Harburger Ausstellung lädt auch zum Dialog:

Das Grundgesetz in Farbe

Das Bild "Meinungsfreiheit" von Natascha Artworx ist Teil der Ausstellung.

Das Grundgesetz wird 70 und ist in Gefahr wie lange nicht mehr. Ist es nun Beschränkung oder Freiheit? Eine Ausstellung lädt zum bunten Austausch und überrascht mit Einsichten.

Das Kunst-Projekt „Gemalte Freiheit“ (siehe auch ´Tiefgang`“Die gemalte Freiheit“) zeigt am 23. Sept. 2018 ab 15 Uhr in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Harburg seine Werke. Aufgerufen waren alle Harburger und Harburgerinnen, insbesondere solche in schwierigen Lebenswirklichkeiten, ihren ganz persönlichen Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu zeigen. „Die Kunst kommt vom Allgemeinen zum Individuellen, vom Abstrakten zum Konkreten. Der künstlerische Prozess kann Widersprüchliches verbinden und Unsichtbares sichtbar machen. Er zeigt die im Grundgesetz normierten allgemeinen Werte unserer Gesellschaft mit einem individuell subjektiven Pinselstrich“, so Ulrike Hinrichs, gelernte Anwältin, Kunsttherapeutin und auch Initiatorin des Projektes.

„Justizia“ von Bettina Behrend

Entstanden ist eine breite Mischung an Kunstwerken von Live-Performance über Skulpturen, Gemälden und Collagen bis zu Fotografie. Und die von Rike Reichert geleitete Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“ hat etwas zum Grundgesetz genäht. Auch wird es eine musikalische Interpretation zum Grundgesetz geben.

„Wir dürfen gespannt sein“, sagt die Projektleiterin Ulrike Hinrichs, die in Harburg schon einige künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte initiiert hat. „Wir wollen über die Kunstwerke mit den Besuchern in einen Dialog kommen, über das Grundgesetz sprechen. Das ist wichtiger denn je, auch wenn ich an die aktuellen Ereignisse in Chemnitz denke“, so Hinrichs.

Und als gelernte Anwältin hat sie ohnehin einen spezielleren Blick auf dass Thema: „Eine ´Schönwetter-Demokratie`, also eine Demokratie in Zeiten, in denen alles einigermaßen normal läuft, ist einfach. Ob eine Demokratie aber wirklich stabil funktioniert, zeigt sich, wenn sie angegriffen wird. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Unser Land hat das sehr deutlich in Zeiten der RAF erlebt und mit den Terroranschlägen des  11. September 2001 gab es auch eine Zeitenwende in unserem Land. Seit dem wabert eine unkalkulierbare Terror-Gefahr wie eine graue Wolke über uns, die viele Bürger in ihrer gefühlten Sicherheit bedroht. Die Welt ist im Wandel, Migration, Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung. Die gefühlte Unsicherheit steigt. Unsere Gesellschaft hat sich langsam und stetig polarisiert. Viele Menschen sind demokratieverdrossen. Das können wir so nicht hinnehmen. Eine Demokratie lebt von vielfältigen Meinungen und einem differenzierten Blick. Wir müssen wieder mehr diskutieren und konstruktiv streiten, uns auseinandersetzen. Nicht schwarz–weiß sondern farbig-differenziert. Die Farb-Metapher passt gut zu unserem Kunst-Projekt. Wir wollen mit unserem Kunstprojekt zum einen das Grundgesetz ehren, aber auch den Menschen diese große Errungenschaft unserer Demokratie in Erinnerung rufen.

Kerstin Nagel-Steins „Menschenwürde“

Für mich war es schon erstaunlich, dass die geflüchteten Projektteilnehmer die Grundrechte durch die Integrationskurse besser kannten, als die hier aufgewachsenen Menschen. Und wenn ich beobachte was sich in unserem Land an polarisierenden Kräften an den Rändern mobilisiert, dann frage ich mich oft, wer hier eigentlich integriert werden muss. Aber mir geht es gar nicht so sehr darum, auf all die negativen Auswirkungen zu schauen, ich persönlich konzentriere mich ganz bewusst auf das Positive. Mir ist wichtig unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Denn Begegnung schafft Brücken. Und Kunst ist dabei das Verbindungsstück in der Begegnung. Das durfte ich schon durch andere Integrations-Kunstprojekt erleben. Auch die von mir vor 3 Jahren ins Leben gerufene Künstlergruppe für Flüchtlinge, mit der ich schon zahlreiche Ausstellungen gemacht habe, hat mir immer wieder gezeigt, wie leicht man über die Kunst zueinander findet, Kontakt- und Sprachbarrieren überwindet.“

Und wie ist sie nun ausgerechnet auf das Thema „Grundrechte“ als Kunstprojekt gekommen?

„Ich bin ein großer Fan unserer Grundrechte, das ist vielleicht schon klar geworden nach dem Gesagten, die Grundrechte sind ein wertvoller Schatz und die Pfeiler unserer Demokratie“, so Hinrichs. „Für viele sind das Recht im Allgemeinen und auch die Grundrechte im Speziellen aber sehr abstrakt, schwer greifbar.“

An den Workshops nahmen nun etwa 30 Leute teil: Geflüchtete, Rentner, Studenten, Berufstätige, Erwerbslose, psychisch Erkrankte, Profi-Künstler und künstlerische Laien; eine bunte kreativ-explosive Melange von unterschiedlichen Menschen. „Ich fand es sehr spannend, dass bei den Workshops die Teilnehmer*innen sofort in eine Diskussion kamen. Die eine Künstlerin beispielsweise gab in der Diskussion zum Ausdruck, dass sie sich mehr Sicherheit wünsche, die andere fühlte sich dagegen in ihrer Freiheit begrenzt durch immer mehr Gesetze. Und ja, das ist ja genau das Spannungsverhältnis, in dem der Staat sich gegenüber seinen Bürgern bewegt. Hier muss der Staat einen Ausgleich schaffen. Die Grundrechte geben insoweit den Rahmen vor.

Ill. Sonja Alphonso

Weitere Infos unter: www.grundrechtekreativ.de

Das Projekt wird unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Bundes-Förderprogramm „Demokratie leben!“ und dem Bezirksamt Hamburg-Harburg.

Ausstellung „Kunst-Projekt „Gemalte Freiheit“ am So., 23. Sept. 2018, ab 15 Uhr; ab 16 Uhr künstlerische Führung mit Dialog: Ort: 3falt – Kunst, Kultur, Kreativität, Neue Straße 44, 21073 Hamburg

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