Künstler beim Harburger Kulturtag am 4. Nov. 2017 – Ulrike Hinrichs & „Wir sind Harburg“

Das Recht auf Kunst und Perspektiven

Das Harburger Rathaus - Objekt und Ausstellungsort des aus Syrien stammenden Künstlers Emad Hashem der Gruppe "Wir sind Harburg".

Am 4. Nov. 2017 ist wieder Harburger Kulturtag. Wir wollen Euch ein paar der teilnehmenden Künstler*innen mal persönlicher vorstellen. Heute: Ulrike Hinrichs und das Projekt „Wir sind Harburg“.

Sie studierte Jura, wurde von der Kunst gebannt und von Harburg angezogen. Nun stellt sie beim 14. Harburger Kulturtag wieder aus. Und nicht allein, denn „Wir sind Harburg!“: Ulrike Hinrichs.

Tiefgang (TG): Am 4. November 2017 findet zum 14. Male der Harburger Kulturtag statt. Auch dabei die Ausstellung bzw. das Kunstprojekt „Wir sind Harburg – Bürger malen ihre Stadt“. Was hat es mit Ihnen und dem Projekt auf sich?

Ulrike Hinrichs: Das Projekt ´Wir sind Harburg` ist ein künstlerisch-kulturelles Integrationsprojekt. Ich leite seit 2015 die von mir initiierte Künstlergruppe für Flüchtlinge ´Heimat Harburg` (www.heimat-harburg.de). In der Gruppe sind auch Profis, wie Emad Hashem, der in Syrien eine Kunstprofessur innehatte. Diese Gruppe hat mir gezeigt, wie verbindend das gemeinsame künstlerische Schaffen sein kann, auch teilweise ohne gemeinsame Sprache. Auch unsere Ausstellungen haben in Harburg viel Aufmerksamkeit erlangt, zum Beispiel auf dem letzten Harburger Kulturtag. Da ist mir die Idee gekommen, dass auf alle Harburger auszuweiten und ein Kunstprojekt zu starten mit einer Hommage an Harburg, einem Stadtteil, der ja in der feinen Hamburger City oft als Bronx gesehen wird.

Ich sehe Harburg heute ganz anders oder vielleicht gefällt mir dieses Image heute auch. Ich habe lange in Berlin gelebt und bei meiner Rückkehr nach Hamburg war mir der hippe Norden zu hochglanzpoliert. Harburg dagegen ist in Bewegung. Da passieren spannende Dinge, es entwickelt sich Neues, wie zum Beispiel im Harburger Binnenhafen.

Harburgs Tubist von Emad Hashem.

 

TG: Was erwartet den Besucher?

Hinrichs: Unser Projekt ist für Harburger Künstler, kunstinteressierte Anwohner und Zugezogene, insbesondere auch geflüchtete Künstler. Wir malen unsere Stadt: Lieblingsplätze, Denkmale, besondere Orte und historische Plätze.

Der Harburger Tubist von Haji abdulkhader Gazi (Syrien).

Mit dem Projekt knüpfen wir an das Harburger Leitbild Zusammenleben in Vielfalt an. Harburg ist ein Stadtteil in dem Menschen aus den verschiedensten Regionen dieser Welt friedlich zusammenleben. Wir begreifen uns in Harburg als Gemeinschaft, die sich in Offenheit, Wertschätzung und gegenseitigem Respekt begegnet. Mit dem künstlerischen Projekt ´Wir sind Harburg` wollen wir diese Vielfalt zwischen den Kulturen und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Harburger noch weiter stärken. Das gemeinsame künstlerische Schaffen zum Thema Harburg unterstützt den – auch interkulturellen – Dialog und die Verbindung in der Gemeinschaft. Das gemeinschaftliche künstlerische Schaffen zu Motiven in der Umgebung verbindet Menschen untereinander und mit ihrem Stadtteil. Neu-Harburger – insbesondere Geflüchtete – werden in den Bezirk eingebunden.

Den Besucher erwartet in der Ausstellung eine spannende Vielfalt an Kunst von ganz unterschiedlichen Künstlern. Das gemeinsame Thema ist Harburg.

TG: Beim Harburger Kulturtag schon mal dabei gewesen? Wie gefällt er?

Hinrichs: Ich habe selbst schon zwei Mal auf dem Kulturtag ausgestellt und im letzten Jahr mit der Künstlergruppe für Flüchtlinge. Es ist wirklich viel los auf dem Kulturtag. Viel Bewegung, viele verschiedene Menschen. Mir gefällt auch die Idee des Kulturtages, für einen Tag die Kunst in Geschäften in den Vordergrund zu stellen. 2015 habe ich z.B. im Mieterverein ausgestellt, genau dort, wo ich einmal in der Woche berate.

TG: Was ist das Besondere an den Werken? Ihre Technik, Ihre Idee, Ihre Ausdruckskraft?

Hinrichs: Das wirklich Besondere ist aus meiner Sicht die Vielfalt an Kunst von ganz unterschiedlichen Künstlern, auch Geflüchteten, die die Stadt vielleicht nochmal ganz anders sehen oder eben auch nicht. Das gemeinsame und verbindende Thema ist Harburg. Mich interessieren an dem Projekt die verschiedenen Perspektiven zu Harburg. Orte und Objekte werden von verschiedenen Künstlern, auch Geflüchteten, aus verschiedenen Blickwinkeln gemalt, wie beispielsweise der Tuba-Bläser auf dem Harburger Rathausplatz, den wir in der Künstlergruppe für Flüchtlinge gemalt haben.

TG: Wie sind Sie persönlich zur Kunst gekommen?

Hinrichs: Ich habe schon als Kind mit Leidenschaft gemalt, hatte Kunst Leistungskurs und wollte eigentlich auch Kunst studieren. Dann bin ich leider falsch abgebogen auf dem Lebensweg. Eines der sehr wenigen Dinge im Leben, die ich heute noch bereue. Also liebe LeserInnen, folgen sie bei der Berufswahl ihrer Leidenschaft!

TG: Gibt es bevorzugte Techniken, Materialen in der eigenen Kunst?

Hinrichs: Ich arbeite hauptsächlich skulptural, mit Holz und in jüngster Zeit mit Pappmachee aus altem Büropapierschredder. Dabei verwende ich auch alte Haushaltsflaschen als Grundlage und verarbeite auch Fundstücke in den Figuren. www.aufdemsofa.com

TG: Gibt es eigentliche ein eigenes Atelier, eigene Räume, in denen die eigenen Arbeiten regelmäßig zu sehen sind?

Hinrichs: Nein. Ein eigenes Atelier wäre mein Traum.

TG: Sie arbeiten auch als Anwältin und Kunsttherapeutin. Sind das nur scheinbar krasse Gegensätze?

Hinrichs: Ja und nein. Auf den ersten Blick mag das nicht zusammen passen und in gewisser Weise stimmt das auch. Aber man muss das Ganze differenziert betrachten.

In der Rechtsberatung haben die Menschen vorrangig erst einmal einen oft hoch eskalierten Konflikt, den sie lösen wollen. Das erfordert oft mehr Seelenbeistand als die Rechtsberatung selbst, auch wenn man das in seinem Jurastudium natürlich nicht beigebracht bekommt.

Gleichzeitig ist das Recht auch Ausdruck eines Wertesystems in unserer Gesellschaft. Das wird ja auch gerade heute wieder viel diskutiert. Insofern gibt die Rechtslage bei der Lösung eines Konfliktes quasi eine gerechte Richtung vor, an der man sich orientieren kann.

Ich arbeite aber heute nur noch als außergerichtlich anwaltliche Mediatorin und für den Mieterverein zu Hamburg. Gerichtliche Auseinandersetzungen sind für alle Beteiligten sehr undankbar. Ich habe daher früh begonnen, mich im psycho-sozialen Bereich weiterzubilden, als Mediatorin, Coach und dann auch als Kunsttherapeutin.

Könnte ich die Lebensuhr nochmal zurückstellen, dann würde ich aber gleich Kunsttherapie studieren. Ich bin fasziniert von der Kunst als Sprache der Intuition. Dazu schreibe ich auch gerade mit einem Kollegen ein Fachbuch, das in Kürze erscheint.

Ulrike Hinrichs samt ´Luzifer`.

TG: Vielen Dank für das erkenntnisreiche Gespräch.

Die Ausstellung ist im Rathaus zu sehen und läuft auch nach dem Harburger Kulturtag (4. Nov.) noch bis zum 23.11.2017 und ist auch Teil der Harburger Gedenktage.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

 

 

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