eigener Aussage nicht gekonnt und nicht gewollt.

TG: Damit das Interview nochmal die Kurve kriegt bzw. angenehm ausklingt: Welche Spielorte gefallen dir in Harburg besonders gut und warum?

Johannes Kirchberg: Die Fischhalle ist natürlich ein traumhafter Ort im Hafen. Ich mag die Bühne im Stadtpark und das „Sommer im Park-Festival“ und ganz sensationell finde ich den neuen Saal im BGZ Neugraben, das JOLA. Ich habe die große Freude, dort das Kulturprogramm zusammenzustellen. Aber das sind natürlich nur die Orte, die ich als Kabarettist kenne und bespiele. Daneben gibt es noch viele Bühnen mehr im Hamburger Süden, deren Engagement gewürdigt gehört.

TG: Herzlichen Dank für das Interview!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 Termin: Mi., 26. Mrz., Erich Kästner-Abend mit Johannes Kirchberg, 19 Uhr Fischhalle Harburg, Kanalplatz 16, 21079 Hamburg

Verwandte Beiträge

Druckansicht    

Facebook Kommentare