Buch: Essay unseres Kultursenators fordert Streitdebatte ein

Carsten Brosda: Die Zerstörung

Erweist sich in seinem Essay als regelrechter Streithammel: Carsten Brosda (Foto: Bertold Fabricius)

Ob Klima, Demokratie, EU, Handel oder gar die SPD – Zerstörung so weit das Auge reicht. Nun hat ausgerechnet Kultursenator Carsten Brosda dazu ein Essay geschrieben und es ist mehr als lesenswert.

In Hamburg schätzen ihn die einen als Kultursenator, andere als Rhetoriktalent und wieder andere als klugen Kopf. Und in der Tat, wer eine Rede von ihm live erlebt, wird kein „äh“ finden und sie selbst frei gesprochen wie gedruckt vorfinden.

Dr. Carsten Brosda, Jahrgang 1974, ist Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg und als dieser auch geschätzt. Er ist aber auch Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie und Co-Vorsitzender der Medien- und Netzpolitischen Kommission des SPD-Parteivorstandes. Nach einem Studium der Journalistik und Politikwissenschaft wurde er mit einer Arbeit über »Diskursiven Journalismus« promoviert. Er war Leiter der Abteilung Kommunikation des SPD-Parteivorstandes und arbeitet seit 2011 in Hamburg, zunächst als Leiter des Amtes Medien, ab 2016 als Staatsrat für Kultur, Medien und Digitalisierung und eben nach dem Tod von Kultursenatorin Kissler seit Februar 2017 als Senator.

Das Essay „die Zerstörung“ ist in wenigen Wochen nach der Europawahl 2019 entstanden. Die Idee kam auf, noch bevor wieder Rücktritte und Neuanfänge die SPD durchschüttelten. Auf die Idee brachte Brosda  die Programm-Verlagsleiterin von Hoffmann und Campe, Birgit Schmitz. Sie fragte ihn „lakonisch“ in einer Mail zu einem anderen Publikationsprojekt, ob es ihm nicht »in den Fingern jucken würde«, einige Gedanken zur aktuellen Lage zu Papier zu bringen. Brosda: „Das tat es sehr wohl.“

Und das Essay lohnt sich. Klar analysiert Carsten Brosda die Ursachen für das aktuelle Abrutschen der großen Volksparteien in der Wählergunst. Er skizziert die neue, oft kompromisslose politische Landschaft zwischen rechter Fremdenfeindlichkeit und grünem Kampf gegen den Klimawandel, und den wachsenden Einfluss der sozialen Medien, in denen zur Zerstörung der Volksparteien aufgerufen wird. Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren einiges kaputt gegangen. Zerstörung bedeutet aber auch, dass der Blick frei wird auf die Fundamente unserer Demokratie. Kann demokratische Politik ohne Kompromisse und Ausgleich auf Dauer überhaupt erfolgreich sein? Wie können wir der Komplexität der Aufgaben, die vor uns liegen, gerecht werden? Gibt es doch noch einen Platz für die »Volksparteien« in Deutschland? Und wie kann die Zukunft der SPD erfolgreich gestaltet werden? Brosda: „Wenn das 19. Jahrhundert im Zeichen des Kampfes um die Freiheit stand und das 20. Jahrhundert von Konflikten um die gerechte Verteilung von Teilhabe und Ressourcen geprägt war, wird das 21. Jahrhundert zunehmend von der Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt bestimmt werden.“

„Vernunft und Leidenschaft“

Die Weite des Essays zeigt sich schon in der Gliederung der Kapitel. Denn es geht um viele Formen der Zerstörung: die des öffentlichen Gesprächs, die der Mitte, der offenen Gesellschaft, des Planeten, der Zuversicht und der Volksparteien. Es geht in den letzten Kapiteln dann um Brosdas konkrete Überlegungen und Empfehlungen insbesondere an seine Partei, der SPD – also um Wiederaufbau und „Solidarität als Rahmen“ sowie der „Erzählung eines sozialen und demokratischen Fortschritts“, die radikale kommunikative Offenheit sowie „Vernunft und Leidenschaft“.

Ob die SPD in ihrer derzeitigen Verfassung da überhaupt als richtige Ansprechpartnerin für raisonale Gedanken, mag jeder für sich entscheiden. Aber das Thema ist größer. Denn es zeigt auf, wie unser System zwischen realen Begebenheiten (wissenschaftlichen er- und nachgewiesenen Tatsachen), re-agierender (Klientel-)Politik und Medien bzw. medialer Resonanz teils zerbricht, teils sich umformt, auf jeden Fall sich radikal ändert. Allein im Bereich Medien sind es eben nicht mehr die „Journallie“, die den Takt vorgibt. Im Grunde kann über Facebook & Co jede beliebige Person mediale Resonanz erzeugen und so auf das Geschehen zwischen den Politikfeldern eingreifen.

Und hier sieht Brosda Bedarf zur Diskussion: „In der Tat braucht es eine Diskussion – allerdings weniger darüber, wie man eine hergebrachte Vorstellung massenmedialer Öffentlichkeit sichert, sondern darüber, wie demokratische Kommunikation unter veränderten digitalen Bedingungen aussehen kann. Vor allem aber darüber, wie die Parteien politisch – und das heißt inhaltlich – auf die Leidenschaft der Kritik reagieren. Das gelingt nämlich nicht, indem sie den Diskurs auf das Nebengleis der Kommunikationsbedingungen im Land verschieben und dort mit den üblichen strategischen Erwägungen traktieren. Es braucht stattdessen Respekt und Ernsthaftigkeit in der Sache und den Willen, ebenso leidenschaftlich in das Gespräch darüber einzutreten, welche Rolle demokratische Politik, Parteien, Politikerinnen und Politiker künftig spielen sollen, welche Erwartungen sie zu erfüllen haben und wie echte gesellschaftliche Teilhabe aussehen kann.“

Ungewöhnlicher Blickwinkel

Interessant ist die Lektüre schon durch den ungewöhnlichen Blickwinkel, den Brosda einnimmt: Zerstörungen würden nämlich auch Verdecktes sichtbar machen und zuweilen erst das eigentlichen Gefüge („Tektonik“) einer Gesellschaft sichtbar machen.

„Darin liegt eine außerordentliche Chance, die Fundamente unserer Demokratie zu besichtigen, zu bewerten, wo nötig zu erneuern und wo möglich zu festigen. (…) Dass etwas aus dem Zusammenhang gebracht wurde, bietet die Chance, den Routinemodus zu verlassen, den zerstörten Zusammenhang auf seine Plausibilität zu prüfen und eine neue Fügung zu vereinbaren.“ Und: „Nach jeder Zerstörung folgt der Wiederaufbau.“

Als konkrete Beispiel hangelt er sich an der Bewegung um Pegida und AfD auf der einen Seite und – macht Sinn! – der #fridaysforfuture auf der anderen entlang. Denn so unterschiedlich sie sind, so sehr die Gemeinsamkeit des perteiübergreifenden Einens: „„Pegida und AfD versprechen eine heimelig homogene nationale Gemeinschaft, in der sich die Bürgerinnen und Bürger nicht mit den Spannungen und Konflikten kultureller und sozialer Vielfalt auseinandersetzen müssen. Die Aktivistinnen und Aktivisten von #fridaysforfuture und die Grünen schaffen ein globales Gefühl für die gemeinsame Betroffenheit im Kampf gegen die menschheitsbedrohende Katastrophe des Klimawandels.“

Und: „Auf ganz unterschiedliche Weise bieten beide Parteien ihren Anhängerinnen und Anhängern die Möglichkeit, sich hinter konkreten politischen Zielen und Vorhaben zu versammeln.“

´Wagnis des offenen Diskurses`

Letztlich finden sich viele nachdenkenswerte Ansätze zu ideologischen Leitbildern, veränderten Bedürfnissen nach Gemeinsamkeiten und der Erkenntnis, dass nur der Streit die Gesellschaft befrieden kann. Der Streit um Perspektiven, um Wege für die Zukunft, um konkrete Handlungen. Damit einher geht ein Plädoyer für ein streitbare Demokratie, die jedem viel abverlangt. Denn so schön ist, selbst auszuteilen. Noch schwerer ist, einzustecken und vor allem Streit auszuhalten.

Dazu, so Brosda, „bräuchte es einen Journalismus und journalistische Medien, die mehr als bisher das Wagnis des offenen Diskurses jeden Tag aufs Neue eingehen, neue Formate ausprobieren und nicht davor zurückscheuen, redaktionell Stellung zu beziehen.“

Kurzum: ein mehr als lesenswertes Essay, das gut leserlich, verständlich und bei aller Bearbeitung von Gedankenwelten recht konkret bleibt und mehr Stoff zur Diskussion und zum Nachdenken birgt als es Seiten umfasst. Man könnte sagen, ein echter Brosda eben.

Carsten Brosda: Die Zerstörung; ISBN: 978-3-455-00879-1, Sachbuch, 176 S., am 28.08.2019 erschienen, Preis: 18,- €

 

Weiterführend: hoffmann-und-campe.de

 

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